Unendlicher Spaß

Ein bisschen Avantgarde-Kitzel ist in Ivica Buljans Inszenierung von Jean Genets „Der Balkon“ am Münchner Marstall noch zu spüren.

Von Michael Kohl

Von Michael Kohl

Michael Kohl

Studium der Kunst- und Kulturgeschichte (2014-2017) und Theater-, Film- und Fernsehkritik (seit 2017). Schwerpunkte: Bildende Künste und Film. Als Kunststudent, Cineast, Theatergänger und als nebenberuflicher Statist an der Bayerischen Staatsoper kenne ich beide Seiten des Münchener Kulturlebens: das Arbeiten für die und das Erleben von Kunst.

Tatsächlich sprach alles erst einmal für einen gediegenen Theaterabend. Als die Türsteher mit dem Einlass beginnen, strömen die Besucher vom eisigen Vorraum in den warmen Theatersaal des Marstalls. Drinnen grooven sich die Schauspieler schon mal ein, Juliane Köhler schlendert durch das hereinkommende Publikum. Doch schon in der ersten Szene, in der sich ein Bischof eine brennende Kerze in den Arsch schiebt und kopfstimmhohe Schreie dazu ausstößt, ist klar: Das wird kein gediegener Theaterabend. Auf dem Spielplan steht „Der Balkon“ des Bürgerschrecks Jean Genet.

Wir befinden uns in einem Bordell, in Irmas „Haus der Illusion“, in dem jeder Kunde seine sexuellen und identitären Wünsche an einer Frau ausleben kann. Mathilde Bundschuh spielt sie als wunderbar schlechte Pornoschauspielerin. Ein verkleideter Bischof erzwingt von der eine Beichte, ein verkleideter Richter fordert ein Verbrechensgeständnis und ein verkleideter General erniedrigt sie wiederum als sein Pferd.

Das „Haus der Illusion“ ist eine geschickte Konstruktion des Bühnenbildners Aleksandar Denić aus Bierkästen, Langnese-Eistruhen und Cola-Kühlschränken. Prostitution ist gleich Konsum. Das ist die Grundidee des Regisseurs Ivica Buljan. Doch das Drama hat noch eine weitere, eine politische Dimension. Während drinnen sich die Kunden ihrem Illusionsspiel hingeben, tobt draußen die Revolution. Die Bordellchefin Irma (Juliane Köhler) und der Polizeichef (Nils Strunk) fürchten um ihre Stellung in der alten Ordnung, weswegen sich der Bischof, der Richter, der General und Irma als König auf dem Balkon den Aufständischen präsentieren, um so ein Bild des Machterhalts und der gescheiterten Revolution vorzugeben.

Spätestens an dieser Stelle ist es mit der Gemütlichkeit vorbei, denn das Publikum ist mittlerweile dem Revolutionär Roger (Marko Mandić) hinaus auf den Marstallplatz gefolgt. Man muss dazu sagen, dass die Temperaturen an diesem Abend zwischen minus 12 und minus 15 Grad liegen und Mandić nackt herumhüpft, singt und zum Fenster mit den vier Pseudo-Repräsentanten hinaufklettert. Die Pause wird gleich übersprungen und die dreieinhalbstündige Inszenierung fortgesetzt. Das Publikum hat sich nach dem Intermezzo um ungefähr ein Drittel verkleinert. Wer geblieben ist, sieht, dass die Schauspieler jetzt erst richtet loslegen. Es wird geschrien, geschossen und gerockt.

Hier geht Buljan noch weiter als der Nachkriegsexistenzialismus. In der zweiten Hälfte seiner Inszenierung wird die imaginäre vierte Wand, die zum Publikum hin, immer wieder durchbrochen, das Theater somit als ein weiteres „Haus der Illusion“ neben den Porno-, Konsum-, Politikwelten entlarvt. Genets Stück war zu seiner Uraufführung 1957 ein Skandal. Wenn es heute inszeniert wird und ein Drittel den Saal verlässt, dann scheint etwas von seinem anti-bürgerlichen Geist übrig geblieben zu sein.

Wenngleich man sich an den Schau- und Gesangsleistungen aller Beteiligten durchaus erfreuen konnte. Zum Pech des Stücks, das ist sein Dilemma! Einmal klagt der Revolutionäre: „Das Traurigste, was man über eine Revolution sagen kann, ist, dass sie Spaß gemacht hat.“ Dasselbe gilt für diesen Theaterabend. Spaß ja, Revolution nein. Denn die Ordnung bleibt erhalten. Die Schauspieler stehen morgen wieder auf der Bühne, die Zuschauer im Leben.

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