Ein Tag in München

Christoph Lemmer recherchiert in „Geheimakte OEZ“ die Hintergründe des Attentats im Münchner Olympia-Einkaufszentrum.

Von Anna Landefeld-Haamann

Von Anna Landefeld-Haamann

Anna Landefeld-Haamann

War ein komisches Kind mit Vorliebe für Beethoven, Kafka und Neo Rauch. Sie fühlt sich nicht mehr ganz so komisch, seit sie im Ergänzungsstudiengang Kulturkritik auf Gleichgesinnte gestoßen ist. Schreibt neben der Cult unter anderem auch für die Süddeutsche Zeitung.

Bagdad, Istanbul, Brüssel, Tel Aviv, Nizza: Kaum eine Woche in der ersten Hälfte des Jahres 2016 verging, an dem nicht irgendwo auf der Welt ein Anschlag vermeldet wurde. Schließlich erreichte der Terror auch Deutschland: Würzburg, 18. Juli, vier Tage später München. Am 22. Juli erschoss der 18-jährige David Sonboly neun Menschen im Olympia-Einkaufszentrum. Die meisten von ihnen waren kaum 14, 15 Jahre alt. Auffällig war aber noch Folgendes: Die meisten von ihnen hatten türkische oder arabische Wurzeln oder gehörten zur Gruppe der Sinti. Angst und Panik beherrschten für mehrere Stunden die gesamte Stadt. Am Ende richtete sich der Attentäter vor den Augen der Polizei selbst.

Noch am selben Tag sowie in den Tagen, Wochen und Monaten danach wurde viel berichtet über jenen Abend des 22. Juli. Alle stürzten sich auf die Geschehnisse: der Boulevard, die seriösen wie die verschwörerischen Medien gleichermaßen. Sie berichteten über das Attentat, den Attentäter und seine persönlichen und politischen Motive, seine Verbindungen zu kriminellen, rechtsextremen Waffenhändlern im Darknet, später über den Prozess am Landgericht München.

Alles zu kalt, zu stark an Fakten erzählt, fand der Journalist Christoph Lemmer. Er wollte die Menschen „dahinter“ zu Wort kommen lassen, ergründen, wie es zu dieser „kranken Tat“ kam. Dieser 22. Juli 2016 ließ ihm keine Ruhe. Er trieb ihn so sehr um, dass er sich ein Jahr lang auf Spurensuche durch die „Geheimakte: OEZ“ begab und einen fünfteiligen Podcast für den Privatradiosender Antenne Bayern produzierte. Den Hörer nimmt er in jeder der etwa 40 Minuten langen Folgen mit auf seine Recherche – doch seine investigative Leistung bleibt am Ende trotz des boulevardesk-spitzen Podcas-Titels überschaubar und offenbart dramaturgische Schwächen.

Lemmer beginnt zunächst stark. In „Terrorpläne“ dröselt er die kriminellen Machenschaften im Darknet auf. Er besucht bei Köln Uwe F., Ex-Fallschirmjäger, Anwalt und Waffenhändler im Darknet, der ihm redselig erklärt, wie das so läuft mit verschlüsselten Leitungen, Hintermännern und Waffen. Lemmer stößt dabei auch auf „Rico“ alias Philipp K., dem Waffenhändler aus Marburg, der David Sonboly die Tatwaffe, eine „Glock 17“, samt Munition verkaufte. Zwei Tatsachen sind dabei besonders interessant und Lemmer fragt: Wusste oder ahnte Philipp K. von den Plänen David Sonbolys? Und, hätten „die Behörden“ das Attentat verhindern können? So hatte Sonboly versehentlich „Erich Hartmann“ kontaktiert, einen verdeckten Ermittler im Darknet, um an eine Waffe zu kommen. Doch der Ermittler ignorierte Sonbolys Anfrage. Abschließend beantworten kann Lemmer seine Fragen allerdings nicht.

Am eindringlichsten sind zweifelsohne die zweite und dritte Folge der „Geheimakte: OEZ“. Wenn Lemmer in „22. Juli 2016“ den Nachmittag vor dem Attentat und den Tathergang minutengenau protokolliert und dazu noch die Originaltöne aus den Videoaufnahmen des Anschlages einspielt, packt einen das schiere Grauen: Schreie, Schüsse und die Stimme des Attentäters selbst, wenn er sich einen Wortwechsel mit einem Anwohner liefert, der ihn vom Balkon aus als „Kanaken“ beschimpft.

„Ich werde jetzt jeden deutschen Türken auslöschen, egal wer“, hat David Sonboly als letzte Datei auf seinem Computer gespeichert, bevor er sich auf dem Weg ins OEZ machte. Sie ist ein Puzzleteil im Psychogramm des Täters, das Lemmer Stück für Stück entwickelt. Angefangen von der Flucht der Familie aus Iran vor dem Ayatollah-Regime, über Mobbing in den Schulen im Hasenbergl, dem ein zweimonatiger Psychiatrieaufenthalt unter anderem wegen „psychotischer Tendenzen“ folgt. Später entwickelt Sonboly den tiefen Wunsch, deutscher zu sein als alle Deutschen, und gleichzeitig eine Bewunderung für Tim K., den Amokläufer von Winnenden, und den norwegischen rechtsextremen Massenmörder Anders Breivik. Diese verschiedenen Einflüsse sind es letztlich, die es so schwer machen, Sonbolys Tat eindeutig einzuordnen: War es ein persönlicher Rachefeldzug oder ein rassistischer Terroranschlag? Lemmer gelingt es, dieses Problem aufzuzeigen, ohne selbst eine Wertung vorzunehmen.

Mit Ende des dritten Teils allerdings verliert die Serie rasant an Spannung. Das liegt fast in der Natur der Geschichte, der man hätte durch Straffungen beikommen können. Denn was jetzt kommt, hat nur noch mittelbar mit dem Attentat im OEZ zu tun. Im vierten Teil versucht Lemmer sich an einem Porträt des Waffenhändlers Philipp K., allerdings ohne ihm auch nur annähernd so nahe zu kommen wie Sonboly. Stattdessen wirft er noch einmal die Fragen auf, die er bereits im ersten Teil nicht beantworten konnte. Von dort aus geht es dann zum Abschluss in den Gerichtsaal. Hier sammelt der Autor noch einmal verschiedenste Stimmen der Beteiligten, am eindrücklichsten sind die der Großmutter und des Vaters eines der Opfer, dem 19-jährigen Giuliano Kollmann. Damit hätte es Lemmer belassen sollen, doch lässt er es sich nicht nehmen, quasi als Fazit, seine Grundskepsis gegenüber den Behörden und ihrer allgemeinen Auskunftsunlust, die bislang wie ein Grundrauschen im Hintergrund mitgelaufen ist, noch einmal in deutliche Worte zu fassen: Sie seien schließlich für „uns“ da und nicht umgekehrt.

 

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