Weil ich ein Dandy bin

Musik im Sixpack: Neue Alben von Noel Gallagher, Morrissey, Gisbert zu Knyphausen, Broen, Baxter Dury und der nicht mehr ganz kreuzunglücklichen Julian Baker.

Von Maximilian Sippenauer

Von Maximilian Sippenauer

Maximilian Sippenauer

Maximilian Sippenauer studierte in München und Paris Philosophie, Geschichte und Politische Wissenschaft. Daneben arbeitete er als Kulturjournalist bei dem Radiosender M94.5. Lebte und arbeitete anschließend in Berlin. Absolviert gerade den Ergänzungsstudiengang Theater- Film- und Fernsehkritik und schreibt daneben als freier Journalist (u.a. Spex, Süddeutsche Zeitung, Münchner Feuilleton).

Noel Gallaghers High Flying Birds – „Who Built The Moon?“

Wer ist der größte Schlagzeuger aller Zeiten? Ringo Star! Sagt wer? Genau, Ringo Star. Und wer  der größte Popsänger? Noel Gallagher! Sagt natürlich: Noel Gallagher. Beide Briten eint, neben dem Fakt, mit den Beatles respektive Oasis in den größten Popgruppen ihrer Zeit gespielt zu haben, vor allem die Tendenz zu grenzenlosem Größenwahn und Selbstüberschätzung.

Noel Gallaghers Soloalbum „Who Built The Moon?“ klingt, als hätte es der ehemalige Oasis-Sänger breitbeinig und mit offenem Hosenstall eingespielt; eine peinliche Pose und musikalische Zumutung. Eine Zumutung für alle Oasis-Fans, für alle Musikfans sowieso. Und selbst Ringo dürfte hier nur den Kopf schütteln. Aber wer weiß, am Ende trommelt er noch mit, gegen Ende, im Drum and Bass-Track.

 

Von Jakob Wihgrab

Von Jakob Wihgrab

Jakob Wihgrab

Jakob Wihgrab ist fasziniert von Popkultur. Vor allem die zeitgenössische Musik hat es ihm angetan. Trockener und schwarzer Humor sind ihm am liebsten, genauso wie Zeitreise-Filme (denn davon gibt es keinen einzigen schlechten). Im Theater möchte er provoziert werden oder zumindest zum Nachdenken angeregt. Er weilt außerdem nicht gerne in vergangenen Zeiten, sondern viel lieber im Jetzt oder im Bald.

Baxter Dury – „Prince Of Tears“

Der Sohn des Punk-Poeten Ian Dury stilisiert sich auf seinem nunmehr fünften Studioalbum weiterhin, und mit wachsender Begeisterung, zum lyrischen Dandy. „I don't think you realise how successful I am“, proklamiert der 46-jährige Gossen-Barde im Opener „Miami“. Sein elegischer Sprechgesang – man glaubt ihm jedes Wort. Die stoischen Drum-Beats, die simple, aber pointierte Gitarre und der verspielte Bass entwickeln einen hypnotischen Sog, aus dem man sich nur schwer wieder loszueisen kann.

 

Von Maximilian Sippenauer

Von Maximilian Sippenauer

Maximilian Sippenauer

Maximilian Sippenauer studierte in München und Paris Philosophie, Geschichte und Politische Wissenschaft. Daneben arbeitete er als Kulturjournalist bei dem Radiosender M94.5. Lebte und arbeitete anschließend in Berlin. Absolviert gerade den Ergänzungsstudiengang Theater- Film- und Fernsehkritik und schreibt daneben als freier Journalist (u.a. Spex, Süddeutsche Zeitung, Münchner Feuilleton).

Julian Baker – „Turn Out The Lights“

„The harder I swim, the faster I sink“, singt die 21-jährige Julian Baker bedeutungsschwanger. Dabei treibt die junge Frau mit den kreuzunglücklichen Balladen seit ihrem Debüt  „Sprained Ankle“ aus dem Jahr 2015 ganz oben mit, auf der Welle der Neotristesse im Post-Bon-Iver-Sog. Auf ihrem zweiten Album wird genau das zum Problem, hinter der vermeintlichen Melancholie, die sie im Moll ihrer Piano- und Gitarren-Balladen sucht, findet man eher das Kalkül eines Soundtracks zur Herbstdepression. Die Tracks klingen, als hätte sie denselben Sepia-Filter ihrer Videoclips auch über ihre Musik gelegt. Ästhetisierte Traurigkeit ohne auch nur eine Dissonanz. Aber vielleicht geht es Julian Baker auch einfach nur besser.

 

Von Jakob Wihgrab

Von Jakob Wihgrab

Jakob Wihgrab

Jakob Wihgrab ist fasziniert von Popkultur. Vor allem die zeitgenössische Musik hat es ihm angetan. Trockener und schwarzer Humor sind ihm am liebsten, genauso wie Zeitreise-Filme (denn davon gibt es keinen einzigen schlechten). Im Theater möchte er provoziert werden oder zumindest zum Nachdenken angeregt. Er weilt außerdem nicht gerne in vergangenen Zeiten, sondern viel lieber im Jetzt oder im Bald.

Broen – „I <3 Art“

Vier Jazz-Studenten aus Norwegen schaffen einen kruden Mix aus Indie, Jazz, Hip- und Trip-Hop und nennen das Ganze auch noch „I <3 Art“: Das schreit nach prätentiösem Kackmist. Was klingt wie die verschwurbelte Lieblingsband, von der der kauzige „Musikexpress“- Redakteur so gerne auf Partys schwärmt, ist aber tatsächlich ein extrem erfrischender, experimentierfreudiger, wenn auch zu Weilen anstrengender Genre-Mix, der nicht nur überrascht, sondern auch langfristig begeistern kann.

 

Von Stefan Fischer

Von Stefan FischerVon Stefan Fischer

Stefan Fischer

Hat meistens Kopfhörer im Ohr, weil er ständig Hörspiele hört. Es sei denn, er sitzt im Kino oder Theater. Oder unterrichtet im Studiengang Theater-, Film- und Fernsehkritk. Ist dort auch für die meisten Publikationen verantwortlich. Außerdem Autor und Mitarbeiter der Süddeutschen Zeitung. Verhinderter Weinhändler.

Morrissey – Low in High School

Dreht man das neue Album von Morrissey auf, heult einen ein Wolf an. Ehe man in Deckung gehen kann, tritt einem das Schlagzeug vors Knie und ballern einem Bläser Backpfeifen ins Gesicht. Und dann bekommt man auch noch den Songtitel „My Love, I'd Do Anything for You“ in den Mund gelegt. Bei aller Liebe, Morrissey, alles nun auch nicht.

Die Schnoddrigkeit der „The Smith“- und frühen Solojahre ist dahin bei dem 58-jährigen Briten, nicht erst auf dem neuen Album „Low in High School“. Großspurig war Morrissey freilich schon immer, inzwischen drückt sich das jedoch in musikalischem Bombast aus. „Low in High School“ ist fett produziert, wie schon der Vorgänger „World Peace Is None of Your Business“ von 2014. Doch dieser Druck hat durchaus auch eine Qualität. Ein mittelmäßiger Morrissey ist immer noch überdurchschnittlich.

In der Mitte passiert jedoch etwas mit „Low in High School“: Das Album wird leicht, beinahe spielerisch. Die Sieben-Minuten-Nummer „I Bury the Living“ bringt die Wende. Ein Song, der sich mehrfach häutet, beinahe lyrisch wird. Die Themen bleiben ernst: Es geht um potenzielle Nuklearkriege, um politische Schweinereien aufgrund der die Gier nach Öl, um die Feigheit der Leute, sich den Problemen der Welt zu stellen. Aber Morrissey besingt sie mit der Beschwingtheit eines hingetupften Tangos wie in „The Girl From Tel-Aviv Who Wouldn’t Kneel“. Vollends lässig wird es, wenn die Britpopper von Pulp und Oasis durchklingen, deren explizites Vorbild Morrissey ist. Und die er auf diese Weise wieder einfängt, indem er erntet, was er gesät hat. An ihnen kann er sich modernisieren, ohne sich anzubiedern. Und das ist dann doch keine kleine Leistung.

 

Von Jakob Wihgrab

Von Jakob Wihgrab

Jakob Wihgrab

Jakob Wihgrab ist fasziniert von Popkultur. Vor allem die zeitgenössische Musik hat es ihm angetan. Trockener und schwarzer Humor sind ihm am liebsten, genauso wie Zeitreise-Filme (denn davon gibt es keinen einzigen schlechten). Im Theater möchte er provoziert werden oder zumindest zum Nachdenken angeregt. Er weilt außerdem nicht gerne in vergangenen Zeiten, sondern viel lieber im Jetzt oder im Bald.

Gisbert zu Knyphausen – „Das Licht dieser Welt“

„Etwas Besseres als den Tod finden wir überall“, ächzt Gisbert zu Knyphausen gewohnt rauhalsig auf seinem langerwarteten dritten Album. Der Berliner Songwriter scheint den Tod seines Freundes und Musiker-Kollegen Nils Koppruch überwunden zu haben. Während sich auf dem Vorgänger die Melancholie noch ins Knie ficken sollte, ist „Das Licht dieser Welt“ in Momenten fast beschwingt, an den richtigen Stellen aber auch wieder nachdenklich. Ein Album, in dem man sich sofort zu Hause fühlt, auch wenn man noch etwas fremdelt mit Gisberts ersten Ausflügen in die englische Sprache.