Im Herz der Finsterwelt

Michael Thalheimers „Richard III.“ am Münchner Residenztheater setzt auf die Kraft der Dunkelheit. Ein pessimistischer Blick auf die Menschheit, der auch die Frage nach Mitteln und Möglichkeiten des politischen Theaters aufwirft.

Von Maximilian Sippenauer

Von Maximilian Sippenauer

Maximilian Sippenauer

Maximilian Sippenauer studierte in München und Paris Philosophie, Geschichte und Politische Wissenschaft. Daneben arbeitete er als Kulturjournalist bei dem Radiosender M94.5. Lebte und arbeitete anschließend in Berlin. Absolviert gerade den Ergänzungsstudiengang Theater- Film- und Fernsehkritik und schreibt daneben als freier Journalist (u.a. Spex, Süddeutsche Zeitung, Münchner Feuilleton).

Es ist Shakespeares Stück zur Stunde: „Richard III“. Die Geschichte eines Intriganten, der sich zur Königswürde lügt und mordet; die des ersten psychopathischen Großmeisters der alternativen Fakten. Lange nicht mehr traf dieses Sujet den Kern einer Zeit wie heute. Putin, Trump, Erdogan, Kim Jong-un. Autokraten, Lügenkönige, Familienmörder haben wieder Konjunktur. Bringt man heute „Richard III“. auf die Bühne, dann braucht man eigentlich gute Gründe, das ohne konkreten Zeitbezug zu tun. Was also ist das Kalkül von Michael Thalheimer, der seinen Richard am Münchner Residenztheater konsequent an der Gegenwart vorbei inszeniert?

Das Bühnenbild ist reduziert und doch bombastisch, vor allem aber dunkel; dem von Ulrich Rasches Inszenierung der „Räuber“ auf den Laufbändern am selben Haus nicht unähnlich. Gleich einem gigantischen Kamin blickt man in einen gewaltigen, schwarzen Schacht, nach oben hin kein Ende in Sicht. Keine Türen, keine Fenster, zu sehen ist der ausweglose Grund eines Abgrundes, auf dem die Darsteller nicht auf- und abtreten, sondern aus einem Aschefeld auf- und darin wieder abtauchen. Ganz vorne an diesem Nicht-Ort, mit dem Thalheimer seinen Tower of London erzählt, beginnt das Stück noch vor dem Stück. König Heinrich VI. steht am Kopf der Bühne, hinter ihm kriecht Richard Gloster, von einem glänzenden Norman Hacker gegeben, aus dem Ruß, schleicht sich an und schneidet dem alten König den Kopf ab. Blutfontänen, ein endloses Röcheln bis zur Totenstarre. Dann erst offenbart Richard, seinen berühmten Eröffnungsmonolog ganz aufrecht vortragend, seine teuflische Agenda.

Richard III. ist von je her Shakespeares dunkelster Antagonist. Thalheimer spitzt diese Seite noch zu. Sein Richard ist kein Krüppel, allenfalls täuscht er Gebrechlichkeit vor. Bar dieser körperlichen Mängel fehlt ihm aber die letzte Motivation, sich in Friedenszeiten und trotz seines persönlichen Wohlstands zu einem solchen Monster zu entwickeln. Richards Bosheit ist keine tragische oder biographisch bedingte, noch Resultat von Affekten wie Trieb, Jähzorn oder Eifersucht, sondern entspringt einzig einer Ur-Lust am Bösen. Seine größte Waffe ist die Gabe, ein großer Rhetoriker zu sein. Damit steckte William Shakespeare aber auch dessen Spielraum klar ab: Richard, das ist seinem Wesen nach ein politischer Schurke. Er beherrscht es wie keine andere von Shakespeares Figuren, die Ambitionen seiner Nächsten zu entdecken, Zwist zwischen Freund und Feind zu sähen, Schwüre zu brechen, Gelübde abzunehmen. Selbst die Gattin seines von ihm ermordeten Bruders überredet er noch während dessen Beerdigung, mit ihm ins Bett zu steigen.

Doch diesen Redekünstler und Wortverdreher, der wie die Faust auf das Auge unserer Zeit passte, beraubt Thalheimer seines natürlichen, politischen Habitats und setzt ihn in einen abstrakten Raum. Die Figuren gleichen Vampiren oder Untoten. Mit bleichen Gesichtern tragen sie ausschließlich schwarze Kleidung.  Die einzige Farbe, die je auf der Bühne zu sehen ist, ist das Rot. Das des Blutes, das dem Adel an den Fingern klebt. Und das Rot der Plastiktüte, mit der Richards Scherge seine Opfer erstickt. Die Figuren rücken mechanisch vor und zurück, nach links und rechts wie Schachfiguren auf einem verborgenen Brett.

Mit dieser Radikalität entwickelt Michael Thalheimers „Richard“ einen besonderen Reiz. Und dieses Düstere des Bühnenbilds, diese Grabesstimmung des Kostüms, diese Monotonie der Bewegungen wird unterstrichen durch einen omnipräsenten Soundtrack, den ein Hans Zimmer nicht wuchtiger und dunkler hätte komponieren können. Er vollendet die Welt, die gezeigt wird, als apokalyptische. Auf dieser verbrannten Erde gedeiht nichts mehr, und Richard erscheint als ein König, den eine solche Welt verdient. Hier gibt es keinen Raum mehr für ein moralisches Gegengewicht, da es nichts mehr gibt, was ein Funke Hoffnung noch entzünden könnte. Thalheimers Finsterwelt spricht aber damit dem Theater auch die Möglichkeit des Funkenschlagens ab. Es ist ein Abgesang auf das politische Theater. Sein Richard ist keine Interpretation, sondern eine nihilistische Fundierung unserer Zeit. Keine Anklage, eine Kapitulation angesichts der Ohnmacht vor dem Bösen.

 

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