Du musst töten!

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In dem Film „The Killing of a Sacred Deer“ des griechischen Regisseurs Giorgos Lanthimos gibt es ungewöhnlichen Nachhilfeunterricht in Sachen Schuld und Sühne

Von Michael Kohl

Von Michael Kohl

Michael Kohl

Studium der Kunst- und Kulturgeschichte (2014-2017) und Theater-, Film- und Fernsehkritik (seit 2017). Schwerpunkte: Bildende Künste und Film. Als Kunststudent, Cineast, Theatergänger und als nebenberuflicher Statist an der Bayerischen Staatsoper kenne ich beide Seiten des Münchener Kulturlebens: das Arbeiten für die und das Erleben von Kunst.

Ein Vater schiebt seinen Sohn in einem Rollstuhl durch ein Krankhaus. Er hebt ihn hoch, zwingt ihn zu stehen – und lässt ihn los. Der Körper des Jungen knallt auf den Boden. Er kann nicht stehen, ist gelähmt.

Auch wenn es nicht so aussieht, versucht Steven Murphy (Colin Farrell), seinen Sohn zu retten. Nach der Lähmung drohen dem Jungen erst Appetitlosigkeit, dann Blutungen aus den Augen und schließlich der Tod. Bald trifft dieses Schicksal auch Stevens Tochter. Es handelt sich dabei nicht um eine Krankheit, sondern um die Strafe des jungen Martin.

Der Junge hat seinen Vater bei einer Herzoperation verloren, als Steven, der Chirurg, betrunken das Skalpell geführt hat. Zuerst versucht Martin, seine verwitwete Mutter mit Steve zu verkuppeln. Steven blockt ab. Das bedeutet Rache! Mit übernatürlichen telekinetischen Kräfte bedroht Martin nun zunehmend Stevens Familie …

Die Welt in den Filmen von Giorgos Lanthimos ähnelt optisch unserer Wirklichkeit, aber funktioniert nach ausschließlichen Prinzipien. In „The Lobster“ herrscht die Diktatur der Partnervermittlung, hier läuft das Geschehen nach dem antiken Quid-Pro-Quo-Prinzip ab. Auf den ersten Blick wirkt alles befremdlich und gestört. Barockmusik von Johann Sebastian Bach und Avantgarde-Geräusche von György Ligeti wechseln sich ab, die Schauspieler sagen mechanisch ihren Text auf, die Figuren agieren komplett irrational. So auch Steven, der seinen Sohn einfach fallen lässt und ihm Donuts in den Mund stopft.

Dramen über Schuld und Sühne gibt es unzählige, meistens muss der Täter Einsicht zeigen, um Vergebung zu erlangen. In „The Killing of a Sacred Deer“ denkt niemand in dieser christlichen Erlösungslogik. Steven kämpft stur gegen das Schuldeingeständnis und gegen Martins Gerechtigkeitsprinzip an. Befreiung von Schuld findet man in dieser Welt nämlich nur, wenn man das Spiel mitspielt, wenn man der Nicht-Logik folgt.

Es ist eigentlich eine Schande, dass Giorgos Lanthimos und Efthymis Filippou dieses Jahr in Cannes nur für das beste Drehbuch ausgezeichnet wurden, denn der Film ist vielmehr ein Gesamtkunstwerk. Als reiner Text würde das Ganze viel weniger verstören. Man muss dafür schon ins Kino gehen, um den Film zu hassen oder zu lieben.