Spiel mit dem Zuschauer

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„Die Vierhändige“ von Oliver Kienle ist deutsches Genrekino, das visuell und inhaltlich einige Überraschungen bereithält.

 

Von Carolin Werthmann

Von Carolin Werthmann

Carolin Werthmann

Mit der Haarbürste als Mikro sang und tanzte ich mit acht vor dem Spiegel zu Disney’s Tarzan oder Pocahontas. Heute sehe und höre ich lieber anderen dabei zu, wie sie singen, tanzen oder Geschichten erzählen – und schreibe darüber. Ob diese Geschichten nun auf Bühnen, hinter Buchdeckeln oder auf der Leinwand warten: in allen Fällen machen sie etwas mit mir, berühren mich immer, belustigen mich oft, ärgern mich manchmal. Diese Gefühle möchte ich vermitteln, möchte zu einem Diskurs beitragen. Ein Diskurs initiiert von Kultur.

Es dauert keine drei Minuten, bis ein Mord geschieht. Ein Mord, dessen Brutalität sich darin entblößt, ihn zu hören statt zu sehen. Eben spielten die zwei jungen Schwestern noch Klavier. Vierhändig. Nun liegen sie unter dem Bett versteckt und werden Zeuge des grausamen Todes ihrer Eltern. Das schmatzende Geräusch von Messerhieben ins Fleisch und die Schreie der Mutter sind das, was der Zuschauer hört, aber nicht sieht.

20 Jahre später. Die Täter sind wieder auf freiem Fuß. Während die jüngere Schwester Sophie ausgeglichen, ruhig, besonnen wirkt und ihrem Traum folgt, Pianistin zu werden, ist Jessica fassungslos und besessen von dem Drang, ihre Schwester zu beschützen. Bei einem verzweifelten Versuch, Sophie von der Gefahr der freigelassenen Mörder zu überzeugen, kommt es zu einem Unfall. Jessica stirbt. Sophie ist es, die im Krankenhaus erwacht und vom Tod ihrer Schwester erfährt. Zehn Minuten, nachdem „Die Vierhändige“ mit dem Mord der Eltern eröffnete.

Der Regisseur Oliver Kienle beginnt mit Tempo und schafft es, dieses den ganzen Film über zu bewahren. Der schnelle, aber eben nicht überstürzte Erzählstil saugt den Zuschauer in die zerrüttete Welt einer zerbrechlichen Protagonistin, die den frühen Tod ihrer Eltern und nun auch den ihrer Schwester nicht vergessen kann und geplagt ist von quälenden Schuldgefühlen.

Kienle wagt sich mit „Die Vierhändige“ an den Stoff eines Psychothrillers und beweist, dass deutsches Genrekino entgegen einiger Vorurteile ziemlich gut sein kann. Ihm gelingt es, den Zuschauer konsequent mit Spannung an seine Geschichte zu fesseln, deren Motor vor allem die Frage ist, ob Jessica wirklich tot ist.

Nach der Hälfte des Films scheint es durchschaubar, was Kienle in den Figuren von Sophie und Jessica versucht zu vermitteln. Zeuge am Mord der eigenen Eltern geworden zu sein, noch dazu als Kind, hinterlässt tiefe Spuren in der Persönlichkeit – und wenn dann noch die Schwester stirbt, wundert es nicht, die innere Zerbrochenheit der Seele, das unüberwundene Kindheitstrauma der Figur nach außen verlagert zu sehen. Doch Kienle überrascht mit einem Ende, das die vorläufigen Schlüsse zwar einerseits bestätigt, andererseits zugleich widerlegt und vor Augen führt, wie man 90 Minuten einer falschen Fährte folgte.

Damit offenbart „Die Vierhändige“ jedoch einen Stoff, der sich durch Seherfahrungen mit Filmen wie „Fight Club“, „The Sixth Sense“ oder „A Beautiful Mind“ bereits als Narrativ etabliert hat und kaum mehr Neues verspricht. Dies ist einer der wenigen Punkte, die man Kienle vorwerfen könnte. Nichtsdestotrotz zahlt sich die intensive Arbeit mit der Psychologie seiner Figuren aus. Vier Jahre lang dauerte die Arbeit am Drehbuch, mit im Boot saßen Arte und SWR. Eine fruchtbare Zusammenarbeit, die fernab des deutschen Dramen- und Komödienkinos mit den immer gleichen Schauspielern frische Perspektiven und vor allem frische Gesichter mit sich bringt: Friederike Becht als Jessica und Frida-Lovisa Hamann als Sophie verkörpern die Ambivalenz ihrer toughen und zugleich fragilen Rollen mit der nötigen Sensibilität. Hamann kommt eigentlich vom Theater und spielte für „Die Vierhändige“ ihre erste Kinofilmrolle überhaupt. Als Sophie ist sie brav, ruhig, lieb, ein extremer Kontrast zu ihrer Schwester Jessica, der Friederike Becht eine dunkle Aura und Aggressivität einverleibt, die mit starrem, irrem Blick wie im Wahn nach Vergeltung strebt.

Die Spannung und düstere Atmosphäre überträgt Kienle auf die visuelle Ebene, indem er den Bildern einen bewusst dunklen Filter überlegt und in Kontrast setzt zu den wenigen Lichtblicken im Leben der Schwestern. Die Kamera ist den Protagonistinnen stets nah, folgt ihnen dicht, verfolgt sie gar, gibt vor, ihnen auf der Spur zu sein und ist doch verräterisch in dem, was sie zeigt. Es ist ein Spiel, das sich uns öffnet. Wir müssen nur mitspielen.