Herz aus Pappmaché

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Theaterfestival Radikal jung am Münchner Volkstheater: Der symbolische Kitsch in Charlotte Sprengers Interpretation von „Alles, was ich nicht erinnere“ funktioniert wunderbar als Puffer zwischen Realität und Fiktion.

Von Michael Kohl

Von Michael Kohl

Michael Kohl

Studium der Kunst- und Kulturgeschichte (2014-2017) und Theater-, Film- und Fernsehkritik (seit 2017). Schwerpunkte: Bildende Künste und Film. Als Kunststudent, Cineast, Theatergänger und als nebenberuflicher Statist an der Bayerischen Staatsoper kenne ich beide Seiten des Münchener Kulturlebens: das Arbeiten für die und das Erleben von Kunst.

Es gibt Inszenierungen, die allein schon wegen ihrer bunten und grellen Gestaltung Befremden auslösen. Es gibt aber auch Inszenierungen, die aus diesem Grund fälschlicherweise unterschätzt werden. Erfreulicherweise trifft nicht nur Ersteres zu auf Charlotte Sprengers Bühnenadaption von Jonas Hassen Khemiris Roman „Alles, was ich nicht erinnere“ zu, eine Inszenierung des Kölner Schauspielhauses, das nun beim Radikal-jung-Festival am Münchner Volkstheater zu sehen ist.

Das Bühnenbild von Aleksandra Pavlović setzt sich aus einem schrägen Bühnenboden, einer Spiegelrückwand, vereinzelten Korallenriffen und einem zentral platzierten Herz zusammen – alles in Rot, Pink oder Lila. Die Kostüme – auch von Pavlović – wiederum erinnern an einen Sommernachtstraum-Verschnitt mit Anklängen an die Power Rangers und Gaultier. Wo befinden wir uns und wer sind diese seltsamen Gestalten?

Khemiris Vorlage ist eine narrative Rekonstruktion der Identität von Samuel, der bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist, anhand von Aussagen der hinterbliebenen Verwandten und Freunde. Statt zu einem namenlosen, recherchierenden Erzähler sprechen die Schauspieler vom Kölner Schauspielhaus direkt das Publikum an. Wir sind die Konstrukteure. Doch es werden nicht einfach Szenen aus Samuels Leben nachgestellt, sondern die Figuren pfeifen, singen, gurgeln, tanzen und springen durch die kunterbunte Phantasiewelt, während sie Witziges und Berührendes von ihren Begegnungen und Beziehungen mit Samuel erzählen. Die Kunstgriffe des Kitschs und der Ironie funktionieren deswegen so gut, weil nach einer Weile die passend gecastete Stimmen der Schauspieler sich von deren Körpern und Körpersprache zu lösen beginnen. Das imaginäre Bild von Samuel, das im Roman durch die gesammelten Aussagen entsteht, kristallisiert sich hier auf spielerische Art und Weise. Die Darsteller wechseln gekonnt zwischen cartoon-artigen Stimmen und ernstem Tonfall. Wenn man sich darauf einlässt, kann man sich die realen Orte wie Samuels WG, Omas Haus, ein Migrationsamt und Berliner Clubs leicht vorstellen, ohne dass sie auf der Bühne abgebildet werden.

Über Samuel erfährt man, dass er naiv, getrieben, einfühlsam und zugleich egozentrisch sein konnte. Für seinen besten Freund Vanda, den Johannes Benecke vorlaut, aber liebenswürdig spielt, zahlt er monatelang den Mietanteil. Max Bretschneider hüpft als Samuel von einer zur nächsten Lebenssituation und stellt den Toten weniger als einen widersprüchlichen Jungen dar, als vielmehr als einen, für den die Neugier nach dem vollen Leben und dem Tod die Grundmotivation für jede Handlung ist. Das hat seinen Preis. Für seine erste Liebe Panther reist er nach Berlin, lässt aber seine eigentliche Freundin Laide in Stockholm zurück. Sophia Burtscher spielt Laide als nüchterne und doch liebesbedürftige Frau, die zwischen dem nüchternen Alltag als Dolmetscherin und der Seelenbekanntschaft mit Samuel zu zerbrechen droht. Ihr Schmerz über seinen Tod ist berührend.

Andere Bekannte, wie die Mutter und die Großmutter, kommen leider nur kurz zu Wort. Wobei letztere mit ihrer Demenz die Fragilität der Erinnerung am besten zum Vorschein bringen könnte. Wie sich eine Identität durch Erinnerungen manifestiert, ist nicht erst eine Frage nach Samuels Unfall, sondern treibt den nachdenklichen Jungen schon zu seinen Lebzeiten um. Der Erinnerungsraum erweist sich hier einerseits als Phantasieprodukt der Figuren, anderseits als Projektionsfläche für die Zuschauer. Am Ende blicken alle auf das pulsierende Herz – gerahmt durch einen roten, herzförmigen Lichtkegel. Das kitschige Bild ist organisch und symbolisch zu verstehen.