Porträt

Das Mädchen aus dem Kirschbaum

An der Spitze des Münchner Piper Verlags gehört Felicitas von Lovenberg zu den einflussreichten Buch-Macherinnen Deutschlands. Ein Besuch. 
Ausgerechnet das Schönste an ihrem Büro kann sie nicht sehen. Denn ausgerechnet das liegt in ihrem Rücken. Um also in den Garten der historistischen Villa in der Georgenstraße 4 in Schwabing, seit 1935 Sitz des Piper-Verlages, blicken zu können, muss sich Felicitas von Lovenberg umdrehen. Dieses „Draußen“ war schon damals für das kleine Mädchen eine Art Freiheitsversprechen. Ein Ort, dieses „Draußen“, an dem nur sie, die menschenscheue Felicitas, existierte und für ein paar Stunden aus ihrem alltäglichen Leben floh.

Früher, also Mitte der Achtzigerjahre, da saß sie natürlich noch nicht in einem großzügigen Verlegerinnen-Büro mit hohen Decken und knarzendem Parkettboden. Da saß sie im Kirschbaum und las oder tat zumindest so. „Oft hielt ich die Bücher verkehrt herum. Die meisten kannte ich auswendig durchs viele abendliche Vorlesen“, erinnert sie sich. Um sie herum keine Menschenseele, andere Kinder traf sie nur in der Schule, nur sie, ihre Gedanken und das flache, weite Münsterland mit seinen Streuobstwiesen. „Obstbäume sind bekanntlich sehr brüchig“, sagt Felicitas von Lovenberg. „Man muss aufpassen, auf welche Bäume man klettert, da fällt man schon mal raus.“

Mehr als diese doch recht pragmatische Beschreibung gibt es nicht zu ihrem Lieblingsplatz, gleich so, als wolle sie ihn nur für sich bewahren. Wie es denn gerochen habe? Vielleicht sei es gar nicht notwendig, diesen Geruch zu beschreiben. Jeder könne sich das selbst wahrscheinlich ganz gut vorstellen, meint sie und lächelt ihr akkurates Felicitas-von-Lovenberg-Lächeln.

Aus dem bücherverschlingenden Mädchen im Kirschbaum ist inzwischen eine von Deutschlands einflussreichsten Verlagschefinnen geworden. Ach was, sie sei doch nichts Besonderes, winkt von Lovenberg ab. Wie so oft untermalt sie ihr Gesagtes nur sehr sparsam mit einer kleinen Handbewegung oder einem Schulterzucken. Sie sei zwar auf einem Internat in England gewesen und habe dort auch in Bristol und Oxford studiert und natürlich Praktika gemacht. Aber heute mache das doch irgendwie jeder.

Doch die Zahlen geben von Lovenberg nicht Recht. Nur etwa ein Fünftel aller VerlegerInnen sind überhaupt weiblich, obwohl die meisten MitarbeiterInnen weiblich sind, genauso wie die meisten LeserInnen – eben eine „machtlose Mehrheit“. Und so steht nun die Verlegerin Felicitas von Lovenberg vor einem der raumhohen Bücherregale in ihrem Schwabinger Büro.

Ihr Blick schweift über die Wände aus Büchern, von denen sie in den letzten drei Jahren einige auch für das Verlagsprogramm mit ausgesucht hat. Behutsam zieht sie ein Buch heraus, blättert es auf und liest laut: „Wir schliefen in dem Raum, der einst die Turnhalle gewesen war.“ – Der erste Satz aus Margaret Atwoods „Der Report der Magd“. Lovenberg ist gerade auf der Suche nach dem perfekten ersten Satz.

Piper Verlag

Der 1904 gegründete Piper-Verlag gehört mit seinen rund 450 Buchveröffentlichungen im Jahr und zehn Tochterverlagen zu den größten und renommiertesten Verlagen Deutschlands. Piper versteht sich als Publikumsverlag und deckt dabei alle Sparten der Literatur ab. Zu den veröffentlichten Autoren zählen Hannah Arendt, Ingeborg Bachmann, Paul Watzlawick oder Hape Kerkeling. Dessen Buch „Ich bin dann mal Weg“ gilt mit über vier Millionen verkauften Exemplaren als erfolgreichstes deutschsprachiges Sachbuch der Nachkriegszeit. Im März 2016 übernahm die frühere Journalistin und Literaturkritikerin Felicitas von Lovenberg die verlegerische Geschäftsführung. Ihr Statement: „Wir haben ein Buch für jeden.“
Wenn die Welt noch schläft, ist meine beste Zeit.
Felicitas von Lovenberg

Felicitas von Lovenberg

Felicitas von Lovenberg, geboren 1974 im Münsterland, schrieb lange selbst über Literatur, bevor sie 2016 Chefin des Piper Verlags wurde. Lovenberg war Redakteurin und Literaturkritikerin im Feuilleton der FAZ, sieben ihrer 18 Jahre verbrachte sie dort als Literaturchefin, wurde bereits als Nachfolgerin des Herausgebers Frank Schirrmacher gehandelt. Das Schreiben über Literatur, das ging damals am besten um vier Uhr morgens, „wenn die Welt noch schläft“ und keiner außer ihr in der Redaktion war. Ob sie diese Arbeitszeit auch während des Studiums bevorzugte? Ihre Studienjahre verbrachte sie in Oxford und Bristol, Neuere Geschichte war ihr Fachgebiet. Neben der publizistischen Arbeit moderierte Lovenberg mit Denis Scheck auch die SWR-Literatursendung „lesenswert“.

Sie klappt Atwood zu und schaut gerade so, als ob es hier in diesen Hunderten von Büchern bestimmt noch einen besseren ersten Satz gibt. Nächster Versuch mit Zeruya Shalevs „Für den Rest des Lebens“. Wieder der gleiche Das-geht-doch-noch-besser-Blick. „Balzac und die kleine chinesische Schneiderin“ von Dai Sijie. „Zu seiner Zeit ein Beststeller, auf den muss einfach Verlass sein.“ Doch heute irgendwie nicht.

Die ersten Sätze. Die haben es schwer bei Felicitas von Lovenberg. Tausende hat sie wahrscheinlich in den letzten Jahren gelesen. Denn alle Manuskripte, die im Piper-Verlag veröffentlich werden, müssen durch ihre Finger, unten ihre Augen und über ihren Schreibtisch. Schwer haben sie es auch noch aus einem anderen Grund. Lovenberg weiß aus eigener Erfahrung, was für eine heikle Sache eben dieser erste Satz in einem Text ist.

Bevor sie 2016 nach München zu Piper kam, schrieb sie 18 Jahre lang für die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Unter Frank Schirrmacher war sie für sieben Jahre zur Literaturchefin aufgestiegen, wurde nach dessen Tod als seine Nachfolgerin gehandelt. Manchmal habe sie schon um vier Uhr morgens in der Redaktion gesessen und Kritiken geschrieben, erinnert sich Felicitas von Lovenberg.

„Wenn die Welt noch schläft, ist meine beste Zeit“, sagt sie. Aber, so wirft sie ein: Eine Literaturkritik könne eben nur so gut sein, wie die Literatur, mit der sie sich auseinandersetze. „Ein gutes Buch ist wie ein Geschenk“, und so müsse es eben auch behandelt werden. Ein Buch zu verreißen, in das jemand womöglich viel Zeit und Gedanken hineingelegt habe, das sei schwer.

Doch eine Kritikerin, die nicht gerne kritisch ist? „Das Schreiben war nie mein Element“, sagt sie. „Mir fehlt nichts, wenn ich es nicht tue.“ Dem Journalismus den Rücken zu kehren, fiel ihr deswegen leicht. Und so sitzt Felicitas von Lovenberg gern an ihrem Schreibtisch, an dem sie meistens steht, weil es sich im Stehen besser arbeite.

Ein wenig verwüstet sieht dieser Schreibtisch heute aus und will so gar nicht zu der adretten Erscheinung passen, die, wenn man sie spontan fragen würde, sofort bei einem Fotoshooting für Ralph Lauren mitmachen könnte. Jugendliches Chaos statt altehrwürdiger Verlag: Eine Glühweinflasche, unzählige, teilweise noch in Folie verpackte Bücher, ein Whiskey-Fläschchen, ein halb zugeklappter Laptop, ein Teller mit Krümeln, die verdächtig nach dem Kuchen aussehen, den es heute am Empfang gibt, Glückskekse und seltsam präparierte Rosen in einer runden Schachtel.

Das ist also die verlegerische Schalt- und Walt-Zentrale. Das also soll er sein, der Schreibtisch einer Frau, die gerne alles unter Kontrolle hat – egal ob nun Haar oder Make-Up oder eben 450 Bücher, die jährlich im Piper-Verlag erscheinen. Jedes einzelne hat Felicitas von Lovenberg gelesen und abgesegnet. „Da nerve ich meine Kollegen wahnsinnig damit, das weiß ich“, sagt sie.

In anderen Verlagen ist das reine LektorInnen-Sache. Doch was wäre Felicitas von Lovenberg, wenn sie nicht lesen dürfte. Eine Süchtige, eine „Binge-Leserin“ sei sie und findet es schade, dass heutzutage nur noch so wenig über Bücher gesprochen werde. Sie sei unbedingt dafür, dass man auf Partys anstatt über die neuste Serie lieber über das neuste Buch plaudere.

Literaturverfilmungen, ja, das sei auch irgendwie problematisch – einzige Ausnahme „Der englische Patient“. „Wer nur schaut und nicht mehr liest, verliert seine Fantasie“, meint Lovenberg. Erst im vergangenen Jahr erschien ihre „Gebrauchsanweisung fürs Lesen“. In dieser plädiert sie für ein hingebungsvolles Sich-Versenken in die fremde Welt eines Romans. Eine Hymne auf das analoge Buch, eine letzte Festung des Privaten, ein letztes Paradies – egal, ob nun am chaotischen Schreibtisch oder im Kirschbaum.

Anna Landefeld

Videos: David Pablo Bücheler
Fotos: Michael Kohl
Illustrationen: Ella Tiemann

Felicitas von Lovenberg im Gespräch mit Anna Landefeld und Maresa Sedlmeir in ihrem Münchner Büro.

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