Kuriose Menschen

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Michael Gracey zeigt in seinem Musicalfilm „The Greatest Showman“, wie das alles begann mit der Unterhaltung in den USA.

Von Maike Müller

Von Maike Müller

Maike Müller

Maike Müller hat schon früh eine Leidenschaft für absurde Satzstrukturen und verzwickte Metaebenen entwickelt. Nach dem Abitur studierte sie darum Germanistik in Mannheim und Kanada. Nach einigen Ausflügen hinter den Theatervorhang wandte sie sich dann dem Schreiben und dem Studiengang "Theater-, Film- und Fernsehkritik" zu. Seitdem haut sie für die Cult, die Süddeutsche Zeitung und deren Digitale Ausgabe immer wieder in die Tasten.

Ein Mann mit Zylinder und Gehstock steht im Gegenlicht. Sein Umriss bewegt sich von Pose zu Pose. Rhythmisches Klatschen und das „Woah“ des Chors animieren ihn dazu. Nahaufnahme auf sein Gesicht: „Ladies and Gents, this is the moment you’ve waited for“, durchbricht die Stimme Hugh Jackmans den Chorgesang. Klingt gut, ein fulminanter Auftakt für einen Film über das Leben eines der ersten modernen Showmen. Dann schreitet Jackman, beziehungsweise P. T. Barnum, in eine Art Zirkusmanege. Dort tanzen seine kuriosen Show-Objekte. In dieser Manege fühlt man sich ganz plötzlich wie damals im Speisesaal von „High School Musical“.

P. T. Barnum aus „The Greatest Showman“ ist ein beispielhafter American Dreamer. Er ist Waise und arm, arbeitet sich ein bisschen hoch und heiratet Charity, eine Tochter aus gutem Haus. Eigentlich sind sie glücklich mit ihren beiden Töchtern in der kleinen Wohnung. Aber Barnum will seine Träume verwirklichen. Er kommt auf die Idee, lebendige Kuriositäten auszustellen. Einen sehr kleinen Mann zum Beispiel und eine bärtige Frau. Das Geschäft läuft in „P. T. Barnum‘s American Museum of Curiosity“. Und die „kuriosen Menschen“ fühlen sich nicht mal ausgebeutet, sondern selbstbewusster durch ihr öffentliches Auftreten. Das hält aber nicht lang an. Manche Menschen können den „Zirkus“ nicht besonders leiden, und Barnum verfällt dem Größenwahn.

Der historische Barnum gilt tatsächlich als derjenige, der den Grundstein für moderne Unterhaltung legte. Im 19. Jahrhundert tingelte das Vorbild für den „Greatest Showman“ von Regisseur Michael Gracey mit einem Wanderzirkus durch die USA. Dieses Leben ist natürlich eine Goldgrube für das Musical, das selbst immer noch vor allem Show und Unterhaltung ist. Die Musik von Benj Pasek und Justin Paul ist poppig, hat Ohrwurmpotential und würde perfekt in die nächste Spotify-Dusch-Playlist passen. Das heißt aber in diesem Fall leider auch, dass sie stark bearbeitet ist.

Gerade Jackmans starker Broadway-Stimme schaden die Plastikklänge. Das war in der Verfilmung des Musicals „Les Misérables“ von Regisseur Tom Hooper noch ganz anders. So glatt müsste auch Musical nicht sein. Selbst die gefeierte europäische Opernsängerin Jenny Lind, die Barnum nach Amerika holt, um sie dort auf Tour zu schicken, darf nur die immer selbe Pop-Ballade trällern, die sehr an Beyoncés „Listen“ aus dem Musicalfilm „Dreamgirls“ erinnert. Als wäre eine Dampfwalze über ihre Stimme gefahren und hätte sie plattgequetscht.

Auch die Tänze wirken stellenweise so unbeholfen wie in Disney-Musical-Filmen. Zac – Auftritt Efron. Der „High School Musical“-Absolvent darf nicht fehlen, wenn es um möglichst unangenehme Tänze geht. Als Barnums Geschäftspartner tanzt und singt er, während einer Verhandlung, mit Jackman in einer Bar um die Wette; und verliert. Dennoch – so lange Efron nicht durchs Bild hüpft – entwickelt „The Greatest Showman“ mit den bunten Kostümen und dem Gewimmel in den Ensembleszenen einen Sog, den selbst die Musik nicht brechen kan