Der Gott der großen Entscheidungen

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„Playing God“: Das filmische Porträt eines Juristen, der den Wert eines Menschen bemisst

Von Tatjana Michel

Von Tatjana Michel

Tatjana Michel

Tatjana Michel studierte Psychologie in Salzburg, Hong Kong und München und legte während dieser Zeit ihren Schwerpunkt vor allem auf das wissenschaftliche Arbeiten und Schreiben. Danach wandte sie sich der Kulturkritik zu. Besonders die Bereiche Film und Tanz bespricht sie seitdem in Online-, Print-, Radio- und Videoformaten. Darüber hinaus arbeitet sie bei der Süddeutschen Zeitung.

Wie viel ist das Leben eines Feuerwehrmannes wert, der bei den Anschlägen vom 11. September 2001 auf das World Trade Center in New York starb? Wie viel Einbußen ergeben sich durch die von BP verursachte Ölkatastrophe im Golf von Mexiko für einen Fischer? Wie viel Boni-Abzüge verdienen die Citibank-Manager, die für einen der größten Börsencrashs mitverantwortlich sind?

Mit diesen moralischen Dilemmata beschäftigt sich der Anwalt Ken Feinberg täglich und unternimmt den Versuch, abstrakten Sachverhalten Geldwerte gegenüberzustellen. Vor allem im amerikanischen Rechtssystem, in dem Schädigungen durch monetäre Wiedergutmachungen ausgeglichen werden, benötigen Regierung und Firmen Feinbergs Arbeit. Er hat sich einen Namen darin gemacht, Menschenleben, Arbeitszeiten und Verfehlungen mit einer Summe gleichzusetzen, die die Allgemeinheit als gerechtfertigt und rechtmäßig empfindet. Doch was bedeutet diese Zahl für die Menschen, die damit einen Verlust aufwiegen und davon absehen sollen, vor Gericht zu ziehen?

Die Regisseurin Karin Jurschick seziert in ihrem Dokumentarfilm „Playing God“ die moralischen Probleme und Konsequenzen, die mit Feinbergs Arbeit einhergehen. Sie begleitet den charismatischen Mann in den Siebzigern, während er für seinen neusten Fall von Termin zu Termin eilt. Er soll eine Empfehlung aussprechen, bezüglich vorgesehener Rentenkürzungen einer Firma, die droht, in die Insolvenz zu rutschen. Dafür reist er von Ort zu Ort, um sich mit den Arbeitern und baldigen Pensionisten zu treffen und sich ihre Meinung anzuhören. Zwischen diesen Treffen rekapituliert er alte Fälle vor Jurschicks Kamera. Und er nimmt uns mit zu den Fragen und Problemen, die sich durch seine Arbeit ergeben.

Darüber hinaus holt Jurschick viele der Menschen vor die Kamera, die von Feinbergs Arbeit betroffen sind oder mit ihm zusammengearbeitet haben. Auch sie zeichnen ein Bild, welches deutlich macht, dass es bei Verlusten dieser Art keine Gewinner geben kann, dass die Arbeit, die Feinberg leistet, jedoch auch keine einfache Schwarz-Weiß-Sicht, kein Recht und Unrecht, kein Gut und Böse zulässt.

Schon gleich zu Beginn des Films findet Karin Jurschick ein Bild, welches Feinberg in seinem Wesen einzufangen vermag. Er sitzt dort in seinem Wohnzimmer und schaut Fernsehen. Allerdings ist der Ton abgeschaltet und stattdessen lauscht Feinberg Operngesängen, während er die Fernsehbilder auf sich einprasseln lässt. Als Kommentar zu dieser Angewohnheit sagt er nur, es wäre erstaunlich, zu wie viel Hochkultur und zu wie viel Bösem die Menschheit gleichermaßen fähig ist.

Daraus ergibt sich vielleicht auch die Erklärung, warum Feinberg diese Arbeit, bei der man sich selbst und allen anderen immer etwas schuldig bleibt, trotzdem macht. Das Unrecht dieser Welt und unsere westlichen Werte- und Rechtssysteme machen jemanden wie Feinberg nötig. Und wenn jemand den Job machen muss, dann besser er, als jemand, der es schlechter macht.

Genau diese Widersprüche, die sich einfachen Deutungen jedoch entziehen, deckt Jurschick mit Feingefühl, Beharrlichkeit und genauem Hinsehen auf. Und lässt den Zuschauer mit vielen Einsichten zurück, ohne vorgegebene Ansichten zu vermitteln.

 

„Playing God“
D 2017
Regie: Karin Jurschick
Filmstart: 8. Februar 2018, 90 Minuten