Blackbox des Bösen

Mit einer Bühne gleich einem schwarzen Loch und nichts drin will Michael Thalheimer sein Publikum am Münchner Residenztheater in Richards III. Bann ziehen.

Von Carolin Werthmann

Von Carolin Werthmann

Carolin Werthmann

Mit der Haarbürste als Mikro sang und tanzte ich mit acht vor dem Spiegel zu Disney’s Tarzan oder Pocahontas. Heute sehe und höre ich lieber anderen dabei zu, wie sie singen, tanzen oder Geschichten erzählen – und schreibe darüber. Ob diese Geschichten nun auf Bühnen, hinter Buchdeckeln oder auf der Leinwand warten: in allen Fällen machen sie etwas mit mir, berühren mich immer, belustigen mich oft, ärgern mich manchmal. Diese Gefühle möchte ich vermitteln, möchte zu einem Diskurs beitragen. Ein Diskurs initiiert von Kultur.

Geschichten über die englische Monarchie sind immer kompliziert. Zehn Edwards, acht Henrys und dreizehn Richards! König Edward nennt sein Kind Edward und das andere Richard, Richard heißt auch sein Bruder, der andere Bruder ist George, Georges Sohn heißt Edward. Shakespeare liebte Geschichten über verworrene Familienverhältnisse und herrsch- und rachsüchtige Könige. „Richard III“ ist das chronologisch letzte Stück seines Zyklus der englischen Rosenkriege, jene der rivalisierenden Häuser Lancasters und Yorks in den Jahren 1455 bis 1485. Um also Richard III. zu verstehen, hilft die Lektüre der Vorgängerwerke. Wer die Vorgängerwerke nicht kennt, hat im Münchner Residenztheater einen mühsamen Abend.

Die Bühnenleinwand hebt sich und gibt den Blick frei auf einen schwarzen, eng begrenzten Raum, dessen Wände bis ins Endlose ragen. Es herrscht absolute Dunkelheit. Schwere Streichklänge ziehen sich zwei Stunden lang unheilvoll durch die Inszenierung. Einzig ein fahler Lichtstrahl von oben offenbart einen Boden aus Styropor-Kohle. Norman Hacker als Richard III. taucht daraus wie ein von den Toten Auferstandener hervor. Er bewegt sich hinkend vor zur Bühne, Reste des berühmten Anfangsmonolog zischend. Er klingt wie Gollum aus „Herr der Ringe“. So sieht er auch aus: Die grauen langen Haare hängen wie Fäden von seinem Kopf. Sein Gesicht ist bleich, die Augen sind blutrot unterlaufen. Die Stimme ist gepresst, mal ein raues Flüstern, mal ein unkontrolliertes Gebrüll. Der erste Mord wartet nicht lange, und er ist schmutzig. Es spritzt Blut, und zwar häufig. Rot ist die einzige Farbe neben all dem Schwarz in Olaf Altmanns Bühnenbild.

Michael Thalheimer lässt Richard und alle anderen Figuren zum Publikum sprechen, nie miteinander. Sie reden aneinander vorbei. Ihre Augen sind auf die Zuschauer gerichtet, hinaus aus einer Black Box, deren offene vierte Wand dazu einladen soll, Involvierter und Verbündeter zu sein. Doch es fällt schwer, sich verbünden zu lassen, überhaupt Zugang zu irgendeiner der Figuren zu finden. Richards Taten und Denken lassen Parallelen zu den mächtigen Polemikern unserer Gegenwart zu, doch Thalheimer widersetzt sich einem konkreten Bezug. Eine freiere, mutigere Interpretation hätte aber gerade diesem Werk gut getan. Der Inszenierung fehlt Tempo. Die Schauspieler würgen ihre Worte hervor. Selbst an seinem Höhepunkt gipfelt das Stück in einer Enttäuschung. Die knallrote Plastiktüte als Mordinstrument hilft da auch nicht. Vielmehr trägt sie zu einer ungewollten Komik bei.

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