Von Hass und Toleranz

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Francis McDormand mischt in Kevin McDonaghs für sieben Oscars nominiertem Film „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ einen ganzen Ort auf

Von Maike Müller

Von Maike Müller

Maike Müller

Maike Müller hat schon früh eine Leidenschaft für absurde Satzstrukturen und verzwickte Metaebenen entwickelt. Nach dem Abitur studierte sie darum Germanistik in Mannheim und Kanada. Nach einigen Ausflügen hinter den Theatervorhang wandte sie sich dann dem Schreiben und dem Studiengang "Theater-, Film- und Fernsehkritik" zu. Seitdem haut sie für die Cult, die Süddeutsche Zeitung und deren Digitale Ausgabe immer wieder in die Tasten.

Zwischen Wiesen und Bäumen stehen drei Plakatwände; an einer Straße, die nie befahren wird, vor einem Ort, den keiner besuchen will. Im Vorbeifahren wird eine Frau auf die heruntergekommenen Aufsteller aufmerksam. Mildred Hayes heißt sie. Sie hält kurz an, schaut aus ihrem Autofenster und trifft eine Entscheidung. Sie wird damit ein ganzes Dorf aufwecken und die Einöde beleben.

Vor einigen Monaten wurde Mildreds Tochter vergewaltigt und ermordet. Genau hier, an dieser Straße vor der Kleinstadt Ebbing in Missouri.

Die Einwohner haben das verdrängt, die Polizei scheint die Ermittlungen schon aufgegeben zu haben, bevor sie begannen. Bisher konnten in Ebbing Hass und Rassismus in Ruhe keimen. Aber Mildred lenkt die Aufmerksamkeit auf dieses Stück Straße im Nirgendwo, plakatiert die drei Wände mit Provokationen.

Schwarz auf Rot steht da: „Vergewaltigt, während sie starb, und immer noch keine Verhaftungen? Wie kann das sein, Chief Willoughby?“ Plötzlich wird der Ort gesehen, die Strukturen zerbrechen und was unter der Oberfläche brodelte, bricht hervor. Mildred wird von Mitbürgern und Polizei angefeindet, beschimpft und bedroht. Gerade der direkte Verweis auf den sympathischen Polizeidirektor stößt auf Empörung. Aber Mildred Hayes lässt sich nicht beirren. Auch nicht von dem gewaltbereiten Officer Jason Dixon, der gerne mal Schwarze im Namen der Gerechtigkeit foltert.

Der irische Regisseur und Drehbuchautor Kevin McDonagh balanciert in „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ ernste Milieustudie und heikle Themen aus mit harschem, bitterbösem Humor. Während der Mord an der Tochter nur als Auslöser der Auseinandersetzungen im Dorf dient und in den Hintergrund gerät, rücken Hass, Rassismus und blinde Gewalt in den Fokus – vor allem aber die Beziehung von Mildred Hayes und Jason Dixon.

Im blauen Einteiler und mit zurückgebundenem blonden Haar steht Mildred schlagfertig und allein einer ganzen Stadt gegenüber. Wut und Hass machen auch sie blind. Mildred vergisst ihre Familie, ihren Sohn und sieht nichts mehr, außer der Ungerechtigkeit des Systems. Das geht so weit, dass sie sogar zu Molotow-Cocktails greift, mit denen sie das Polizeirevier bombardiert.

Jason Dixon prügelt währenddessen den Betreiber der Werbetafeln halbtot und wirft ihn aus dem Fenster. Sie spielen gegeneinander, nur um sich gleichermaßen von System und Gesellschaft betrogen zu sehen. Gewalt trifft Gewalt, Hass trifft auf Hass. Was absurderweise dabei herauskommt: Toleranz. Mildred und Jason beginnen miteinander zu sprechen und denken nicht mehr nur in Schubladen. Selbst der Rassist hat plötzlich auch eine gute Seite und weckt irgendwie Verständnis.

„Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ erhielt dieses Jahr den Golden Globe als bester Film. Auch Francis McDormand, die Mildred Hayes spielt, bekam den Golden Globe als beste Hauptdarstellerin, und Sam Rockwell, der den gewalttätigen Jason Dixon spielt, als bester Nebendarsteller. Zurecht, denn die Dynamik der beiden ist sensationell. Bei den Oscars ist der Film in sieben Kategorien nominiert.

Drei Plakatwände, zwei Polizisten und eine Frau treffen sich in einer amerikanischen Kleinstadt. Das ist zwar kein Witz, aber dennoch ein Film, der von hervorragendem schwarzem Humor geradezu strotzt. Was dabei herauskommt, ist ein böser Kommentar zur Gegenwart. Gerade jetzt, wo ständig darüber debattiert wird, ob man Rechten nun zuhören sollte oder nicht, zeigt dieser Film: Probleme sollten nicht ignoriert, sondern angesprochen werden. Es darf nicht zu lange unter der Oberfläche brodeln, sonst eskaliert die Situation. Ignoranz, genau wie Intoleranz, sind Faulheit. Toleranz ist Arbeit.

 

„Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“
USA, GB 2017
Regie: Martin McDonagh.
Darsteller: Frances McDormand, Woody Harrelson, Sam Rockwell
Filmstart: 25. Januar 2018, 116 Minuten