Hinter den Fassaden

Jan Friedrich bedient sich für “Frühlings Erwachen“ der Puppenästhetik. Doch die Masken fallen schnell. Was bleibt, ist kein fremdbestimmer Automat, sondern ein unkontrollierter Mensch.

Von Carolin Werthmann

Von Carolin Werthmann

Carolin Werthmann

Mit der Haarbürste als Mikro sang und tanzte ich mit acht vor dem Spiegel zu Disney’s Tarzan oder Pocahontas. Heute sehe und höre ich lieber anderen dabei zu, wie sie singen, tanzen oder Geschichten erzählen – und schreibe darüber. Ob diese Geschichten nun auf Bühnen, hinter Buchdeckeln oder auf der Leinwand warten: in allen Fällen machen sie etwas mit mir, berühren mich immer, belustigen mich oft, ärgern mich manchmal. Diese Gefühle möchte ich vermitteln, möchte zu einem Diskurs beitragen. Ein Diskurs initiiert von Kultur.

Keine Angst, liebe Lokalpolitiker. Keine Angst, liebe George Podt-Nostalgiker: Die Schauburg unter der Intendanz Andrea Gronemeyers ist nicht zur Spielstätte für Säuglinge verdammt, nicht, so lange es Inszenierungen wie Jan Friedrichs „Frühlings Erwachen“ gibt. Der 25-jährige Regisseur präsentiert zur Premiere von Wedekinds Kindertragödie ein Horrorkabinett aus maskierten Misshandelten und Misshandelnden, aus fremdbestimmten Marionetten, unter deren Maskeraden die Triebe so lange brodeln, bis die menschliche Natur schließlich durch die künstliche Fassade bricht und Verhüllung eine einzige Farce ist.

Die Bühne ist ein Schaukasten. Helles Holz teilt diesen Baukasten in drei nebeneinander liegende Räume. Bühnenbildner Alexandre Corazzola versetzt Ensemble und Publikum gemäß des Dramas ins späte 19. Jahrhundert: grüne Blumentapeten bedecken das Wohnzimmer in der Mitte, die Frauen tragen Biedermeier-Kleider und Hauben. In einem Klassenzimmer auf der linken Bühnenseite sitzen Schüler in Knickerbockern und Hosenträgern und Mädchen mit Engelslocken, Zöpfen, Strümpfen. Alles, was wir sehen, ist spießig. Wenn da nicht die viel zu kurzen knallgelben Kleider dieser vierzehnjährigen Mädchen wären, die ihre schlanken Beinchen zum Leidwesen der Mütter entblößen. Die Köpfe sind mit Masken verhüllt, rotwangige, gut genährte Babyfaces, ein Lächeln ins Gesicht geschnitten, selbst wenn da kein Lächeln sein kann. Sie bewegen sich mechanisch, sie sprechen monoton, ihre Stimmen sind unnatürlich hoch. Alles künstlich.

Wendla, Martha, Melchior, Moritz und Hänschen sind diese fratzenhaften Figuren, verkörpert von Helene Schmitt, Anne Bontemps, Janosch Fries, Pan Aurel Bucher und David Benito Garcia. Die Darsteller spielen bis zu fünf Figuren in einer Person, sie wechseln sich ab mit der Synchronisation vor der Bühnenrampe und der Darstellung der Puppen auf und hinter der Bühne. Dort, wo die Blicke der Zuschauer nicht hinreichen, wartet ein Akteur mit Live-Kamera. Sie ist konsequenter Bestandteil der Inszenierung und als integrales Mittel der Versuch einer dokumentarischen Ereignishaftigkeit, projiziert auf die Leinwand als Bühnenfront – viel mehr aber noch ist sie der Beweis eines konsistenten Gesamtkonzepts aus Zeigen und Verhüllen. Ein Prinzip, das Friedrich mit der formalen Maskerade von Wedekinds ohnehin schon als Karikaturen intendierten Figuren überspitzt. Da ist eine Mutter, die ihrer vierzehnjährigen Tochter von Störchen und Babys erzählt, auch dann, als es bereits zu spät ist und das Mädchen von sonderbarer Bleichsucht befallen scheint. Ein Vater prügelt seine Tochter zu einem Krüppel auf Krücken, Lehrer tragen Namen wie Habebald, Sonnenstich und Knochenbruch und predigen Moral, doch beten selbst um Beischlaf.

Eltern, Professoren und Pastoren in Wedekinds Drama sind beschämt beim Anblick und Gespräch über männliche Regungen und weibliches Glücksempfinden, doch auch Zeitgenossen selbst empfanden das Stück obszön. Regisseur Friedrich verzichtet nicht darauf, die Gefühle und Taten seiner Protagonisten in gewisser Freizügigkeit auf die Bühne zu bringen. Nach und nach werden aus kontrollierten Puppen unkontrollierte Menschen. Sie durchtrennen die Fäden ihres Marionettentheaters und werden ihrer eigenen Sehnsüchte Herr. Sie lassen ihre Masken fallen, so weit, bis sie am Ende nur noch von Schwarzlicht durchleuchtet als Skelett dem Tod gegenüberstehen. Die Leinwand zeigt erotische, dann pornografische Fotos, Hänschen onaniert, packt sein absurd langes Stoff-Glied aus dem Latz und spritzt Sprühsahne. Es kann gelacht werden, es soll gelacht werden. Doch die Atmosphäre des Stücks verdichtet sich zu einem Gefüge aus düsteren Begebenheiten, tragischen Schicksalen, impulsiven und naiven Gemütern. Subtile unheilvolle Streichklänge begleiten das Stück nahezu durchgehend. Die Lichtregie erinnert an Gemälde der Alten Meister, stark pointiert und mit harten Kontrasten, die aus ganzen Szenen Tableaux vivants kreieren. Es gibt Licht, es gibt viel Schatten. Einiges offenbart sich unseren Augen, vieles bleibt verborgen. Kamera, Kostüm, Maske, Licht – Friedrichs Inszenierung ist ein durchdachtes Spiel mit einer Menge an visuell kreativen Elementen. Weit mehr noch. In „Frühlings Erwachen“ manifestiert sich die sinnbildliche Funktion des Theaters selbst. Es ist immer ein Rollenspiel, so wie Wedekinds Figuren Rollen spielen. Aber spielen wir nicht alle Theater?

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