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„Mich interessieren beim Filmemachen eher die Täter“

„Playing God“: Karin Jurschick hat ein kritisches Porträt über einen sympathischen Menschen gedreht. Ein Gespräch

„Playing God“: Karin Jurschick hat ein kritisches Porträt über einen sympathischen Menschen gedreht. Ein Gespräch über politische Dokumentarfilme, die Me-Too-Debatte und wie man jungen Regisseuren zu einer eigenen Filmsprache verhilft

Von Tatjana Michel

Von Tatjana Michel

Tatjana Michel

Tatjana Michel studierte Psychologie in Salzburg, Hong Kong und München und legte während dieser Zeit ihren Schwerpunkt vor allem auf das wissenschaftliche Arbeiten und Schreiben. Danach wandte sie sich der Kulturkritik zu. Besonders die Bereiche Film und Tanz bespricht sie seitdem in Online-, Print-, Radio- und Videoformaten. Darüber hinaus arbeitet sie bei der Süddeutschen Zeitung.

Karin Jurschick hat eine neue Aufgabe: Seit Oktober 2017 unterrichtet sie an der Hochschule für Fernsehen und Film München Dokumentarfilm. Selbstverständlich dreht sie aber weiterhin auch eigene Filme. Aktuell ist „Playing God“ zu sehen, das Porträt des Juristen Ken Feinberg, der Wiedergutmachungen heraushandelt. Jurschick spricht hier von ihrem filmischen Selbstverständnis.

 

Cult: Frau Jurschick, kann man die Geschichte anderer nur erzählen, wenn man seine eigene Geschichte erzählen kann?

Man muss sie nicht allen anderen erzählen können, aber ich denke, dass man tief in sich hineinhören muss, um auch andere erreichen und etwas über andere erfahren zu können. Dieser Antrieb und dieses Auseinandersetzen kann unter Umständen auch eine gewisse Radikalität beinhalten, wenn man sich mit Kummer und Trauer auseinandersetzen muss. Ich halte das jedoch für wichtige Eigenschaften, menschliche Eigenschaften eigentlich, die für das Filmemachen wichtig sind.

 

In drei Ihrer Filme verarbeiten Sie ihre Familiengeschichte: Den Selbstmord der Mutter, der autoritäre Vater, die deutsche Geschichte, die ihre Familie beeinflusst. Sollte jeder Dokumentarfilmer sich mit seiner Geschichte, Herkunft und Vergangenheit filmisch auseinandersetzen?

Nicht jeder muss am Ende eine filmische Form finden. Aber mich hat es weitergebracht. Und ich finde es schon bemerkenswert, dass viele Dokumentarfilmer – mir fällt Peter Liechti ein, den ich sehr schätze – sich ganz am Anfang oder ganz am Ende ihrer filmischen Arbeit mit der eigenen Biografie, der Familie, sich selbst auseinandersetzen.

 

Machen Sie Ihre Filme für sich oder den Zuschauer?

Ich würde das gar nicht trennen. Man macht überhaupt gar keinen Film nur für sich. Im Gegenteil. Es ist ja gerade so, dass man etwas aus sich herausbringt, eine Form für etwas findet, was eben so nicht sichtbar ist, um es für andere sichtbar zu machen. Trotzdem muss der Prozess selbst mir auch etwas bringen.

 

Ihre Dokumentarfilme sind über das Biografische hinaus thematisch sehr weit aufgestellt und Sie beschäftigen sich sowohl mit globalen Fragen wie in „Krieg und Spiele“ als auch mit Einzelpersonen wie in „Playing God“. Wie entscheiden Sie, mit welchem Thema Sie sich beschäftigen?

Ich glaube, dass meine Filme eines gemeinsam haben: Ich bin immer politisch interessiert. Ich meine schon mitzukriegen und genau hinzuschauen, was in der Welt um mich herum passiert und wie sich die Welt verändert. Daraus entstehen manche Themen. Aber über manche Themen stolpert man auch einfach. Im Fall von „Krieg und Spiele“ habe ich über Drohnen mal was gelesen und war davor selbst in Afghanistan. Da war mir dieses Bild so eindrücklich, dass unsere technologische Entwicklung dazu führt, dass wir uns immer weiter voneinander fortbewegen. Dass es Menschen gibt, die von diesen Hightechmaschinen keine Ahnung haben und diese schon gar nicht kontrollieren können. Damit bekommen diese Maschinen etwas fast Göttliches, wenn sie dort oben über einem schweben und man weiß, dass dort etwas ist, das einen hören und sehen und womöglich sogar riechen kann. Das ist ein Ausgangsbild, von dem aus ich dann anfange zu recherchieren.

 

Sind Sie so auch auf das Thema Ihres neuen Films „Playing God“ und den Protagonisten Ken Feinberg aufmerksam geworden?

Das war ausnahmsweise anders. Die Produktionsfirma, die „Krieg und Spiele“ produzierte, hat einen Film gemacht, in dem Ken Feinberg, dieser Staranwalt aus Amerika, einen kleinen Interviewton hat. Die Produzentin fand ihn so eloquent und spannend, dass sie mich gefragt hat, ob ich mir vorstellen könnte, einen Film über ihn zu machen. Das ist eher ungewöhnlich, dass andere mit einem Thema kommen. Ich war zuerst auch ein wenig skeptisch.

 

Den Film „Playing God“ zu nennen hat meiner Meinung nach schon eine Wertung im Titel. Umso überraschter war ich, einen so sympathischen, charismatischen und einnehmenden Mann zu sehen. Wie haben Sie ihn selbst empfunden?

Hoch intelligent. Eloquent. Witzig. Aber gleichzeitig sehe ich alles, was er da macht, nicht unkritisch. Und das war auch mein Ziel. Es ist einfach, einen Anwalt in eine Ecke zu stellen: Reiche, Washingtoner-Elite. Dazu noch jüdisch. Aber das wollte ich nicht. Und zusätzlich ist da noch seine Eloquenz und dass er seine eigene Lebensgeschichte schon so fertig geschrieben hat. Das kann man so auch nicht stehen lassen. Ich wollte ihn zwischen der Heldenrolle, die er selbst auch ganz gerne einnimmt, und seiner politischen Funktion zeigen. Das macht es nur ein wenig schwierig für das amerikanische Publikum. Die hätten lieber, dass er entweder der Gute oder der Böse ist. In Europa wird das mehr geschätzt, dass nicht so klar ist, ob er eigentlich der Gute oder der Böse ist und dadurch unklar ist, wie man ihn eigentlich finden soll.

 

Glauben Sie, dass Sie seine Rolle durchbrechen konnten, um den Menschen, der er wirklich ist, zu finden?

Ich hoffe, dass uns das gelungen ist. Das ist natürlich dann auch eine Frage der Montage. Momente, wie zum Beispiel, wenn er wie ein kleiner Junge neben seiner Frau steht, lassen dann schon eine andere Seite erahnen. Oder wenn er sich mit den Pensionären auseinandersetzt, wo wir mal die Gelegenheit hatten, ihn einfach in seinem Tun zu beobachten. Da sieht man auch viel von ihm. Und zusätzlich auch dadurch, dass wir ihn mit den verschiedenen Fällen konfrontiert haben, wo er manchmal eine sehr positive Rolle spielt, wie beispielsweise, wenn es um 9/11 geht, und manchmal eine schwierige, wenn er Firmen wie BP vertritt.

 

Ich kann mir vorstellen, dass sich auf Grundlage der Gespräche mit den Geschädigten die Perspektiven, auch Feinberg gegenüber, verändert haben. Wie gehen Sie mit Sympathie und Antipathie Ihren Protagonisten gegenüber um?

Mich interessieren beim Filmemachen sowieso immer eher die „Täter“. Es ist einfacher, einen Film über die Opfer zu machen, um den Opfern eine Stimme zu geben. Ich finde es allerdings interessanter, sich mit den Zwischenbereichen zu beschäftigen. Da habe ich noch viel eher durch vorheriges Recherchieren ein Bild von jemanden im Kopf, das vielleicht nicht so positiv ist, ich mich aber trotzdem vollkommen auf diese Person einlassen muss. Nur so findet man Überraschendes. Mit dem Chef der UN in Bosnien-Herzegowina habe ich mich plötzlich über Heiner Müller unterhalten, weil der ihn so klasse fand. Sowas kann man nicht planen.

 

Findet man so die richtigen Fragen, indem man sich mitreißen lässt und im Moment agiert?

Mitreißen würde ich nicht sagen. Der Verstand und die Distanz müssen auch immer mit dabei sein, sonst lässt man sich auch schnell über den Tisch ziehen. Ich finde beides wichtig. Für mich ist eine gute Vorrecherche wichtig, um zu wissen was ich will. Aber ich halte es da wie Werner Herzog, der jetzt gerade hier an der Hochschule für Fernsehen und Film München einen Workshop gibt: Man kann die Fragen vorbereiten, aber es geht darum, in dem Moment zu sehen, wer mir da eigentlich gegenübersitzt und sich bewusst zu machen, was höre ich da gerade eigentlich wirklich. 

 

Haben Sie das Gefühl, dass Sie mit „Playing God“ eine bestimmte Stellung beziehen oder möchten Sie das offenlassen?

Ich will nichts ganz offenlassen. Aber ich möchte die Zweifel oder verschiedenen gegensätzlichen Seiten, die ich da bemerke, auch nicht wegglätten oder den Zuschauern erklären, wie ich das sehe, damit sie das auch so sehen. Ich sehe aber schon eine bestimmte Haltung in dem Film, ich weiß auch, welche ich habe.  Ich möchte sie nur nicht in einer pädagogischen oder pathetischen Weise rüberbringen.

 

Sie haben in ganz unterschiedlicher Richtung gearbeitet: Festivalorganisation, redaktionelle Tätigkeit für Print, Hörfunk- und Fernsehautorin, Lehre, Dokumentarfilm. Beeinflusst das Ihre Arbeit?

Das tut es insofern, dass ich dieses Gewerbe und Handwerk von allen Seiten kennengelernt habe. Und im Nachhinein empfinde ich das als eine große Bereicherung. Sowohl über Film zu schreiben und nachzudenken, auch wenn man da im Nachhinein immer ein bisschen vorsichtig sein muss, weil dann die Ansprüche sehr hoch hängen, als auch die Festivalarbeit. Ich habe dadurch – weil ich auch nie eine Filmhochschule besucht habe – viel gelernt und an Lebenserfahrung dazu gewonnen. Aber auf der anderen Seite sitze ich jetzt schon manchmal hier an der Filmhochschule und denke mir, wenn ich das vor 20 Jahren mitbekommen hätte, hätte ich vielleicht manches anders gemacht.

 

Was meinen Sie genau, wenn Sie sagen: Wenn man über Filme schreibt, hängen die Ansprüche so hoch?

Im Studium fand ich Pasolini klasse oder eine zeitlang Alexander Kluge, über den ich auch meine Abschlussarbeit geschrieben habe. Da muss man nur aufpassen, dass man sich zum einen die Ansprüche am Anfang nicht gleich so hoch setzt, dass man sich gar nicht mehr traut, überhaupt anzufangen und zum anderen, dass ich begreife, dass ich meinen eigenen Weg finden muss. Ich muss begreifen, dass ich nur mit mir arbeiten kann. Das erste und einzige Material bin ich.

Seit Oktober 2017 sind Sie neue Professorin für den Lehrstuhl Dokumentarfilm an der HFF München. Was haben Sie sich für diese Position vorgenommen?

Ich gebe mir mindestens erstmal das erste Winter- und Sommersemester, um zu sehen, was hier so passiert, wie alle drauf sind, was hier geht und was nicht. So würde ich beim Filmemache ja auch vorgehen. Ich möchte vor allem die Studenten hier dazu bringen, dass sie sich freimachen, dass sie ihren Weg finden und dass sie nicht angststarr vor der Zukunft werden, sondern sich etwas trauen und trotzdem dabei realistisch bleiben. Im Grunde möchte ich die Persönlichkeiten stärken und zwar jede für sich. Ich glaube nicht, dass ich Ziele formulieren werde, dass der Dokumentarfilm so oder so werden soll. Dass wir allesamt versuchen müssen, ihn gegen Kürzungen zu retten und uns mit Umbrüchen beschäftigen müssen, ist sowieso klar.

 

Was halten Sie für einen realistischen Weg, wenn man mit Filmen arbeiten möchte?

Ich möchte, dass man davon leben kann. Filmemachen ist ein Beruf und kein Hobby. Aber davon leben können, darf trotzdem keinen permanenten Anpassungsprozess bedeuten und man muss sich die Freiheit, auch eine künstlerische Freiheit, darüber hinaus erhalten. Das wird nicht vielen gelingen. Das liegt einerseits an dem Markt und den Strukturen, aber andererseits auch an den Menschen. Das können nicht alle. Es gibt aber trotzdem noch viele andere Möglichkeiten. Da würde ich das Fernsehen auch nicht nur verteufeln. Auch durch Onlinemedien eröffnen sich neue Wege. Deswegen gibt es nicht den einen Weg.

 

Das Thema Frauen im Bereich Film scheint Ihnen am Herzen zu liegen. Sie haben die Feminale mitgegründet und waren Mitherausgeberin von „Blaue Wunder. Neue Filme und Videos von Frauen 1984 bis 1994“. Ist das auch etwas, worauf Sie als Professorin mehr Aufmerksamkeit lenken wollen?

Es muss jetzt endlich mal nicht mehr nur Aufmerksamkeit darauf gelenkt werden. Es muss etwas passieren. Deswegen habe ich mich auch Pro Quote Regie angeschlossen. Ich fände es besser, wenn es ohne Quote ginge, aber ohne Druck passiert von selbst leider nichts oder nicht genug. Ich verstehe, dass auch die männlichen Kollegen Angst und Existenzdruck haben. Aber was die Möglichkeiten des Zugangs angeht, ist es schon sehr schade zu sehen, wie viele tolle Studentinnen es hier gibt, aber wie wenige die großen Projekte dann am Ende noch machen.

 

Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Es sind zwei Sachen. Es gibt immer noch eine gesellschaftliche Haltung, die Frauen die großen Regieprojekte nicht zutraut und sie deswegen die großen Förderungen nicht bekommen. Wo auch Netzwerke so funktionieren, dass sie auf der Männerseite besser wirken. Aber es gibt mit Sicherheit auch die Gründe, dass Frauen sich selbst kleiner machen. Wenn Werner Herzog erzählt, dass das Thema Internet und künstliche Intelligenz an ihn herangetragen wurde und er selbst sagt, ich kann zwar gar nicht so toll damit umgehen wie andere, aber ich wusste, dass ich den besten Film mache, den es dazu geben kann, dann ist das eine Haltung, die wahrscheinlich die wenigsten Frauen zustande bringen. Das fehlt. Einfach der Umstand zu sagen: Ich kann das und ich mach das jetzt einfach und bringe dafür die Energie auf. Das erfordert natürlich Lebensentscheidungen.

 

Glauben Sie, dass die Industrie mit beispielsweise #Metoo Schritte in die richtige Richtung macht?

Ich denke schon, dass das was bewirkt und dass es gut ist, dass das auf den Tisch kommt. Ich finde es richtig, wenn es Folgen hat, aber ich bin für eine rechtsstaatliche Aufklärung und dagegen, dass ein Vorwurf oder ein Artikel allein reicht, um Karrieren zu zerstören. Ich möchte, dass es geprüft wird. Trotzdem finde ich es gut, dass klar wird, dass vom großen Star bis zur Sekretärin alle ununterbrochen so etwas erleben. Je mehr Frauen sagen: Es reicht jetzt, umso besser.

 

Finden Sie, dass sich die Veränderungen schnell genug vollziehen?

Es ist erstaunlicherweise so, dass es vor allem in Deutschland relativ langsam vorangeht. Gerade weil immer alle meinen, dass alles doch schon so toll läuft, obwohl alle Statistiken zeigen, dass es nicht so ist. Und das alle gerne übersehen, dass in Deutschland immer noch ein sehr konservatives, altväterliches Verhältnis zu Frauen besteht.

 

Sind Sie deswegen auch für eine Quote, damit die Politik das anschiebt, was von allein nicht funktioniert?

Der Punkt ist einfach, dass es, um Veränderungen manifest zu machen, eines vehementen Zeichens bedarf. Es hat nichts mit „alles ist dann gerecht“ oder „gerechter“ zu tun. Da wird auch mal ein Mann ungerecht behandelt werden. Das kann vorkommen, aber ich denke, dass ein solcher Schritt nötig ist.

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