WhatsApp aus dem Krieg

Mit 15 gibt Leonora Messing ihr Leben in Deutschland für die dschihadistisch-salafistische Terrororganisation „Islamischen Staat“ in Syrien auf. Ihr Vater Maik steht vor einem Rätsel. Begleitet bei der Suche nach Antworten wird er von zwei Journalist*innen. Die NDR-Autorin Lena Gürtler hat dazu einen Podcast gemacht: „Leonora – Mit 15 zum IS“.

Von Nina Mohs

Von Nina Mohs

Von Nina Mohs

Nina Mohs

aufgewachsen in Aaachen und Wiesbaden. Studium der Theaterwissenschaft, Sprache, Literatur und Kultur an der LMU in München (2015-2018) und Theater-, Film- und Fernsehkritik (seit 2018). Einige Jahre auf und hinter der Bühne des Theaters verbracht. In die Bereiche Filmverleih und Postproduktion eingetaucht, aber immer beim Schreiben geblieben. 3 Jahre als Redakteurin bei M94.5 Beiträge getextet, produziert und gesprochen. 2018 dann die Entscheidung für den Kulturjournalismus mit Schwerpunkt Film und Theater. 2019 das erste Mal das Theaterfestival UWE, mitorganisiert.

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Es ist Mai 2015 in Breitenbach in Sachsen-Anhalt. Ihrem Vater Maik erzählt die 15-Jährige Schülerin Leonora, dass sie das Wochenende bei ihrer Mutter verbringt. Schon seit einigen Jahren sind ihre Eltern geschieden, die Beziehung zu beiden aber ist gut. Bei ihrer Mutter wird Leonora an diesem Wochenende aber niemals ankommen. Sie ist längst in der Türkei und auf dem Weg, um von Schleusern in die Hochburg der Terrororganisation „Islamischer Staat“, die Stadt Al-Raqqa in Syrien, gebracht zu werden. Noch nicht mal eine Woche hat es gedauert, die Ausreise von Deutschland aus zu organisieren. Noch nicht mal ein Jahr hat es gedauert, dass Leonora sich radikalisiert. Warum sie sich überhaupt radikalisiert hat, bleibt für viele ein Rätsel, vor allem für ihren Vater Maik, bei dem Leonora gewohnt hat.

Vier Jahre lang begleiten die Journalisten Volkmar Kabisch und Britta von der Heide den Vater der Teenagerin, auf seiner Suche nach Antworten, auf seiner Suche nach Leonora. Sie sammeln Material, bekommen Einblick in das Tagebuch der Schülerin, in ihre Gedanken und in ihre Nachrichten, die sie ihren Eltern und ihrer besten Freundin auch noch aus Syrien zukommen lässt. Entstanden ist dabei nicht nur der Film „Leonora – Mit 15 zum IS“, sondern auch der gleichnamige Podcast von der NDR-Autorin und Journalistin Lena Gürtler. In fünf Folgen zwischen 30 und 45 Minuten Länge arbeitet sie die Geschichte von Maik und Leonora mit Hilfe des von Kabisch und von der Heide gesammelten Materials auf. Und hinterfragt dabei die Grenzen des Journalismus, die während der langen Recherche ihrer Kolleg*innen immer weiter verschwimmen.

Gürtler lässt vor allem Leonoras Vater Maik zu Wort kommen, der sowohl in der Reportage als auch im Podcast den Einblick in seine Gefühle und Gedanken gewährt, sich quasi komplett nackt macht vor den Journalist*innen. Maik erzählt von seinen Ängsten um seine Tochter, seinem Unverständnis, warum sie gegangen ist und seiner Einsicht, dass er darauf wahrscheinlich niemals eine Antwort bekommen wird.

Aber auch Leonora kommt zu Wort. Immer wieder werden ihre Sprachmemos abgespielt und ihre WhatsApp-Nachrichten vorgelesen, alles offengelegt, was Leonora seit ihrer Ausreise erlebt, wie sie lebt und wie ihr Alltag in einer der gefährlichsten Terrororganisationen der Welt aussieht. Und genau dieser Alltag ist oft erschreckend normal. Leonora berichtet ihrer Familie vom Kochen, Eis essen oder von kaputten Waschmaschinen. Völlig absurd, wenn sie im gleichen Atemzug über gekaufte Sklavinnen, Männer in Käfigen und Bombardements berichtet.

„Leonora – Mit 15 zum IS“ ist schwer erträglich. Nicht nur inhaltlich, durch die Schwere des Themas. Nein, es ist auch die Tatsache, dass man sich viel zu schnell daran gewöhnt, die privaten Sprachnachrichten von Leonora zu hören, viel zu gebannt auf neue WhatsApp-Mitteilungen wartet und fast schon mitfiebert, wenn Maik versucht, seiner Tochter bei der Flucht aus Syrien zu helfen. Denn recht schnell fällt Leonora auf, dass das Leben beim IS doch nicht so schön ist, wie sie es sich ausgemalt hat. Das Eindringen in die Privatsphäre des Mädchens löst ein mulmiges Gefühl beim Hören aus und ist trotzdem nur einer der Gründe, warum Gürtlers Podcast  an die Substanz geht. Es stellen sich immer wieder neue Fragen: Ist man als Hörer sensationsgeil? Leonora ist eine Täterin, hat man trotzdem Mitleid? Wie kann ihr Vater Maik so einen Menschen noch unterstützen?

Es fällt schwer, Distanz zu halten; und man muss sich immer wieder ins Gedächtnis rufen, dass Leonora freiwillig zum IS gegangen ist. Lena Gürtler weiß um dieses Problem und thematisiert im Podcast genau diese Frage nach der Distanz. Von Beginn an legt Lena Gürtler die Machart des Podcasts offen. Erklärt, warum sie sich für die Ich-Perspektive entschieden hat, spricht mit Volkmar Kabisch und Britta von der Heide immer wieder über die Grenzen des Journalismus, die durch die große persönliche Nähe zu Maik überschritten werden. Sie hinterfragt ihre eigene Sensationslust und versucht sich immer wieder von den Protagonist*innen zu entfernen. Gürtler besitzt mit und in diesem Podcast eine Art Kontrollfunktion, kann von außen die Vorgehensweise, die überschrittenen Grenzen der beiden Kolleg*innen betrachten. Aber sie fällt niemals ein Urteil, denn was der richtige Umgang mit einer solchen Recherche ist, weiß auch Gürtler nicht.

Leicht macht es sich der Podcast „Leonora – Mit 15 zum IS“ also in keinem Fall, aber so schafft es die Autorin Lena Gürtler, den Zuhörer immer wieder in die Realität zurückzuholen und auf Distanz zum Erzählten zu halten. Und auch wenn die Nähe zu Leonora teilweise kaum auszuhalten ist, ist sie nötig, um die sonst der Außenwelt verwehrten Einblicke in das Leben beim IS, zu bekommen und sie zu diskutieren können.

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