Robin Hood der Bronx

Mit „Conviction“ gelingt dem New Yorker Journalisten Saki Knafo ein True-Crime-Podcast, der Krimi und Milieustudie zugleich ist.

Von David Pablo Bücheler

Von David Pablo Bücheler

Von David Pablo Bücheler

David Pablo Bücheler

Wenn der Privatdetektiv und Ex-Polizist Manuel Gomez über sich selbst spricht, dann nur in höchsten Tönen. Ein echter Held der Bronx, knallhart, ein Rächer der Entrechteten. Als „punisher for the wicked“ oder „bringer of justice to the innocent” bezeichnet er sich.

In South Bronx, einem der ärmsten Bezirke der gesamten Vereinigten Staaten, setzt sich Gomez für Menschen ein, die seiner Meinung nach zu Unrecht festgenommen wurden. In den Bronx gehört für viele der ewig währenden Abnutzungskampf mit der örtlichen Polizei zum Alltag. Das Gebiet hat eine extrem hohe Kriminalitätsrate und eine starke Polizeipräsenz. Verhaftungen sind oft willkürlich; auch deshalb, weil die Polizei sich oft nicht anders zu helfen weiß. Gomez, der in seiner Zeit als Polizist selbst in South Bronx gearbeitet hat, gibt sich heute auf denselben Straßen als Ermittler nach gutem altem Columbo-Stil: Er hat einen Stift, der eigentlich ein Messer ist, trägt eine Uhr, die eigentlich eine Kamera ist. Und natürlich liebt er die Serie „Miami Vice“ – so wie Don Johnson und Philip Michael Thomas als Cop-Duo Crockett und Tubbs spricht er natürlich auch. Seine große Klappe, überhaupt der ganze Kerl ist ein Glücksfall für den Journalisten Saki Knafo, der Gomez für eineinhalb Jahre durch die Straßen der Bronx begleitete.

Gomez markige Sätze prägen den Podcast „Conviction“ ebenso sehr wie die Unmittelbarkeit des Geschehens. In der Bronx kennt man Gomez, man vertraut ihm. Also hat auch kaum einer ein Problem damit, dass der Journalist in seiner Begleitung sein Mikro hinhält, wenn Gomez auf der Straße Zeugen interviewt, an Wohnungstüren klopft, Häftlinge besucht. 

Gomez nimmt im Jahr 2016 schließlich seinen bisher größten Fall an. Er ermittelt im Auftrag des 16-jährigen Teenagers Pedro Hernandez, der nach einer Schießerei in Haft ist. Gomez legt sich für seinen Klienten mit der ortsansässigen Polizeidirektion an.

Er  beschuldigt die Polizei der systematischen Terrorisierung von Jugendlichen, um Falschaussagen zu erzwingen. In den kommenden Monaten wird die gesamte New Yorker Presse von diesem Fall berichten, den Gomez als „gigantischen Albtraum der Korruption“ bezeichnet. Gomez und Hernandez werden zu kleinen Berühmtheiten in der Stadt.

Gute Ghettokids – böse Ghettopolizisten. Eine tolle Geschichte für die Hörer des von Gimlet produzierten True-Crime-Podcasts – bei der Heldenstory um Gomez bleibt es aber nicht. Während die ersten Folgen von „Conviction“ tatsächlich ein wenig den Eindruck vermitteln, dass Saki Knafo dem Inspector auf den Leim geht, ändert sich später die Erzählhaltung.  Knafo geht mehr auf Distanz zu Gomez, recherchiert Hintergründe und erfährt, dass Gomez Klient Hernandez vielleicht doch nicht das Kind von Unschuld ist, zu dem es die Presse gemacht hat. Auch über Gomez, den Robin Hood der Bronx, lässt sich einiges herausfinden: Als Polizist wurde er selbst mehrfach wegen Gewaltausbrüchen und körperlichen Belästigungen angezeigt. Seine Zeit beim NYPD endete mit einer Suspendierung ohne Aussicht auf Rückkehr. Gomez, der heldenhafte, manchmal etwas ulkige Robin Hood der Bronx, erscheint zunehmend im neuen Licht. Was sind seine Motive? „It’s payback“, sagt er einmal unvermittelt. „Payback in spades“ – ein großangelegter Rachefeldzug.

Wer sind in die Guten und wer die Bösen in den Straßen der Bronx? Für den Reporter Saki Knafo verschwimmen die Grenzen.

Der Podcast „Conviction“ ist True Crime, die fesselt, ohne reißerisch zu sein.

Eine Geschichte, die unaufgeregt, fast schon sanft von Saki Knafo moderiert wird. Es ist ein Fall, der die Hörer mit ihren eigenen Vorurteilen konfrontiert. Und wenn es eine Erkenntnis aus der Geschichte gibt, dann nur, dass sich das Hamsterrad der sozialen Ungerechtigkeit ewig weiterdreht. Wer arm ist, bleibt arm, wer kriminell ist, bleibt kriminell.

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