Kein Entkommen

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Michael Thalheimer inszeniert Shakespeares „Richard III.“ in München als blutig-blutleere Horrorshow.

Von Anna Landefeld-Haamann

Von Anna Landefeld-Haamann

Anna Landefeld-Haamann

War ein komisches Kind mit Vorliebe für Beethoven, Kafka und Neo Rauch. Sie fühlt sich nicht mehr ganz so komisch, seit sie im Ergänzungsstudiengang Kulturkritik auf Gleichgesinnte gestoßen ist. Schreibt neben der Cult unter anderem auch für die Süddeutsche Zeitung.

Da kommt er herausgekrochen. Er wühlt sich langsam heraus aus dem schwarzen Meer aus Schutt, der die Bühne bedeckt. Langsam, aber unaufhaltsam, bis er dasteht. Kerzengerade mit kalkigem Gesicht und blutunterlaufenen Augen wie ein Untoter: Richard. Alle sollen es sehen. Das ist hier kein Krüppel mit Klumpfuß und Buckel. Nein, das hier ist ein edler Schlächter, der zu nichts anderem bestimmt ist als König zu sein – durchtränkt von Rachsucht und Mordlust, dürstend nach Blut und Macht. Das zeigt sich schon in der ersten Szene. Heinrich VI. schneidet er die Kehle durch. Das Blut spritzt. Der König zappelt. Tot.

Norman Hacker spielt den Richard in Michael Thalheimers zweieinhalbstündiger Inszenierung am Münchner Residenztheater als grimassierenden Psychopathen. Hässlich ist, wie er ekelerregend mit seiner Zunge spielt, Mund und Augen aufreißt und sein Gesicht zur Fratze verzerrt. Alles liegt darin: Narzissmus, Paranoia, Sadismus und der Irrsinn, der immer mehr Besitz von ihm ergreift. Dazu die fettigen langen Haare, die umher schwingen wie Tentakel einer Kreatur, die aus irgendeinem Morast hervorgekrochen kam. Mensch? Monster? Sein Körper hingegen kennt nur zwei Haltungen. Aufrecht steht Richard, wenn er am Bühnenrand das Publikum in seine Machenschaften einbezieht oder als stummer Beobachter der höfischen Horrorshow beiwohnt. Sobald er an sein zwischen tödlich-schmeichelndes Werk geht, vollzieht sich eine Verwandlung: Er streckt seinen nackten, sehnigen Oberkörper, dann krümmt er ihn. Das rechte Bein schleift er hinter sich her, den linken, schlaffen Arm presst er an sich, die Finger krallt er.

Und die anderen Figuren? Die haben es immer schwer in „Richard III.“ Wer sind die alle, die ganzen Hochwohlgeborenen, die Clarences, Rivers, Hastings, Buckinghams und Catesbys? Sie bleiben nichts weiter als wesenlose Geschöpfe in diesem nachtschwarzen Bühnenbild von Olaf Altmann. Das ist ein karges Turmverlies. Ein Schacht, der bis oben mit schwarzen Brettern vernagelt ist, nur von oben fällt kaltes Licht. Ein Ort, aus dem es kein Entkommen gibt. Wer hier ist, verrottet. Die meisten sind es bereits. Thalheimer lässt sie in den Schutthaufen wie Marionetten aufstellen. Ihre Oberkörper sind leicht gebeugt, ihre Arme hängen wie an Fäden herunter. Ihre Worte ferngesteuert, mechanisch. Ihre Betonungen ergeben keinen Sinn. Selbst wenn sie ihre Trauer und ihren Hass aus sich herausbrüllen, wirken sie wie übergroße Puppen in einem Machtspiel. Die kraftvolle Übersetzung von Thomas Brasch verliert damit nicht nur ihre Bedeutung, sondern auch jeglichen Reiz und shakespear‘schen Witz. Die großen Szenen des Stückes werden schnell durchgespielt, wenn man sie denn überhaupt erkennt oder sie nicht ganz herausgestrichen wurden. Auf den mächtigen Anfangsmonolog Richards wartet man vergeblich. Weg mit den Zeilen, in denen Richard illusionslos zugibt, dass er nicht zum eloquenten Liebhaber tauge, für die eitlen Vergnügungen dieser Tage nur Hass empfinde und daher beschlossen hat, ein Bösewicht zu werden.

Michael Thalheimer hat kein Interesse an Psychogrammen. Auch Richards Werben um Lady Anne passiert, weil es eben so im Text steht. Wo ist die Perfidität, die Unverfrorenheit im Spiel, wenn Richard dreist eben die Frau bittet, ihn zu heiraten, deren Mann er gerade umgebracht hat? Das Ganze auch noch während des Trauerzuges für jenen. Anna Drexler als Lady Anne, aber auch Norman Hacker bleiben ungeschmeidig und ohne Überzeugungskraft. Sibylle Canonica als hasserfüllte, fluchende Margaret von Anjous wirkt unfreiwillig albern. Sie humpelt auf zwei Schwerter gestützt über die Bühne oder lugt wie eine Kasperlefigur seitlich aus einer Nische hervor und geht stets mit Weltuntergangslachen ab. Hanna Scheibe als Königin Elisabeth kommt über die wütende, schreiende Frau nicht hinaus. Vor lauter Qual reißt sie sich dann das Korsett auf. Aber die entblößte Brust muss schnell wieder mit den verschränkten Armen verdeckt werden. Die Gewaltigkeit dieses Moments verpufft halbherzig und so schnell, wie er kam.

Was bleibt nun von Thalheimers „Richard III.“? Er hätte Projektionsfläche sein können für derzeitige politische Verhältnisse. Richard ist Nutznießer in einem System, das vor sich hinschimmelt. Er ist ein Parasit des allgemeinen Verfalls. Er spielt sie alle gegeneinander aus, beschwatzt, lügt, betrügt. Nur Richard gewinnt. „I am myself alone“, sagt er. Thalheimer scheitert daran zu zeigen, wie so ein Mensch vom Typ Donald Trump sein Ziel erreicht. Es ist nicht die Inszenierung der Stunde.