In der Bärenfalle

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Der Laiendarsteller Nazif Mujić ist gestorben. Er hat 2013 bei der Berlinale den Silbernen Bären gewonnen dafür, dass er sich in Danis Tanovićs Film „Aus dem Leben eines Schrottsammlers“ selbst gespielt hat. Der Podcast „Nazif und der silberne Bär“ erzählt die bittere Geschichte, wie es zu dem Film gekommen und wie es Mujić und seiner Frau anschließend ergangen ist.

Von Stefan Fischer

Von Stefan FischerVon Stefan Fischer

Stefan Fischer

Hat meistens Kopfhörer im Ohr, weil er ständig Hörspiele hört. Es sei denn, er sitzt im Kino oder Theater. Oder unterrichtet im Studiengang Theater-, Film- und Fernsehkritk. Ist dort auch für die meisten Publikationen verantwortlich. Außerdem Autor und Mitarbeiter der Süddeutschen Zeitung. Verhinderter Weinhändler.

Dies ist die Geschichte über eine kurze Zeit des Ruhms und ein langanhaltendes Elend. Und es ist eine Geschichte darüber, dass das Kino nicht immer die ganze Wahrheit erzählt. Auch wenn das die ursprüngliche Absicht ist.

2013 hat Nazif Mujić den Silbernen Bären gewonnen bei der Berlinale als bester Hauptdarsteller. Er hat, gemeinsam mit seiner Frau Senada, in dem Film „Aus dem Leben eines Schrottsammlers“ von Danis Tanović seine eigene Geschichte gespielt. Die eines bosnischen Roma, der am äußersten Rand der Gesellschaft steht. Das hätte seiner Frau beinahe das Leben gekostet. Ein Kind, mit dem sie schwanger war, ist in ihrem Bauch gestorben. Die Krankenhäuser, die sie aufgesucht hat, verweigerten die Operation, weil Senada und Nazif Mujić weder krankenversichert sind noch über so viel Geld verfügen, dass sie die Behandlung bar bezahlen hätten können. Ein Betrug rettet die Frau, sie legt schließlich die Versichertenkarte einer Verwandten vor.

Nazif Mujić hat diese Geschichte publik gemacht. So ist Tanović auf sie gestoßen, der damals schon Oscar-Preisträger war („No Man’s Land“, 2002). „Aus dem Leben eines Schrottsammlers“ ist pures Reenactment aus erster Hand, Nazif und Senada Mujić , die keinerlei Schauspielerfahrung haben, sind die Darsteller ihres eigenen Lebens. Der Film ist ein erschütterndes Dokument über soziale Verhältnisse, wie man sie in einem europäischen Land eigentlich nicht mehr für möglich hält.

Nur ist die Geschichte mit dem Film noch lange nicht zu Ende. Die Fortsetzung erzählt Zoran Solomun in „Nazif und der silberne Bär“ – ein fünfteiliger Podcast, von dem es zudem eine einstündige Feature-Kurzfassung gibt. Beide Versionen sind verfügbar auf der Website des SWR, der diese Geschichte hinter der Geschichte realisiert und produziert hat.

Der Film hat den Mujićs einigen Ruhm gebracht und ein wenig Geld. Kaum mehr als Almosen: 50 Euro hat jeder der beiden pro Drehtag bekommen. Nach der Berlinale lief „Aus dem Leben eines Schrottsammlers“ auch auf einem Filmfest in Österreich. Dort wurde für Nazif Mujić gesammelt, damit er mit 700 Euro im Geldbeutel nach Hause reisen konnte. Den größten Ertrag brachte der Silberne Bär: Nazif Mujić hat ihn inzwischen verkauft, für 5000 Euro. Danis Tanović ist für Nazif und Senada Mujić nicht mehr erreichbar. Wenn sie ihn anrufen, landen sie immer nur bei einer Assistentin, die sie abwimmelt.

Der Podcast besteht beinahe ausschließlich aus Originalton-Dokumenten. Er vermittelt also eine sehr subjektive Sicht auf die Dinge: die Sicht von Nazif. Er ist mitunter schrullig, teilweise auch naiv. Aber gewiss nicht unglaubwürdig. Während das kürzere Feature wenig mehr leistet, als die Fakten einer absurden Geschichte chronologisch nachzuerzählen, nimmt sich der Podcast ausreichend Zeit, die Menschen und Milieus zu etablieren. Was dem Hörer die Möglichkeit gibt, die Dinge auch zu verstehen. Die Sendung erzählt eine Menge von einer Welt, über die man im europäischen Westen wenig weiß. Und sie erzählt auch einiges über den westlichen Kulturbetrieb.

Als der Film auf der Berlinale gezeigt wurde, haben ihn Nazif und Senada Mujić zum ersten Mal gesehen. Sie haben sich, erzählen sie, an den Händen gehalten. Sie haben geweint. Weil die Wahrhaftigkeit ihrer eigenen Geschichte sie übermannt hat. Alles andere kam ihnen wie eine bizarre Inszenierung vor. Kurz darauf sind sie zurückgereist. Doch kaum in Bosnien angekommen, wurde Nazif Mujić erneut nach Berlin geflogen. Er war ein Kandidat für den Silbernen Bären. Seine Frau hat die Übertragung der Preisverleihung im Fernsehen gesehen. Hat gesehen, wie ihr Mann aufgesprungen ist, wie er sich gefreut hat. Hat gesehen, wie verloren er in diesem Moment gewirkt hat.

Heute, sagte Senada Mujić, würde sie den Film nicht mehr drehen. Heute würde sie ihren Sohn, mit dem sie während der Dreharbeiten schwanger war, wohl auch nicht mehr Danis taufen.