Der grüne Junge und seine Kronjuwelen

Der große Popwurf eines Konsenskünstlers: Mit seinem dritten Soloalbum GEMSTONES pubertiert Adam Green weiter.

Von Petra Schönhöfer


Wenn einer mit 23 Jahren freimütig das Ende seiner Jugend proklamiert, straft ihn das Leben oft bald Lügen. So geschehen mit Adam Green und seinem neuesten Silberling: Lustig ist GEMSTONES, rotzig hin und wieder, und selten verstörend. Eben ein ganz normales Stück Postpubertät.
Antifolk, das war einmal, und zwar musikalisches Dada aus New Yorker Szene-Clubs. GEMSTONES, das ist, und zwar vor allem wieder Folk. Auf seinem dritten Soloalbum ist Green dynamischer und lebendiger als beim Vorgänger FRIENDS OF MINE (2003). Dennoch wirkt die neue Platte weniger originell, sondern wie der große Popwurf eines Konsenskünstlers.
Statt symphonial gestrichen wird mit dem Wurlitzer-Piano georgelt. Takt und Tempo wechseln gern und häufig. Polka, Rumba, Heartbreaker, Revueklimbim und Bossa Nova vereinen musikalisch, was Green zwischen Kubismus und Surrealismus ansiedelt. Der beinharte Schieber EMILY steht neben dem orbisonesken WHO'S YOUR BOYFRIEND? und dem meerluftigen Chanson COUNTRY ROAD. Das wird nicht langweilig, schon gar nicht in einer halben Stunde Spieldauer.

Was der Knabe dazu schreibt, will radikal sein, obszön und gewaltig. Ein bisschen Politik, viel Liebe und noch mehr primäre und sekundäre Geschlechtsteile. Taugt auch für BRAVOs Doktor Sommer:

„Carolina she's from Texas
Red bricks drop from her vagina
There's her hand now on the cock sock
Filled with white tears from the drip store.“

Der Indiepop-Posterboy fühlt sich eben zu literarischen Hochleistungen berufen, geht er doch nur zu gern mit seiner Urgroßmutter, der Kafka-Verlobten Felice Bauer, hausieren. Eine Kostprobe aus seinem ebenfalls gerade erschienen Gedichtband MAGAZINE stimmt den geneigten Leser aber ratlos: Mal dir den vampiristischen Ochsenfrosch aus, der den prähistorischen Tumor der 9th Street auslutscht. Ist das nun Ausdruck jener Gefühle, die Green ständig für sich neu zu entdecken behauptet, oder halbgare Abort-Lyrik?
Das alles scheint auch für die Musikwelt zu groß zum Begreifen, und daher werden für das Phänomen Green unzählige Vergleiche bemüht. Ist er der neue Bob Dylan, Jim Morrison, Frank Sinatra, Messias?
Mit Dylan hat Adam am ehesten die Frisur gemeinsam. Das angeblich Visionäre seines Pop-Konzepts kupferte er von Morrison ab, der übrigens zu Beginn seiner Karriere ein ebenso ungelenker Performer war wie Green es ist und es vorzog, mit dem Rücken zum Publikum zu singen. Greens Version vom Poppoeten ist allerdings nicht von Weltenschmerz inspiriert, sondern vom zynisch-satten Bauch des überbehüteten Arztsohns. Über den ironisch-distanzierten Gentlemancharme Sinatras braucht es gar kein Gerede. Dieser Vergleich ist dumm, denn ein achselzuckendes Zungezeigen reicht nicht aus, um mangelnde Lebenserfahrung zu ersetzen.
GEMSTONES könnte ein erstklassiges Album sein, denn an der Oberfläche stimmt alles: Greens schmähtandelnde Baritonstimme, die unzähligen musikalischen Einfälle neben den eingängig tanzbaren Melodien und dem Retrosound einer wundersamen Klangwelt. Fehlt nur, dass Green in diese Form hineinwächst, um sie mit etwas mehr als Kleinjungenstreichen auszufüllen. Seine postpubertäre Pose und nihilistische Altklugheit verpassen dem Ganzen jedenfalls eine Hörbremse.

Adam Green: GEMSTONES
Rough Trade - Sanctuary 2005.

Adam Green: MAGAZINE
Aus dem Amerikanischen von Thomas Meinecke.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2005.

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