Das Gute am Gift im Herzen Julias

Wie „Romeo und Julia“ das Ergötzen an der Tragik und die Lust an leidenden Liebenden lehrt. Ein Essay anlässlich Pınar Karabuluts Inszeniernug der Tragödie am Kölner Schauspielhaus, die nun zum Festival radikal jung am Münchner Volkstheater eingeladen ist.

Von Carolin Werthmann

Von Carolin Werthmann

Carolin Werthmann

Mit der Haarbürste als Mikro sang und tanzte ich mit acht vor dem Spiegel zu Disney’s Tarzan oder Pocahontas. Heute sehe und höre ich lieber anderen dabei zu, wie sie singen, tanzen oder Geschichten erzählen – und schreibe darüber. Ob diese Geschichten nun auf Bühnen, hinter Buchdeckeln oder auf der Leinwand warten: in allen Fällen machen sie etwas mit mir, berühren mich immer, belustigen mich oft, ärgern mich manchmal. Diese Gefühle möchte ich vermitteln, möchte zu einem Diskurs beitragen. Ein Diskurs initiiert von Kultur.

Ein Klassiker, nein, DER Klassiker der Literaturgeschichte bildet den Auftakt des Festivals radikal jung am Münchner Volkstheater. Gar nicht mal so radikal? Hunderte Male aufgeführt, seit hunderten Jahren unerschöpflich. „Romeo und Julia“. Es ist die Energie geladene Pınar Karabulut, die in diesem Jahr für die theatrale verbotene Liebe sorgt. Der Klassiker unter junger Regie wie der ihren verspricht alles andere als klassisch zu sein. Doch warum schon wieder „Romeo und Julia“?

Die Literatur liebt die Liebe und verwirft sie zugleich. Einerseits liebestolle Figuren, leidenschaftliche Gemüter, romantische Begegnungen, Beziehungen zwischen füreinander wie geschaffenen Paaren gleich Seelenverwandter. Andererseits die gnadenlose schicksalhafte Dramaturgie, den Figuren unweigerlich auferlegt. Was zärtlich heranzuwachsen schien, eine Liebe, wie sie tatsächlich nur im Buche existieren kann, wird zerstört durch die Macht eines Autors, der das Potenzial starker Liebeskonflikte verstanden hat und auszunutzen weiß. Liebe ist das stärkste Motiv, das Figuren zu Handlungen antreibt. Menschen sehnen sich danach. Schon immer. Es ist ein natürliches Empfinden, begonnen und befördert mit der Mutterliebe. Die Liebe ist Sehnsucht und Wunsch nach Nähe, Hingabe, Wärme, Verbundenheit.

Im menschlichen Bedürfnis nach Liebe liegt der Keim literarischer Meisterwerke. Dramatiker, Essayisten, Dichter erkennen in diesem Gefühl die Macht, Figuren besonders starken Konflikten auszusetzen. Sie lassen sie sehnsüchtig, dann verzweifelt und schließlich qualvoll lieben, bis nur noch der Tod Ausweg ihrer Misere ist. Happy Ends gibt es nicht. Werther greift zur Pistole, Anna Karenina wirft sich vor den Zug, Romeo und Julia vergiften sich, so auch Ferdinand und Luise. Unerfüllte Liebe, hoffnungslose Liebe, unerwiderte Liebe, verbotene Liebe. Für keine dieser Geschichten war ein liebliches Ende vorgesehen. Für die Helden ist es nichts wert, zu leben, wenn nicht mit demjenigen Menschen gelebt werden kann, an dem ihr Herz verloren ging.

Dahinter verbirgt sich die romantische Vorstellung von der einzigartig wahren Liebe. Das romantische Ideal nach dieser einen wahrhaftigen, ekstatischen Liebe wirkt außerhalb der Literatur zu fern. „Ich glaube, dass du mehrmals im Leben lieben kannst. Aber das Gefühl, so verliebt zu sein, dass dich das innerlich zerreißt, ist schon einzigartig und etwas Besonderes“, meint auch die Regisseurin Pınar Karabulut. Umso herzzerreißender ist es und umso dramatischer die Fallhöhe, wenn selbst für die Figuren die Utopie ihrer Liebe zerplatzt. Gewinn und Verlust der Nähe ist quälend für sie, für Leser und Zuschauer jedoch auf schmerzhaft-schöne Art berührend. Tragik bereitet Vergnügen. Solange sie fiktiv bleibt. Der Affekt der sterbenden Julia und des sterbenden Romeos ist stärker als der, den eine Errettung der beiden Liebenden und ein glückliches und zufriedenes Eheleben der beiden je hätte evozieren können. „Shakespeare war schlau, die beiden an dieser Stelle sterben zu lassen. Wahrscheinlich hätten sie keine Woche zusammen in Mantua ausgehalten und sich wieder getrennt“, scherzt Karabulut.

Romeo und Julia sind Protoypen eines tragisch-romantischen Schicksalspaars. In ihnen manifestiert sich wie in kaum einer anderen Figurenbeziehung eine Liebe wider der Vernunft und Konvention. Shakespeares virtuose Dichtkunst, die sich im Sonett ihrer Begegnung, der Balkonszene und dem doppelten Selbstmord an ihren Höhepunkten zeigt, vollendet die meisterhafte Dramaturgie ihres Schicksals, über dem die Familienfehde und der Hass wie ein Damoklesschwert schwebt und stets die Ahnung eines herannahenden unheilvollen Endes heraufbeschwört.

Geniale Autoren wie Shakespeare spinnen ein inniges, doch fragiles Band zwischen ihren Figuren und fügen ihm bereits nach kurzer Zeit einen feinen Riss hinzu, der größer wird, je weiter die Geschichte vorantreibt und die Helden letztlich in einen Abgrund des Verlusts stürzen lässt – und den Leser mit. Was bleibt, ist der Affekt der Tragik ihres Endes. Die Worte sind geschrieben, die Verse gedruckt, der Autor ist tot. Hoffnung besteht darin, Interpretation und Inszenierung mögen etwas bisher Unentdecktes zum Vorschein bringen. „Jeder meint, Romeo und Julia zu kennen“, sagt Karabulut. „Aber vieles, was sich an Interpretation über die Jahre etabliert hat, steht so oft gar nicht im Stück. Mir war zum Beispiel wichtig zu zeigen, dass auch Paris Julia liebt. Dass das echte Liebe ist. Aber Julia entscheidet sich für jemanden, der in ihr ein sehr viel stärkeres Gefühl auslöst.“ Erotisches Treiben auf der Bühne, körperlicher Ausdruck romantischer Liebesschwüre, eine blutjunge Julia, ein energetischer, tätowierter Romeo, ein flirtender Bruder Lorenzo, eine liebeshungrige Amme, eine herrische, alleinerziehende Mutter Capulet und kompletter Verzicht auf die Väter: so wird Pinar Karabuluts Inszenierung aussehen. Eine Liebesgeschichte von heute mit Persönlichkeiten von heute. Und ein Ende, das dem klassischen Ende einer Vereinigung im Tod zu trotzen scheint.

Zu sehen am Münchner Volkstheater am Samstag, 14. April, 19.30 Uhr.

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