So ein Gefühl

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Stefan Moses war einer der wichtigsten Fotografen Deutschlands. Nun ist er gestorben. Im Münchner Literaturhaus ist die Ausstellung „Blumenkinder“ zu sehen mit Portraits, die das Schwabinger Gefühl 1968 zeigen.

 

Von Anna Landefeld-Haamann

Von Anna Landefeld-Haamann

Anna Landefeld-Haamann

War ein komisches Kind mit Vorliebe für Beethoven, Kafka und Neo Rauch. Sie fühlt sich nicht mehr ganz so komisch, seit sie im Ergänzungsstudiengang Kulturkritik auf Gleichgesinnte gestoßen ist. Schreibt neben der Cult unter anderem auch für die Süddeutsche Zeitung.

Viel ist nicht übriggeblieben von all dem, wofür die 68er vor genau einem halben Jahrhundert gekämpft haben. Diesen Eindruck kann man jedenfalls bekommen, wenn man der aktuellen Ausstellung im Literaturhaus folgt. „Blumenkinder“ heißt sie und zeigt Fotografien des großen Chronisten Stefan Moses, der in diesem Jahr seinen 90. Geburtstag feiert – und im übrigen keine einzige Blume. Dafür aber großformatige Porträts junger Schwabinger vor Moses berühmtem grauen Teppich, die noch nie öffentlich gezeigt worden sind. Darauf ist man beim Literaturhaus sichtlich stolz. So stolz, dass die Serie den überwiegenden Teil der Fläche einnimmt und damit alles andere erdrückt.

Freilich, es sind wunderbar ausdrucksstarke Bilder, die Moses von den mit einem neuen Selbstverständnis und -bewusstsein ausgestatteten jungen Frauen, Männern und Kindern gemacht hat. Durch seine Verlängerung des Moments in Form von Diptychen und Triptychen und die Inszenierung der Protagonisten vor einem grauen Teppich fängt Moses die gewählten Aussagen wie unter dem Mikroskop ein. Da ist etwa das Paar, das wie in einem religiösen
Ritual einen Joint dreht und die ersten Züge nimmt. Sie, eine dunkelhaarige Schönheit mit entblößter Brust, die einmal den Joint, einmal ihren Partner und einmal den Betrachter anblickt. Er, mit Schlaghose und langen Haaren, hinter denen das Gesicht versteckt ist.
Offenheit und Schüchternheit stehen nebeneinander. Es sind drei Fotografien, die Intimität und Lebensfreude wuchtig auf das Publikum übertragen und trotzdem fragil wirken.

Im Kontrast dazu stehen die Darstellungen einer Gruppe, berstehend aus vier jungen Männern. Mit ihren Afros und voluminösen Langhaarfrisuren, den engen Jeans, Stiefeln und dicken Gürtel präsentieren sie ein fast überbordendes Selbstbewusstsein, eine Bereitschaft, sich mit allen anzulegen, die ihr umgekrempeltes Ich nicht akzeptieren. Trotz all ihrer individuellen Ausdruckskraft wirken die großformatigen Schwarz-Weiß-Porträts im Heute allerdings durchgängig wie sterile Studioaufnahmen aus einer Boho-Modestrecke.

Das mag daran liegen, dass 2018 die Dinge, die auf den Teppich-Bildern ausgedrückt sind, selbstverständlich geworden sind. Es könnte aber auch daran liegen, dass sie so alleine stehen. Dass es zu viele sind, ein Kontext fehlt und der Besucher mit Schlagworten in die Ausstellung eingeführt wird, die er auf diesen Bildern zumindest nicht zu sehen bekommt: „Proteste gegen den Vietnamkrieg“, „LSD“, „psychedelische Ornamentik“, „Begeisterung für asiatische Religionen“. Im Grunde ist es wohl die komplette Abwesenheit jedes kämpferischen Moments, all dessen, wogegen sich die junge Generation teilweise unter Blutopfern letztlich durchgesetzt hat: Die puritanische Lebensweise ihrer Eltern, eine autoritäre Gesellschaft und eine kapitalistische Wirtschaftsordnung, die Konkurrenzkampf und Erfolg als oberste Maximen etablieren wollte.

Dabei sind das doch Themen, an die man aktuell wunderbar erinnern und anknüpfen könnte. Im Bundestag sitzt wieder eine rechte Partei, die sich nach autoritären Strukturen sehnt, ein ehemaliger Bundesminister fordert „50 Jahre nach ՚68 eine konservative Revolution“. Der
Kapitalismus hat die soziale Schere bedrohlich weit geöffnet, es muss ernsthaft wieder über den Umgang von Mann und Frau diskutiert werden und der US-Präsident droht alles und jedem mit Krieg, allen voran den Nordkoreanern. Vieles wirkt heute so, als habe es ՚68 nie
gegeben.

Dass mit den Fotografien von Stefan Moses mehr möglich gewesen wäre, zeigt ein Blick ins hinterste Ecke der Ausstellung. Klein und dicht gedrängt sind dort authentische Aufnahmen aus dem Inneren der Jugendbewegung zu sehen. Studenten-WGs mit Schlachtrufen wie „Viva la Revolucion“, eine Gruppe rumalbernder und halbnackt kuschelnder Männern, entblößte Körper, Künstler, wütender Protest und nackt, also frei, spielende Kinder. Es sind Schnappschüsse, die dem Lebensgefühl so viel näher kommen als die Porträtserien. Sie lassen
die Begeisterung erahnen, die den damals 40-jährigen Moses in Schwabings Straßen gezogen haben. Sie lassen die Sehnsucht nach dem Umbruch erahnen – etwas, was sich lohnt, für die Zukunft fotografisch festgehalten zu werden. Dass es einmal eine mahnende Erinnerung sein wird, damit dürfte Moses genauso wenig gerechnet haben wie die Menschen, denen er ein Denkmal gesetzt hat.

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