Das Zerfließen der Zusammenhänge

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Ray Bradbury hat in seinem 1953 erschienen Roman „Fahrenheit 451“ eine Dystopie beschrieben, in der alle Bücher vom Staat verboten werden. Der Regisseur Wilke Weerman hat den Text am Schauspiel Stuttgart für die Bühne adaptiert – und ist nun damit zum Festival Radikal jung am Münchner Volkstheater eingeladen. Ein Gespräch über Bücher, Filme und Theater.

Von Michael Kohl

Von Michael Kohl

Michael Kohl

Studium der Kunst- und Kulturgeschichte (2014-2017) und Theater-, Film- und Fernsehkritik (seit 2017). Schwerpunkte: Bildende Künste und Film. Als Kunststudent, Cineast, Theatergänger und als nebenberuflicher Statist an der Bayerischen Staatsoper kenne ich beide Seiten des Münchener Kulturlebens: das Arbeiten für die und das Erleben von Kunst.

Herr Weermann, inwiefern haben Sie Ray Bradburys Szenario aktualisiert?

Wilke Weermann: Das Buch und die Natur habe ich auf ihre Plätze verwiesen. Bei Bradbury stehen sie noch für die Hoffnung, für ein Zurück sozusagen. Bei uns nicht mehr. In unserer Bearbeitung gibt es kein einziges Buch auf der Bühne, und die naturverliebte Clarisse ist auch nicht mehr als eine vor der Welt Flüchtende. Während Montags Frau Mildred permanent vor dem Fernseher hockt, spricht Clarisse von Achtsamkeit und Herbstlaub. Beide stellen sich nicht den Herausforderungen der Welt. Clarisse ist, könnte man sagen, dasselbe in Grün. Auch die Buchmenschen im Wald, die letzte Bastion der Hoffnung, habe ich verändert. Sie sind keine so feste Bastion mehr.

Aber können nicht auch andersherum Bücher den Lesern eine falsche Wahrheit propagieren oder Filme oder Serien zum kritischen Nachdenken anregen?

Ja, natürlich. Aber selbst Bradbury macht es sich offensichtlich nicht so einfach. Als Montag sagt, die Welt reiße sich selbst in Stücke, wirft ihm Faber – ein älterer Herr, der Bücher versteckt – vor: „Und was soll unsere Rettung sein? Menschen, die Goethe zitieren? Die sich an Sophokles erinnern? Warum willst du deine letzten Stunden im Käfig damit verbringen, dir selbst einzureden, du wärst kein Eichhörnchen?“ Dass ausgerechnet die Bücher zuerst abgeschafft werden, hängt mit ihrer Sperrigkeit zusammen. Ihre Kraft entfalten sie nur mit Zeit und Aufmerksamkeit, zwei Ressourcen, die sowohl bei Bradbury als auch in unserem Alltag hart umkämpft sind.

1966 erschien die Verfilmung von „Fahrenheit 451“ des französischen Regisseurs François Truffaut. Haben Sie Aspekte aus diesem Film übernommen?

Eigentlich nicht. Eine Ähnlichkeit ist, dass wir ebenfalls ohne die Figur des Faber auskommen. Er ist allerdings nicht, wie scheinbar bei Truffaut, Teil von Clarisse, sondern schlichtweg nicht vorhanden. Allerdings hört Montag einen Schlusschor, den ich Faber zuordnen würde, obwohl ich den Text geschrieben habe.

In Truffauts Film geht es zusätzlich zu der Konkurrenz zwischen Büchern und Fernsehen um den Film. Auf der Bühne geht es dagegen um das Dreier-Verhältnis Buch-Fernsehen-Theater. Wie haben Sie das umgesetzt?

Wir legen eigenständige Potenziale von Theater frei. Die Form des Spiels, die Sprechweise und auch die Anwesenheit der Zuschauer sind Kern der Inszenierung. Letzteres ist für mich wunderbar. Ich kenne die Rezeptionshaltung des Publikums. Niemand kocht, niemand bügelt, die meisten schlafen nicht. Bei uns hören sie einen schönen Soundtrack über Kopfhörer. Ein weiteres, konkurrierendes Sounddesign läuft im Raum. Da findet die Spaltung statt. Der Raum, eine dystopische Welt, gegen die Kopfhörer, das Gedudel der Unterhaltung. Sie können sie selbstständig auf- und absetzen, sodass alle verschiedene Verläufe erleben. Vielleicht erinnert sie dieses Nebeneinander an ihren Nicht-Umgang miteinander. Vielleicht vermissen sie sogar die Gemeinschaft einer normalen Zuschauersituation. Unter anderem durch diesen realen Eingriff beantworten wir die Frage danach, warum das eine Theater-Adaption sein muss: Es kann nur dort stattfinden.

Wie behauptet sich das Theater gegenüber den anderen beiden Medien?

Indem es aufhört, sich gegen, und anfängt, sich neben ihnen zu behaupten. Es kommt mir oft so vor, als versuche das Theater aus Angst vor Bedeutungsverlust ständig, sich an andere Formate anzupassen. Das ist die falsche Strategie. Wenn die Leute wirklich ins Theater gehen sollen, müssen sie das für etwas tun, das dort einzigartig ist, nicht, weil das Theater jetzt auch Serien produziert. Die Stärke von Theater liegt für mich trotzdem darin, den Gegenpol zu virtuosen Unterhaltungsformaten zu liefern und öffentliche Diskurse voranzutreiben. Das ist eine wichtige Aufgabe. Wenn wir die nicht erfüllen, gehen uns leicht die Inhalte verloren, und wir finden uns in der Welt von „Fahrenheit 451“ wieder.

Müsste man nicht heute auch das Medium Internet dazunehmen?

Mit dem Internet würde man eine Gesellschaft abbilden, die nichts vergessen will. „Fahrenheit 451“ hingegen zeigt eine, die ganz ohne Vergangenheit lebt. Zur Inhaltsleere führt zwar beides, der große Lärm wie die große Stille, doch es sind gegensätzliche Bewegungen. Darüber habe ich Texte geschrieben, die Teil der Inszenierung sind. Wollte ich eine Internet-Dystopie im Theater erzählen, würde ich eher „Black Mirror“ und „The Circle“ von Dave Eggers verwenden. „Fahrenheit 451“ ist da einfach die falsche Wahl.

Was ist der Grund für Montags Veränderung in Ihrer Inszenierung – vom gehorsamen Feuerwehrmann zum rebellischen Büchermenschen?

Montags Kehrtwende ist im Grunde keine. Er hat revolutionäres Potenzial in sich und das schon lange vor Beginn des Romans. Wir begleiten ihn lediglich dabei, wie er es freilegt. Ausgelöst durch Clarisses Frage: „Sind Sie glücklich?“, wird er Beobachter seines Lebens. Wir erzählen das Zerfließen der Zusammenhänge vor allem in der Form der Körperlichkeit und des Sprechens. Die Unerträglichkeit dieser Welt ist also für den Zuschauer sofort und bald auch für Montag evident.

Soll Ihre Interpretation am Ende zur Lektüre oder zum Theaterbesuch auffordern?

Sie soll dazu auffordern, den eigenen Alltag zu hinterfragen. Ob die Leute das zum Anlass nehmen, ein Buch oder ein Programmheft in die Hand zu nehmen, das ist sekundär. Beides allerdings würde mich durchaus auch freuen.