Bejahung durch Verneinung

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Der zweite Wurf: Die Münchner Kammerspiele geben im eigenen Haus ein Gastspiel beim Festival radikal jung am benachbarten Volkstheater mit Anta Helena Reckes Adaption von Sepp Bierbichlers „Mittelreich“. Kaum eine Inszenierung polarisierte in dieser Saison stärker. Auch weil sie mehr als nur das Unterschwellige über die Schwelle treten lässt.

Von Maximilian Sippenauer

Von Maximilian Sippenauer

Maximilian Sippenauer

Maximilian Sippenauer studierte in München und Paris Philosophie, Geschichte und Politische Wissenschaft. Daneben arbeitete er als Kulturjournalist bei dem Radiosender M94.5. Lebte und arbeitete anschließend in Berlin. Absolviert gerade den Ergänzungsstudiengang Theater- Film- und Fernsehkritik und schreibt daneben als freier Journalist (u.a. Spex, Süddeutsche Zeitung, Münchner Feuilleton).

„Mittelreich“ ist ein Bierbichler-Roman. Genauso ein Bierbichler-Film, derzeit als „Zwei Männer im Anzug“ mit Bierbichler in der Hauptrolle im Kino. Das ist wichtig. Denn wie wenige vergroßkopfert Bierbichler diesen bayerischen Janus, der, wie allein seinem ländlich derben und doch zart hochdeutsch marmorierten Idiom abzuhören, nicht aus kann und doch aus will. Ein von dieser katholisch, bäuerlichen Provinz genauso wie von der Flucht daraus Gezeichneter. Einer, der mit seiner Heimat gnadenlos ins Gericht geht und sie dennoch niemals nicht verteufelt. Bierbichler, die fleischgewordene doppelte Verneinung. Affirmation also, die ihrem Wesen nach dagegen ist.

2015 bringt Anna-Sophie Mahler „Mittelreich“ an die Kammerspiele. Als Musik-Dramatisierung, an Brahms Requiem aufgehängt, was Bierbichler bei der Freigabe kurz hadern ließ, es sei doch vor allem ein Wagner-Roman. Doch Mahler durfte inszenieren und bekam sehr wohlwollende Kritiken. Der Generationen-Roman um eine Gastwirtsfamilie an einem bayerischen See um die Zeit vor, während und nach den Weltkriegen sei klug verdichtet worden, um das Süffisante zwar gebracht, dafür aber so hart wie konsequent.

Im Oktober letzten Jahres feiert Anta Helena Reckes Adaption im selben Haus Premiere. Eine Aneignung. Denn das Stück bleibt der Mahler-Inszenierung in allen Aspekten treu. Nur besetzt Recke schwarze Darstellerinnen und Darsteller. Das sei zugleich einer Aktualisierung des Stoffes sowie einer Reflexion über den Theaterbetrieb geschuldet. Die süddeutsche Presse zeigte sich ob des Ansatzes entsetzt, in Worten der norddeutschen Presse also „wie üblich überfordert“, denn diese wiederum war begeistert. Bejahung durch Verneinung. Des Bierblichers Kern scheint allemal getroffen.

Zu sehen in der Kammer 1 am Sonntag, 15. April, 15.30 Uhr.