Das Licht der Dunkelheit

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Die amerikanisch-arabische Autorin Etel Adnan huldigt der "Nacht". Nun ist ihr Text als Hörspiel inszeniert worden, die 92-Jährige ist selbst zu hören.

Von Stefan Fischer

Von Stefan FischerVon Stefan Fischer

Stefan Fischer

Hat meistens Kopfhörer im Ohr, weil er ständig Hörspiele hört. Es sei denn, er sitzt im Kino oder Theater. Oder unterrichtet im Studiengang Theater-, Film- und Fernsehkritk. Ist dort auch für die meisten Publikationen verantwortlich. Außerdem Autor und Mitarbeiter der Süddeutschen Zeitung. Verhinderter Weinhändler.


"Die Dunkelheit besitzt ihr eigenes Licht", schreibt Etel Adnan in ihrem Buch Nacht. Manche Tiere könnten es besser sehen als wir Menschen. Aber das liege womöglich nur daran, so die arabisch-amerikanische Schriftstellerin, dass wir uns zu sehr daran gewöhnt haben, bei Tag zu leben. "Mein Gefühl ist, dass wir das Mysterium der Nacht verloren haben", klagt sie – und taucht mit ihrem Text tief ein in ein samtenes Dunkel, das ihr ein wohliges Gefühl beschert und sie eben nicht ängstigt, anders als bei so vielen Menschen, die die Nacht fürchten. Was aber keineswegs bedeutet, dass die 92-jährige Grand Dame der arabischen Literatur, die in Kalifornien und Beirut lebt, in Nacht nicht auch an die Kanten von Abgründen herantritt.

SInn aus vernuschelten lauten

Giuseppe Maio hat diesen mäandernden Text, der in viele einzelne Gedankensplitter zerfällt und doch eine Einheit bildet, nun als Hörspiel inszeniert. In der Fantasie der Hörer, in den Bildern, die in ihren Köpfen entstehen, bekommt das von Etel Adnan proklamierte eigene Licht der Nacht noch einmal einen helleren Glanz. Adnan selbst ist zu hören, mit ihrer rauen, leisen Stimme, die ein merkwürdiges Englisch artikuliert, das nicht immer leicht zu verstehen ist. "Wir brechen auf, wohin auch immer uns Geschichte führt", heißt es an einer Stelle. Man ist von dieser Vagheit und Rätselhaftigkeit nicht genervt, es macht vielmehr erstaunlich viel Spaß, sich darauf einzulassen, aus den vernuschelten Lauten einen Sinn herauszuhören und damit als Hörer gewissermaßen selbst Licht ins Dunkel bringen zu müssen.