Die Gruft der Könige

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Michael Thalheimers Inszenierung von „Richard III.“ am Münchner Residenztheater bietet große Schauspielerleistungen.

Von Michael Kohl

Von Michael Kohl

Michael Kohl

Studium der Kunst- und Kulturgeschichte (2014-2017) und Theater-, Film- und Fernsehkritik (seit 2017). Schwerpunkte: Bildende Künste und Film. Als Kunststudent, Cineast, Theatergänger und als nebenberuflicher Statist an der Bayerischen Staatsoper kenne ich beide Seiten des Münchener Kulturlebens: das Arbeiten für die und das Erleben von Kunst.

Zu wenig Licht fällt in diesen Schacht. Schwarze Holzbretter umschließen den kompletten Bühnenraum. Kohle und Asche bedecken den Boden, aus dessen Tiefen die Figuren auf- und abtreten. Sie leiden unter Lichtmangel. Ihre Kleider sind pechschwarz, ihre Gesichter bleich, ihre Augen rot unterlaufen. Einmal streckt Hanna Scheibe als Königin Elisabeth dem Publikum die Zunge entgegen: sie ist pechschwarz.

Der Regisseur Michael Thalheimer hat die Hofgesellschaft von York und Lancaster in einen unbestimmten Raum der Finsternis verlegt, der zeitgenössische Bezüge bewusst vermeidet. Stattdessen sucht er nach verzerrten Fratzen und entstellten Körpern von Shakespeares Figurenpersonal. Allen voran Richard III. weiß die Methode des Lügens und des Verstellens für seine Thronbesteigungspläne zu nutzen. Norman Hacker wechselt eindrucksvoll zwischen den Monologen in aufrechter Haltung und den Dialogen als Krüppel mit hängendem Arm, schiefem Rücken und grotesker Mimik.

Die anderen Figuren bewegen sich in ähnlich gekrümmten Körperhaltungen. Doch das ist keine Täuschung, sondern eine Anpassung an die Verhältnisse in dem dunklen Schacht. Sie ahmen Richards Spiel nach und unterliegen ihm damit, ohne es zu wissen. Lady Anne heiratet ihn, später die Königswitwe Elisabeth. Die beiden Frauen verhelfen Richard freiwillig zum Aufstieg. Auch die Männer, König Edward, Herzog von Buckingham und die Helfer, unterschätzen Richard als heimlichen Kontrolleur.

Was in Thalheimers Inszenierung dadurch zu kurz kommt, sind die Machtverhältnisse. Durch die Verlegung des Stücks in den monumental-reduzierten, aber vor allem vagen Bühnenschacht von Olaf Altmann werden die Hierarchien in den Königsfamilien nicht sichtbar. Auch die schwarzen Kostüme von Michaela Barth lassen kaum Rückschlüsse auf die Stellung der Figuren zu. Morgenmäntel, Fracks, Hosenröcke oder Damenkleider wirken wie Anleihen an eine höfische Ordnung, aber das Regiekonzept der ähnlich aussehenden Untoten geht nicht auf. Alles spielt sich in dem kohleverschmierten Drecksloch ab, indem Richard herrscht und mordet. Grund und Ursache werden nicht klar. Richard strahlt nur die Faszination des personifizierten Bösen aus und stillt damit höchstens die Schaulust des Publikums.

Diese laue Deutung erlaubt es wenigstens, dass sich das Ensemble des Residenztheaters als psychopatischer Vampirclan präsentieren darf. Der Schacht bleibt verschlossen und man fragt sich, ob die Untoten jemals aus dieser Gruft entsteigen und ob sie jemals an unsere Wirklichkeit anknüpfen können.