Die egomanische Gesellschaft

Judith Lorentz hat Juli Zehs Bestseller-Roman „Unterleuten“ als aufregende Hörspiel-Serie inszeniert.

Von Tobias Obermeier

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Ein Dorf mag noch so klein sein und beschaulich wirken. Aber an jedem Ort gibt es Partikularinteressen, die das gesellschaftliche Miteinander aus den Fugen heben können. Angelegt als sozialer Mikrokosmos führt Juli Zeh genau das in ihrem Roman vor. Eigene Macht- und Geldinteressen zerstören einen Dorffrieden, den es so vielleicht nur in den Köpfen der Bewohner gegeben hat. Unter der Regie von Judith Lorentz produzierte der RBB nun ein zwölfteiliges Hörspiel, das den verqueren Dorfbewohnern eine Stimme gibt.

Im fiktiven Dorf Unterleuten, das nur wenige Kilometer von Berlin entfernt ist, prallen Lebensentwürfe aufeinander. Wer gut und wer böse ist, lässt sich in dieser Geschichte nicht sagen. Nur, dass jeder seine eigenen Ziele verfolgt und der moralische Kompass dabei nicht mehr recht zu funktionieren scheint. Alteingesessene, die mitunter der DDR nachtrauern, treffen auf Zugezogene, denen der hektische Großstadtwahn Berlins zu viel geworden ist. Die Interessenlagen werden dabei schnell offenbart. So möchte die zugezogene Linda Franzens, die als Pferdepädagogin gutes Geld verdient, auf ihrem erworbenen Grundstück einen Stall samt Koppel bauen. Dafür benötigt sie neben einer Genehmigung auch eine Grundstückserweiterung. Ihr gegenüber steht der ehemalige Soziologiedozent Gerhard Fließ, dem als Mitarbeiter der Vogelschutzbehörde das Bauprojekt ein Dorn im Auge ist, gefährdet es doch die Brutplätze seltener Schnepfenvögel.

Während Gerhard in seiner akademischen Borniertheit dem dörflichen Mikrokosmos aus gegensätzlichen Interessen nicht gewachsen ist, durchschaut Linda schnell die Konstellationen und steigt zur führenden Figur in der hereinbrechenden Dorfintrige auf. Diese entspinnt sich, als ein Vertreter einer Windkraftgesellschaft vorstellig wird und Pläne einer Windradanlage in Unterleuten präsentiert. Für die Unterleutener ist schnell klar, wer der große Profiteur dieser Anlage sein würde: Rudolf Grombrowski, der die ehemaligen landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) nach der Wende in einen Biogroßbetrieb umgewandelt hat, besitzt einen Großteil der infrage kommenden Flächen für die Windkraftanlage. Ihm gegenüber steht Kron, einst ein überzeugter DDR-Kommunist, der bereits bei der Überführung der LPG in den Biobetrieb gegen die Familie Grombrowski agitiert hatte. Eine weitere wichtige Figur ist der Investor Konrad Meiler aus Ingolstadt, der sich große Rendite aus seinen Investitionen in die Windräder verspricht.

Das Hörspiel folgt dabei der Struktur des Romans. Die unterschiedlichen Kapitel sind den jeweiligen Figuren gewidmet. Dadurch bekommen diese jenen Raum an Ausgestaltung, der notwendig ist, um das komplexe Geflecht aus Motiven und Interessenlagen offenzulegen, die dieses kleine beschauliche Dorf in einen kochenden Dampfkessel verwandeln. In vielen Momenten wird die Erzählung kurz unterbrochen und die Zuhörer lauschen den Gedanken der einzelnen Charaktere. Aus vornehmlichen Antagonisten werden breit ausgelegte Figuren, wodurch sich große Identifikationsräume öffnen. Zu der hervorragenden Montage aus dem Spiel der Figuren und ihrer inneren Monologe gesellen sich Passagen, in denen die Bewohner im Rückblick von den Geschehnissen erzählen. Diese drei Erzählebenen greifen während der Fortführung der Geschichte perfekt ineinander und offenbaren so nach und nach das tiefe Geflecht der verschiedenen Interessensparteien.

Judith Lorenz gelingt es, die Kernaussage des Romans prägnant zu formulieren. Eine allgemeingültige Wahrheit gibt es angesichts der komplexen sozialen Strukturen nicht. Jeder lebt nur in seinem eigenen Universum. Annahmen über andere Menschen stellen sich letztlich als große Täuschungen heraus, und die Wahrheit ist nur insofern wahr, wie es verschiedene Perspektiven gibt, die stets eine neue Wahrheit ergeben. So ist das, was wir über Unterleuten erfahren, immer nur ein Ergebnis aus verschiedenen Erzählungen, gepaart mit unterschiedlichen Motiven. Der objektive Blick von Oben, der die Wirrungen und Konflikte allgemeingültig beschreiben möchte, ist nicht vorhanden. Wir sehen vielmehr in ein gesellschaftliches Kaleidoskop hinein, das sich mit jedem Drehen und jeder neu arrangierten Perspektive in ihrer Form verändert. Verstärkt wird diese erzählerische Mechanik durch die großartigen Stimmen. Der Investor Konrad Meiler, mit süffisant konnotiertem Dialekt gesprochen von Udo Wachtveitl, erscheint in seiner bayerischen Abgeklärtheit zunächst als geldgieriger Investor, für den Unterleuten lediglich ein neues Investitionsobjekt darstellt. Im Laufe der Erzählung entwickelt sich Meiler zu einem tiefgründigen Charakter, der sein eigenes Vermögen in die Windradanlage investiert und sich damit eine Annäherung an seine Familie erhofft.

„Unterleuten“ entwirft die Psychologie einer Dorfgemeinschaft, in der letztlich jeder für sein eigenes kleines Universum wirtschaftet. Tiefgreifende Erklärungen und Deutungen sind dabei nicht das Ziel der Erzählung. Es wird gezeigt und geschildert. Die Ursachen dafür, warum die Menschen so naiv, so hasserfüllt oder durchtrieben handeln, muss jeder Hörer selbst aus den verschiedenen Mustern des Kaleidoskops herauslesen.

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