Beiläufig brilliant

Anta Reckes Inszenierung „Mittelreich“ an den Münchner Kammerspielen, eingeladen zum Radikal-jung-Festival ans benachbarte Volkstheater, ist weit mehr als Effekthascherei. Auch weil sie alles Schwarz- und Anderssein dann am deutlichsten zeigt, wenn sie es verbirgt.

Von Maximilian Sippenauer

Von Maximilian Sippenauer

Maximilian Sippenauer

Maximilian Sippenauer studierte in München und Paris Philosophie, Geschichte und Politische Wissenschaft. Daneben arbeitete er als Kulturjournalist bei dem Radiosender M94.5. Lebte und arbeitete anschließend in Berlin. Absolviert gerade den Ergänzungsstudiengang Theater- Film- und Fernsehkritik und schreibt daneben als freier Journalist (u.a. Spex, Süddeutsche Zeitung, Münchner Feuilleton).

Es ist die beiläufige Szene eines Faschingsfestes, der fast schon unschuldigste Moment dieses todernsten Stückes, darin Anta Reckes Ansatz plötzlich seine ganze Gewalt entfaltet. Eine Handvoll maskierter Gäste taumelt in die Seewirtschaft, ein Gewichtheber im Muskelanzug, ein grober Kerl im feinen, senfgelben Ballkleid, eine Frau in brauner Reithose, weißes Hemd, rote Binde, kleiner Hitlerschnauzer auf der Lippe, Krieg ist ja gerade vorbei. Und dazwischen ein Bürschchen, das als Schwarzer verkleidet geht. Sein Gesicht hat er mit Schuhcreme eingerieben, ein schwarzer Pollunder, ein buntes Baströckchen. Was man eben so macht und machte auf dem Land, an Fasching, in Bayern. Die Szene steht symbolisch für den verharmlosten Faschismus, die unterdrückten homosexuellen Neigungen oder den Alltagsrassismus. Dinge, die man dem Land eben so nachsagt. In Reckes Inszenierung aber gewinnt sie eine ganz andere Eklatanz. Denn in ihrer Interpretation wird die Faschingsgesellschaft, genauso wie alle anderen Personen, von Schwarzen dargestellt. So auch der Schuhcremeschwarze. Zwischen Gesicht und Rollkragen sieht man noch das reale Braun seiner Haut schimmern. Der geblackfacete, dunkelhäutige Schauspieler tritt hinter der Figur hervor. In diesem winzigen Detail übersteigt das Stück seinen historischen Charakter und den zeitgemäßen dazu und offenbart die Differenz zwischen Schwarz und Weiß in seiner ganzen Gewalt.

Anta Reckes „Mittelreich“ lässt einen auf Dinge schauen, die man sonst zu übersehen gewohnt ist. Das kommt nicht von ungefähr. Denn ihre Version des Stückes ist eigentlich die von Anna Sophie Mahler, eine exakte Kopie, um genau zu sein. An den Münchner Kammerspielen verantwortete Recke lange Zeit die Abendspielleitung von Mahlers „Mittelreich“-Inszenierung und sah sie deshalb immer und immer wieder. Irgendwann habe sich ihr dabei die Frage gestellt, wie das wohl klänge, wenn diese Sätze, die Joseph Bierbichler in seinem Generationenroman einer mittelreichen Familie um eine bayerische Seegastwirtschaft in den Mund gelegt hat, von einem schwarzen Ensemble gesprochen würden. Wie das wohl sei, wenn ein binnendeutscher Kriegsflüchtling schwarz sei, die Schilderungen sexuellen Missbrauchs durch katholische Priester oder einfach nur die gockelstolzen Hymnen auf das neue Grundig-Multifunktionsradio des pater familias von schwarzen Darstellern rezitiert werde? Jeder Satz vervielfacht auf einmal seine Bedeutungsebenen. Bürgerkrieg, katholische Mission, der Stolz auf Besitz, alles Themen, die freilich eine ganz spezifische, schwarze Geschichte haben. Beim Zuschauen kommt man an diesen Analogien nicht vorbei. Noch stärker aber sind die Momente, in denen man für eine Zeit lang vergisst, dass hier Schwarze weiße Rollen spielen, über das Sauschlachten und die Last eines Erbes monologisieren, und in denen man dann von einer winzigen Irritation, etwa wenn sich der Sohn des Hofes mit Kalk desinfiziert, wieder zurück geholt wird in das Unselbstverständliche dieser wie selbstverständlichen Inszenierung.

Anta Recke musste nicht wenig einstecken für ihre schwarzgefärbte Version von „Mittelreich“. Für einige klang das so, als würde es sich da jemand sehr leicht machen, so wichtig das Thema freilich sei, simple Betroffenheitsstrategien als hohle Effekte nutzen, sich mit verschwurbelten Konzepten an einer eigenen kreativen Arbeit vorbeimogeln. Tatsächlich aber verdient Reckes Interpretation großen Respekt. Auch handwerklich. Eindrücklich, wie präzise etwa Ernest Hausmann den greis-grantelnden Seewirt gibt. Bärbeißig aufrecht, nur die rechte Schulter ein Stückchen tiefer hängend und ein leichtes Zittern, das man nur am Schatten ablesen kann, den er groß auf die Wand wirft. Das ist das Sturkopferte ohne Abstriche in Bierbichler-Manier. Dass dann die eine oder andere Randfigur, seine Randfigurenhaftigkeit zu wortwörtlich flüstert und womöglich gegenüber der Besetzung in der Mahler-Inszenierung abfällt, geschenkt. Es ist diese Mischung aus exakter Kopie und Differenz davon, die einen immer wieder Fragen zu fragen zwingt, die klassisch politische Inszenierungen zu Themen wie Identität oder Rassismus oft zwar stellen, selten aber dringlich werden lassen. Diese Dringlichkeit liegt in eben jenen beiläufigen Details, die uns übermannen, wenn sie uns das zeigen, was noch lange nicht normal ist. Nicht in der Theaterwelt und erst recht nicht in der Welt drum herum.

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