Wo ist die Königin?

Die Unternehmerin Ruja Ignatova hat Millionen von Menschen davon überzeugt, in ihre Kryptowährung OneCoin zu investieren. 2017 verschwindet sie spurlos und wurde seitdem nie wieder gesehen. Der Investigativjournalist Jamie Bartlett geht in seinem von BBC Sounds produzierten Podcast „The Missing Cryptoqueen“ auf Spurensuche.

Von Tobias Obermeier

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Von Tobias Obermeier

In rotem Abendkleid mit schwarz glitzerndem Floralmuster betritt sie unter Scheinwerferlicht im Juni 2016 die Bühne der Wembley Arena in London. Im Hintergrund läuft „This girl is on fire“ von Alicia Keyes. Ihre schwarzen, zurückgebundenen Haare fallen leicht über die Schultern. Die Ohren zieren funkelnde Ohrringe. Dr. Ruja Ignatova beginnt ihre Rede. Sie spricht von einer Mission, darüber, wie OneCoin die Welt verändern werde. Das Geld soll demokratisiert, ein zweites Finanzsystem erschaffen werden: „It’s the big change“. Die Masse jubelt begeistert.

Jamie Bartlett eröffnet in der ersten Episode seines rundum gelungenen Podcasts „The Missing Cryptoqueen“ das Bild einer Messias-ähnlichen Anführerin, die ihre Jünger auf die große Veränderung einschwört. Zitate seiner Interviewpartner wechseln sich mit eigenen Aussagen ab. Es sei keine gewöhnliche Vermisstengeschichte. Ruja Ignatova hätte genau gewusst, von was sie redete. OneCoin wäre mehr als nur eine Währung, es wäre eine Familie gewesen. Man vermutet, sie sei entführt worden. Bartlett ahnt, hinter dem Verschwinden der Frau verbirgt sich eine Geschichte gigantischen Ausmaßes, eine Geschichte von Betrug, Hochstapelei und unendlicher Gier.

Er sollte recht behalten. Was sich in den insgesamt neun Episoden zeigt, zählt zu den beunruhigendsten und verrücktesten Betrugsfällen der letzten Jahrzehnte. Angesichts der Größenordnung verschlägt es Bartlett auf seiner Spurensuche mehrmals wortwörtlich die Sprache.

Gemeinsam mit seiner Co-Autorin und Produzentin Georgia Catt befragt er Ex-Mitarbeiter und frühere Investoren, er fährt nach Sofia zum Hauptquartier von OneCoin oder nach Bukarest zu einem skurrilen Schönheitswettbewerb, ausgetragen von OneCoin selbst. Aus einer anfänglichen Mystery-Geschichte um eine vermisste Person entwickelt sich ein hochspannender Wirtschaftskrimi, der Folge für Folge neue absurde Details offenbart und so das Puzzle des Riesenbetrugs zusammensetzt.

Die 1980 geborene und in Deutschland aufgewachsene Bulgarin Ignatova promovierte an der Universität Konstanz in Jura und besitzt zusätzlich einen Abschluss der Universität Oxford. Eigenen Angaben zufolge beriet sie nach ihrer Promotion bei der Unternehmensberatung McKinsey & Company in Sofia große Unternehmen wie Allianz und Raiffeisenbank. Ihr äußerst schillernder Lebenslauf bekam erste Risse, als sie 2009 im Allgäu das Gusswerk Waltenhofen kaufte. Kurz nach dem sie 2012 die Firma wieder verkaufte, ging das Gusswerk pleite. Daraufhin wurde sie wegen Insolvenzverschleppung und Betrugs zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.

2014 gründet sie die Offshore-Unternehmen OneCoin Ltd. und OneNetwork Ltd. mit Firmensitzen in Dubai und Belize. Innerhalb von zwei Jahren sollen mehr als drei Millionen Menschen in ihre Kryptowährung investiert haben. Alleine das Vermögen aus Großbritannien, das innerhalb eines halben Jahres in die Währung geflossen ist, beträgt an die 28 Millionen Pfund. Ein ehemaliger Mitarbeiter spricht von mehr als 15,8 Milliarden Dollar, die bis 2017 investiert wurden. Dabei haben Experten immer wieder darauf hingewiesen, dass OneCoin keine Kryptowährung ist. Es fehlen die technologischen Kontrollmechanismen wie eine Blockchain, die bei anderen Kryptowährungen vorhanden sind und Manipulationen unterbinden. Nicht Angebot und Nachfrage bestimmen den Wert. Stattdessen legt OneCoin diesen immer wieder scheinbar willkürlich fest. Zudem wird ein illegales Pyramidensystem hinter dem Network-Marketing von OneCoin vermutet, das die riesigen Investitionssummen erklärt und bei dem letztendlich nur die Initiatoren am Geschäft verdienen.

Bartlett schafft es ungemein stark, mit seiner Erzählstimme den Enthusiasmus, die Faszination und den Schrecken angesichts des Betrugs zu vermitteln. Eigens eingesungene bulgarische Chorlieder untermalen die mysteriöse Stimmung. Die Spannung wird nicht zuletzt durch die fortwährende Aktualität des Podcasts erzeugt. Nach ihrem ersten Gespräch mit Bartlett erhält die Whistleblowerin und frühere Investorin Jen McAdams, die ihr ganzes Vermögen verloren hat, Morddrohungen. Andere berichten aus Angst nur anonym von ihren Erfahrungen. Und Jamie Bartlett wird nach den ersten Episoden im Internet von OneCoin selbst als Propagandist denunziert, der gezielt die Kryptowährung diskreditieren möchte und Lügengeschichten verbreite.

Mittlerweile laufen Ermittlungen gegen OneCoin. Am 6. März 2019 wurde Konstantin Ignatov, Rujas Bruder und Teil der Führungsriege von OneCoin, am Flughafen von Los Angeles verhaftet und wegen schwerem Bankbetrugs angeklagt. Ruja Ignatova wurde in Abwesenheit angeklagt.

Die zentrale Frage, die sich in all dem Irrsinn stellt, ist, wie dieser gigantische Betrug so erfolgreich funktionieren konnte. Bartlett nennt eine große Schwachstelle in unserer digital vernetzten Medienwelt: Menschen können künstlich Glaubwürdigkeit erzeugen – und keiner überprüft es. In der Schnelllebigkeit unseres Alltags fehlt schlicht die Zeit dafür. So geschehen bei Ruja Ignatova, die durch hoch inszenierte Auftritte und geschicktes Marketing ihre Hochstapelei tarnte und Millionen von Menschen überzeugte, in ihren Betrug zu investieren. Keiner schaute hinter die Kulissen, all wollten den Traum vom schnellen Geld wahrhaben. Und Ruja Ignatova beherrschte das Spiel vom schönen Schein perfekt. So perfekt, dass der Betrug ihr über den Kopf wuchs und sie sich mit ihrem Geld davon machte, wie im Verlauf des Podcasts vermutet wird.

Nach all den Betrügereien und Anschuldigungen, die der Podcast ans Tageslicht befördert, ist es unglaublich, dass bis zum heutigen Tage OneCoin weiterhin tätig ist. Das Team hinter „The Missing Cryptoqueen“ hat die Verantwortlichen im Laufe des Podcasts mehrmals mit den Vorwürfen konfrontiert. Sie weisen alle Anschuldigungen zurück: „OneCoin erfüllt nachweislich alle Kriterien der Definition einer Kryptowährung. Der Podcast liefert keine wahrheitsgetreuen Informationen und kann nicht als objektiv oder unvoreingenommen angesehen werden.“

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