Die Fratze der Moderne

Die Collection Lambert stellt in der Ausstellung „Basquiat Remix“ die Werke Jean-Michel Basquiats ihrer eigenen Sammlung gegenüber. Eine Schau des Schreckens.

Von Michael Kohl

Von Michael Kohl

Michael Kohl

Studium der Kunst- und Kulturgeschichte (2014-2017) und Theater-, Film- und Fernsehkritik (seit 2017). Schwerpunkte: Bildende Kunst und Film. Als Kunststudent, Cineast, Theater-, Operngänger und Statist an der Bayerischen Staatsoper kenne ich beide Seiten des Kulturlebens: das Schaffen und Erleben von Kunst.

Nur wenige Linien reichen aus, um die Ecken und Kanten eines Gesichts zu umreißen. So macht es Matisse 1945 und so macht es Jean-Michel Basquiat vierzig Jahre später. Das Porträt des einen Künstlers kommt seinem eigenen Profil sehr nah, das des anderen gleicht mehr einer Fratze: der Kopf ist deformiert, die Zähne sind spitz, die Augen leer.

Die Collection Lambert in Avignon, deren Sammlungsschwerpunkt auf postmoderner Kunst liegt, wählt für die aktuelle Ausstellung eine der Schlüsselfiguren aus der New Yorker Szene der 1980er aus: Jean-Michel Basquiat. Die Hängung ist nach seinen Vorbildern sortiert: Matisse, Picasso, Twombly. Die Namen haben nicht nur genügend Strahlkraft, um als Publikumsmagnet zu wirken, sondern zeigen in ihrer Gegenüberstellung zu Basquiat, dass Herkunft und Emanzipation sich nicht widersprechen müssen.

Den minimalen und reduzierten Gebrauch von Linien mag er von Matisse abgeschaut haben, aber mit den Gesichtsfratzen hat Basquiat ein komplett eigenes Figurenpersonal entwickelt. Das können skelett-artige Roboter sein oder auch eine alte Frau mit Gehstock, Brille und einem so fiesen Lächeln, dass sie jeden Betrachter verschreckt. Basquiats Figuren sind rauer, wilder und verstörender als die seiner Vorbilder.

Zwar hat auch Picasso die Menschen in kubistische Masken zerlegt, aber wenn man einen seiner Linoldrucke mit einem Basquiat-Totenkopf vergleicht, dann ist der Unterschied überdeutlich. Picassos rot-gelbes Frauenporträt mit Mandelaugen ist symmetrisch, Basquiats dagegen schräg und schroff. Die schwarze Farbe des Gesichts zerfließt, die Augen und Zähne blitzen giftig-gelb hervor. Bei Basquiat findet man sich in einem ewigen Albtraum ohne Ausweg wieder. Selbst Picassos Ziege, die mit ihren zerstückelten Formen an das Anti-Kriegsmahnmal „Guerinca“ erinnert, kann nicht mit dem Gruselfaktor von Basquiats Version desselben Tiers mithalten. Den bleichen rot unterlaufenen Augen fehlen Pupillen. Dafür zischelt die Zunge der Ziege die Besucher an: Ass. Arsch.

Immer wieder tauchen Wörtern oder Wortfetzen wie bei Cy Twombly in Basquiats Werken auf: Urine, Ice, Soap, Wax stehen neben Yen und Spirit auf der großformartigen Collage „Icarus Esso“. Basquiat übersetzt den griechischen Mythos über die menschliche Hybris in eine Gegenwart, die sich ebenfalls selbst überschätzt und die weder eine Ordnung noch ein Zentrum kennt. Fotokopien und Zeichnungen von Hunden und Elefanten, von Comic-Helden und Astronauten ergeben ein Wimmelbild, deren Verbindungslinien ins Nirgendwo führen. Der Blick findet keinen Halt.

Wenn man im Anschluss die Dauerstellung von Yvon Lambert ansieht, versteht man, dass Jean-Michel Basquiat nicht allein zeitlich in die Sammlung passt. Das Motiv des Schreckens zieht sich wie ein roter Faden durch das barocke Palais und die unterschiedlichsten Medien. Das trifft sowohl auf Andy Warhols wenig poppige, mehr unheimliche „Electric Chair“-Serie zu, als auch auf die Fotocollagen von Douglas Gordon. Die Augen der Celebrities auf den Gelatine-Abzügen sind ausgebrannt. In der Spiegelfolie darunter spiegeln sich die Besucher in den verstümmelten Gesichtern einer Romy Schneider oder Charlotte Rampling. Es ist, als würde man unfreiwillig selbst zur Groteske mutieren.

In einen Albtraum absorbiert wird man auch in der Installation „J’ai rêve d’un autre monde“ von Claude Névêque, zu der man in das oberste Geschoss finden muss. Der Raum ist niedrig, abgedunkelt und neblig. Ein Bass dröhnt ununterbrochen. Ein feuerrote Neonlinie windet sich wie ein Lavafluss über den Boden und wird zur Hölle auf Erden oder besser gesagt auf dem Dachboden des Palais.

In der Abteilung der Fotografie zeigt der Schrecken seine melancholische Seite. Nan Gold erzählt in Schnappschüssen von lauter versoffenen und verkoksten Nächten im New York der 1980er und 1990er, zur selben Zeit lebte Jean-Michel Basquiat dort; und Anna Gaskell fängt durch Wälder wandelnde oder in Gruppen erstarrte Menschen ein – ohne deren Köpfe zu zeigen. Egal wie verloren alle wirken, jeder und jede findet einen kurzen Moment, der Angst zu entfliehen.

Eine Entdeckung mitten zwischen den etablierten Künstlern ist die syrische Malerin Miryam Haddad. 2017 hat sie die Ecole des Beaux-Arts absolviert. Ihre Werke sind bereits nach Paris und Tokyo verkauft worden. Das diesjährige Festival d‘Avignon hat eines ihrer Hochformate als Plakatmotiv ausgewählt. Was darauf zu sehen ist, könnten zwei Säulen, ein Torbogen, Gewässer und zwei Sonnen sein. Genau entschlüsseln kann man es nicht, denn die bunt-gesättigten Farbflächen vibrieren so sehr, dass sich das Motiv in Abstraktion aufzulösen beginnt. In „La vengeance“ von Haddad ist eindeutig ein Feuerhaufen, eine liegende und eine stehende Figur zu erkennen. Die Regenbogenfarben glühen und das Augen kann sich nicht entscheiden, ob es der Hölle oder dem Paradies beim Brennen zusieht. Schrecken und Begeisterung halten sich die Waage. Genauso wenn am Ende einer gut gespielten Tragödie der Held oder die Heldin sterben muss.

Kategorien

THEATER

THEATER

MUSIK

MUSIK

FILM

FILM

HÖRSPIEL

HÖRSPIEL

PERFORMANCE

PERFORMANCE

KULTURPOLITIK

KULTURPOLITIK
Münchner Veranstaltungorte
Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Ok