Kritik mit Klick

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Robert Hofmann hat 500.000 Abonnenten auf seinem Youtube-Kanal. Er veröffentlicht täglich mehrere Kritiken, Rankings, Gespräche - alle in Videoform und zum Thema Film. Für das Interview mit den Kulturkritik-Studenten war er über Skype zugeschaltet. Ein Gespräch über Mediendinosaurier, „Refugees Welcome“- T-Shirts und eine Zielgruppe, die sich aus all denen zusammensetzt, die Internetzugang haben.

Von Ella Tiemann

Von Ella Tiemann

Ella Tiemann

Geboren in München, laufen gelernt in langen Kunstakademie-Gängen, gespielt im väterlichen Theaterzelt. Dann Kleinstadtjugend an Seeufer und Bergfuß. Abitur, so irgendwie. Studium der Germanistik, Kunstgeschichte und Kulturwissenschaften in Innsbruck und München. Faszination entdeckt, am Mikrofon zu sprechen (Radio M94.5), über die Münchner Kulturlandschaft zu bloggen (mucbook) und für ein internationales Ausstellungshaus zu kommunizieren (Haus der Kunst). Ständige Wegbegleiter: ein popfeministisches Magazin und ein Islandpferd.

Wie legst Du Deine Auswahl der Filme fest?

Im Vorhinein sieht man schon, welche Filme eine gewisse Relevanz oder ein spezielles Thema haben, das man aufgreifen möchte. So lassen sich eigentlich recht leicht viele Wochen davor vier bis zehn Kinostarts herausfiltern, bei denen man auch weiß, die knacken die 10.000er-Besuchergrenze und haben damit eine gewisse Relevanz. Ich habe nur ein bestimmtes Kontingent an Upload-Plätzen innerhalb einer Woche und kann nicht jeden einzelnen Film vorstellen. Es wäre auch nicht möglich, jeden Film im Kino anzuschauen. Das kombiniert sich damit, dass jedes Filmstudio PR-Agenturen engagiert, Pressemitteilungen herausgibt und zu Pressevorführungen einlädt. München, Köln, Berlin, Hamburg. Das sind die typischen Spots, wo diese Vorführungen stattfinden. Und so hat man immer im Hinterkopf: Okay, zu dem Film wird dieser Aufwand betrieben. Der muss eine gewisse Relevanz haben. Und das paart sich mit den Starts auf Netflix, Amazon Prime und Co. von Serien und Filmen aus Eigenproduktion, auf die schon viele Zuschauer warten. Das ist wie wenn man im Supermarkt ohne zu nachzudenken Eier und Butter einkauft. Irgendwann weißt du: Das sind die relevanten Starts. Vor allem wenn Trailer schon Monate vorher besprochen wurden und sich die Leute auf den Film freuen. Aber es gibt keinen persönlichen Geschmack. Die Aufgabe nach meinem Verständnis ist, soviel wie möglich abzudecken, worauf sich Leute freuen oder Lust haben, und dass man auch kleineren Filmen Platz einräumt, die Engagement zeigen, was ans Herz geht. Bei „Schneewittchen“ war das der Fall.

Hast Du denn die Erfahrung gemacht, umso mehr Abonnenten Du hast, desto mehr Presseagenturen rennen Dir die Bude ein?

Ja, es kommt vor, dass mich Leute bei Pressevorführungen fragen: Hast du nicht Lust auf dies und das oder können wir Dir sagen, wo noch Preview-Termine sind? Aber mittlerweile geht das ab einer bestimmten Reichweite. Zum Beispiel bei „Es“ hatte ich 450.000 Klicks – und schon 250.000 vor Kinostart. Das ist für jedes Studio extrem relevant, dass sich Leute vor dem Kinostart das Video anschauen. Wenn von den 250.000 nur 30.000 ins Kino gehen, dann verdienen die Studios nach dem Share 150.000 Euro. Das ist für die so viel wert, dass für mich manchmal ein eigenes Kino gebucht wird, wenn ich es zeitlich nicht schaffe, die Pressevorführung wahrzunehmen. Dann sitze ich allein im Kino. Das klingt völlig absurd, aber es rechnet sich für die Studios. Deswegen kann ich die Frage nur bejahen, dass mit der Reichweite auch die Aufmerksamkeit derjenigen steigt, die die Filme platzieren und vermarkten. Sollte man sich aber nicht zu Kopf wachsen lassen.

Ist das auf Dauer eher nervig oder schmeichelhaft? Und hast Du eine Strategie gefunden, damit umzugehen?

Klar, das versteh ich. Ich geh jede Woche bestimmt in fünf bis sieben Pressevorführungen. Aber ich habe irgendwann entschieden, dass ich nicht alle diese Filme besprechen kann, und das wissen die Studios auch. Bei kleineren Filmen ist es so, dass die Verleiher mir Streams schicken. Dann sehe ich mir die Filme zuhause an und begegne auch niemanden, der mich danach fragt: Und? Wie findest du den Film? Aber eigentlich ist das gar nicht nervig. Das ist ja der Job der Agenturen, und man kommt immerhin kostenlos ins Kino.

Vor sieben Jahren hast Du mit Deinem YouTube-Channel angefangen, zuerst als Hobby neben der Schauspielerei, dann als richtiger Job. Wie hast Du diese Übergangsphase erlebt, in der Du Dich entscheiden musstest?

So richtig entscheiden musste ich mich nicht, weil ich im Zuge des YouTube-Kanals festgestellt habe, dass ich gar nicht so gerne Filme machen will, sondern dass ich Filme in ihrer Gesamtheit liebe. Was eine super Erkenntnis für mich war, weil ich mich nicht verbiegen und sagen musste: Oh, ich häng die Schauspielerei an den Nagel und hab nie geschafft, meinen Lebenstraum zu erfüllen. Jetzt mach ich „wenigsten“ das. Sondern ich fand es einfach toll, auf der ganzen Welt mit Produktionen zu tun zu haben. Was sogar dazu führte, dass ich Besucher wie Dwayne Johnson, Keanu Reeves oder Matt Damon hatte. Aber die kritische Zeit hat auch eine Weile gedauert. Ich habe ungefähr zwei Jahre gebraucht, bis ich 10.000 Follower hatte. Das ist in der heutigen Zeit unvorstellbar, in der sich viele von anderen pushen lassen. Deswegen war das damals eine Zeit, in der ich das allein mit Liebe und Leidenschaft getan habe. Da ging es noch gar nicht so sehr darum, Geld zu verdienen. 2012 kam der Moment, als man sich für ein Partnerprogramm mit YouTube bewerben und auch abgelehnt werden konnte. Ich wurde zweimal abgelehnt, bevor ich tatsächlich Partner wurde. Das war dann eine unfassbare Freude, auch wenn das erstmal 10 Euro waren, mit denen man sich zum Beispiel ein Frühstück im Café kaufen kann. Das war noch super naiv und super toll. Aber woher kann man alle Rechnungen davon bezahlen? Im Grund ging es nicht um den Entscheidungsprozess, sondern um die Freude, es nicht fassen zu können, weil es ein Pionierweg war, sein Leben damit bestreiten zu können. Für mich war es nie die Frage, ob ich das hauptberuflich machen kann, sondern die Hoffnung darauf. Aber mit ganz viel Beharrlichkeit hat das dann tatsächlich funktioniert. Und der kritische Punkt, als es dann schnell, sogar sehr schnell aufwärtsging, war nach drei Jahren. 2014 war dann klar, wenn das so weitergeht, wird das ein tolles Leben. Inzwischen habe ich Angestellte. Ich kann mir Häuser bauen.

Hast Du selbst erwartet, dass Deine Abonnenten- und Zuschauerzahlen dann doch so in die Höhe schießen?

Ja. Aber man muss auch sagen, heute habe ich 500.000 Abonnenten. Das sind nicht wenige, aber auch nicht viele im Verhältnis zu dem, was es sonst so gibt. Aber in der vermeintlichen Nische Film ist das schon relativ beachtlich. Manchmal geh ich Kalkulationen durch, wie es jetzt weitergeht, wenn es sich so und so entwickelt. Nach einigen Jahren merkt man, es gibt immer Hoch- und Tiefphasen. Hinzu kommt noch die Tatsache: Wie funktioniert YouTube und das Unternehmertum und welche Existenzängste bringt das mit sich? Man ist ja doch sehr auf selbst gestellt ist. Nein, ich habe nie erwartet, dass das so gut wachsen wird und dass funktioniert in dem Maße, aber ich habe das immer gehofft. Das Witzige ist, ich konnte es bei anderen voraussagen, weil es eine statistische Erhebung gibt: Wie ist das Jahr gelaufen, wie waren die durchschnittlichen Wachstumsraten im Vergleich zum Vorjahr? Aber wenn man das auf sich selbst bezieht, kann man sich das nicht vorstellen. Das ist ganz merkwürdig. Mir geht es zumindest so.

Wie viel Wert legst Du denn auf das Feedback deiner Abonnenten?

Es sind zwei Sachen. Zum einen mache ich meinungsbasierten Content. Das heißt, ich präsentiere zu einer Sache mein Ergebnis. Man kann mich also nicht manipulieren, über was ich denke. Ich kann den Menschen nicht nach dem Mund reden. Aber generelles Feedback, zu bestimmten Themenbereichen oder gewünschten Filmen, ist mir wichtig. Darauf reagiert man oder provoziert auch. Ich habe lange Zeit auf meinem YouTube-Kanal nur ein schwarzes T-Shirt getragen, und als die ganze Flüchtlingsdebatte aufkam, hatte ich ein „Refugees Welcome“-Shirt, was zu vehementen Reaktionen führte. Das kann man als stumme, klare Ansage nehmen, um Leute auch zu provozieren: Oh, ich liebte diesen YouTube-Kanal und hab immer so gerne die Filmkritiken geguckt. Dann habe ich sie bei einer ganz wichtigen Sache mit einer anderen Meinung konfrontiert. Also ja, das ist ein wichtiges Thema, um seinen eigenen Inhalt zu gestalten, um Leute vielleicht zum Nachdenken zu bringen, um konträre Meinungen zu zeigen oder um Diskussionen anzuregen. Ich hatte kürzlich ein Video hochgeladen, darin geht es unter anderem um Piraterie. Das spricht natürlich viele Leute an, die gerade im YouTube-Zeitalter illegal Filme schauen und da sind hunderte Diskussionen entstanden, ob das die Filmindustrie fördert, weil damit ein gewisses Grundinteresse für Filme und Serien erst weckt wird, oder eben nicht. Also ja, das Feedback ist super wichtig. Es ist aber sehr schwer, dem Ganzen zu folgen. Bei zwei Uploads am Tag kommen 10.000 Kommentare zusammen. Da kann man nicht alle lesen. Außerdem werden auch Videos von vor drei Jahren kommentiert.

Haben Leute das Abo gekündigt wegen dem „Refugees Welcome“-T-Shirt oder gab es da auch heftige Beschimpfungen?

Ja, gerade wenn ein Anschlag stattgefunden hat, kamen Sätze wie: Auch du hast Blut an deinen Händen kleben! Dafür ist ja die Community da. Das reguliert sich untereinander, indem sich andere Leute austauschen. Was natürlich fehlt in der Anonymität, ist ein gewisser Grundrespekt. Aber die Aktion war gezielt und auch gewollt.

Wir haben den Eindruck, dass sich Dein Setting, Dein Outfit und Deine Art des Präsentierens in den letzten drei Jahren verändert, fast schon professionalisiert hat. War das ein Resultat des Feedbacks oder hast Du Dich aus eigenen Antrieb optimiert?

Man sagt ja nicht umsonst: Übung macht den Meister. Wenn man so viele Kritiken produziert hat, dann ist man irgendwann einfach drin. Aber man muss auf der anderen Seite auch immer seine Schwächen erkennen. Als ich anfing, Leute einzustellen, zum Beispiel meine Cutterin, dann sagt sie mir: Heute hast du dieses Wort oder jenen Term sehr oft verwendet oder du weichst bei Schauspielern auf diese oder jene Aussage aus. Früher habe ich alles Inhaltliche in einem tollen One-Take aufgenommen und mir keine Stichpunkte gemacht. Dann fing ich tatsächlich an, mir Denkpunkte aufzuschreiben; und jetzt habe ich immer ein langes Formular mit Kriterien wie Schauspiel, Kostüm, Make-up, was find ich gut oder was schlecht an dem Film, wem kann ich den Film weiterempfehlen. Die Tabelle fülle ich im Grunde einmal aus plus Inhaltsangabe. So kann ich mich während dem Video mit einem kleinen Blick unter die Kamera entlanghangeln. Das ist die inhaltliche Professionalisierung. Was den Hintergrund angeht, dachte man früher, man kann mit Greenscreen den Film als Hintergrund einfügen. YouTube 2012 hat einem sowieso verziehen, wenn alles verpixelt war. Aber nach einem Umzug mit anderen Lichtverhältnisse wurde das komplizierter. Warum also nicht Sachen nehmen aus meiner Vergangenheit, die mir emotional etwas bedeuten, zum Beispiel Filmplakate, Geschenke oder Bastelsachen. Das mag ein bisschen wie ein Kinder- oder Nerdzimmer aussehen. Jemand, der eine Kritik zum Cannes-Gewinner „The Square“ sehen will, mag vom Hintergrund vielleicht abgeschreckt sein. Man wird es sowieso nicht allen Recht machen können. Eine Professionalisierung hat aber definitiv stattgefunden.

Wie viel Zeit verwendest Du dafür, eines Deiner Videos fertig zu machen?

Ich bin sehr organisiert und muss alle Termine durchplanen. Heute zum Beispiel hatte ich um 10.30 Uhr einen Call mit Vodafone wegen einer Kooperation und um 11.00 Uhr unser Sykpetelefonat. Morgens brauche ich eine halbe Stunde zum Duschen und dann müssen eine Stunde die Haare trocknen. In dieser einen Stunde schreibe ich von zwei Filmen die Kritiken runter und schaue mir noch die Trailer an und suche nach Hintergrundinformationen. Dann drehe ich diese zwei Videos innerhalb einer halben Stunde. Also rechne ich zurück: Halbe Stunde Duschen, eine Stunde Haare trocknen und Kritiken schreiben, halbe Stunde drehen, um 10.30 Uhr ist der erste Call. Dann muss ich um 8.30 Uhr aufstehen. Tatsächlich brauche ich nur eine Stunde Vorbereitung, und dann habe ich immer zwischen zwei und vier Videos, die ich vorproduziere.

Würdest Du Dir für Deine Filmkritiken manchmal wünschen, dass du mehr von den Verleihen bekommen würdest als die Trailer oder die elektronischen Pressemappen, damit du großzügiger mit Bildern arbeiten könntest, oder bist Du mit dem zufrieden, was Du hast?

Eigentlich bin ich insofern zufrieden, weil man, wenn man ehrlich ist, davon ausgehen muss, dass die meisten Nutzer die Kritiken als Secondscreenerlebnis schauen. Man macht sich morgens fertig, trinkt Kaffee und lässt das nebenbei laufen. Oder im Auto auf dem Handy oder so. Ich glaube nicht, dass da jemand wirklich lange auf den Bildschirm guckt und zuschaut, wie ich da rede. Man weiß ja genau, was passiert. Der Typ mit den Locken sitzt da und redet. Bei den Filmnews ist das ein bisschen anderes. Da ist es glaube ich ganz cool, das die ganze Zeit illustriert zu haben, weil die Leute da auch wirklich verschiedenste Themen, Inhalte und Input erwarten, aber wenn man sich die Kritiken anschaut und vorher schon die Trailer kennt oder vorneweg schon einen Teil des Trailers gesehen hat in der Inhaltsangabe, dann finde ich das nicht schlimm, nur noch zusätzlich die Schauspieler einzublenden. Das reicht.

Wenn Du Dir Deine Kollegen anschaust, wo würdest Du Dich dort einordnen?

Ich muss ehrlich sagen, dass ich am Ende des Tages auch wirklich Feierabend mache. Dann gehe ich raus oder spiele Computer oder so etwas und schaue nie andere Kritiken. Weil ich zum einen ein bisschen Angst habe, dass das meine eigene Meinung verfälscht und ich zweitens meinen Stil mag und mich fast auch ein bisschen als Dienstleister sehe. Ich krieg aber schon immer Diskussionen und Gerüchte mit. Zum Beispiel hat wohl einer der Kollegen nach der Review von „Big Friendly Giant“ gesagt: „Wir müssen wohl alle nicht darüber diskutieren, dass Steven Spielberg kein guter Regisseur ist.“ Wenn jemand bei einer Kritik einen solchen Satz als Prämisse vorne ran stellt und sich auch keiner Diskussion stellt, dann bin ich einfach raus. Ich bin raus, wenn jemand behauptet, dass der Mann, der „Jurassic Park“, „Der weiße Hai“, „E.T.“ und dann „Schindlers Liste“ gemacht hat, kein guter Regisseur ist. Kann man zwar so sehen, sollte man aber nicht so einfach raushauen. Online lese ich manchmal Kritiken. Ich weiß noch, bei „The Hateful 8“ wurde auf „Spiegel Online“ das Ende komplett gespoilert. Wenn ich so was dann lese, bin ich einfach sauer. Das ist nicht fair. Das ist nicht fair gegenüber den Studios, die Geld und oftmals Risiko investieren, um Filme an den Start zu bringen. Das ist nicht fair gegenüber Regisseuren, die oft über Jahre daran arbeiten. Das ist nicht fair gegenüber Hunderten von Filmemachern, die sich was dabei denken und das ist nicht fair gegenüber dem Publikum, das sich darauf freut, einen Film anzuschauen. Es ist oft so, dass bei den Pressevorführungen viele eine Haltung einnehmen, in der sie denken, sie seien Richter und Henker über einer Sache. Sie sehen sich nicht als Dienstleister zwischen den vielen Filmen, die starten, und einem Publikum, das rausfinden will, welchen Film es sehen will. Diese Kritiker denken eher, sie sind die Künstler, die Kunst beurteilen können, und das finde ich ganz, ganz anstrengend und schwierig. Ich finde es wichtig, sich nicht zu wichtig zu nehmen. Wichtig ist, dass ein gewisser Respekt bleibt.

Was ist für Dich ein guter Film?

Eine gute Frage. Ein Beispiel ist der Film, den ich gestern geschaut habe: „Liebe zu Besuch“. Das ist ein Film mit Reese Witherspoon, eine romantische Komödie. Und danach habe ich „The Big Sick“ geschaut. Das ist die wahre Geschichte eines Comedians und seiner Frau. Die beiden haben auch die Drehbücher geschrieben. Das eine war eine romantische Komödie. Romantische Komödien können schön sein, ergreifend, ehrlich. Aber das war so ein schwaches Konfliktpotenzial. Ganz, ganz seichte, oberflächliche Konflikte, und damit wurde versucht, einen ganzen Film zu drehen. Der andere, „The Big Sick“, war eine wunderbare Liebesgeschichte, ebenfalls mit romantischen Elementen, der auch dramatisch war, aber auf eine ganz tolle Art und Weise erzählt hat, wie zwei Menschen, die zwar unterschiedlich sind, trotzdem zueinander passen können. Der war einfach echt und wirklich geschrieben. Ein guter Film soll mich mit auf eine Reise nehmen, bei der ich das Gefühl habe dabei zu sein, Teil der Handlung zu sein. Ich erwarte von jedem Film etwas und ich möchte genau mit diesem Gefühl rauskommen. So geht es mir auch bei „Mord im Orient Express“. Der ist jetzt nicht großartig, im Vergleich zu der 1974er-Version, aber man kommt raus und ist in einer fantastischen Welt. Wann immer sich ein Film wie ein Abenteuer anfühlt oder wie eine Reise, dann ist das wahrscheinlich ein guter Film oder ein Film, der seine Daseinsberechtigung hat.

Du hast in den letzten sieben Jahren bestimmt viel gesehen, vieles wiederholt sich, ähnliche Spannungsbögen. Hattest Du irgendwann mal die Nase voll oder merkst Du, dass Du abstumpfst, der Enthusiasmus eine Fassade ist und dahinter sitzt nur noch ein toter Mann?

Ja, es gab zwischenzeitlich Phasen, in denen ich dachte „Okay, jetzt ist der Drops gelutscht“. Aber die dauerten nur ganz kurz. Das Gute an der Filmsaison: Im Sommer ist das Sommerloch und es laufen kaum Filme, aber im Herbst nimmt das ganze Fahrt auf und es kommen sehr anspruchsvolle Filme und Richtung Frühjahr etwas Gewagtere. Man bekommt also im Jahr einiges geboten. Mir wird das ehrlich gesagt nie zu langweilig. Ich verstehe vollkommen, was du meinst, und ich bin ja auch erst sieben Jahre dabei. Ob ich in 20, 30 Jahren noch so denke … ? Bei der Berlinale zum Beispiel, wenn da Leute 30 Filme am Stück gucken, denke ich mir schon manchmal „Wow, wie kann man sich nach so vielen Filmen noch erinnern, was man da überhaupt gesehen hat?“ Wenn ich mir Kritiken ansehe von Filmen, die im Rahmen eines Filmfestivals kritisiert worden sind, merke ich oft, dass viele Filme schlechter bewertet werden, als ich sie empfinde. In der Masse an Filmen verliert man einfach total den Fokus. Ich gucke inzwischen nicht mehr als zwei Filme am Tag. Ich hab eine Zeit lang drei oder vier am Tag geschaut. Das kann ziemlich anstrengend sein. Ich drehe dann auch meine Kritiken schnell, um die Filme schnell aus dem Kopf zu haben und das abzuschließen.

Kennst Du eine weibliche Kollegin auf YouTube?

Tatsächlich nicht. Es gab mal eine, die hat Kritiken gemacht und sich teilweise mit Bikini in der Badewanne gefilmt. Kein Scheiß. Damit hat sie versucht, für Kritiken Aufmerksamkeit zu erregen. Ich dachte mir da wirklich: Ernsthaft? Aber auf YouTube kenne ich tatsächlich keine weibliche Kollegin. Natürlich sehe ich auf den Pressevorführungen ganz viele Frauen, ich würde fast sagen 50 Prozent der Anwesenden sind Frauen. Aber im Webvideo-Bereich und den neuen Medien habe ich bisher noch keine Frau Kritiken machen sehen.

Kannst Du Dir erklären, warum?

Tatsächlich nicht. Wenn ich versuchen müsste, irgendeinen dummen Ansatz zu finden, würde ich sagen – und das klingt jetzt ein bisschen klischeebehaftet –,dass Männer vielleicht ein bisschen mehr Interesse an technischen Themen haben und Frauen mehr Interesse an Lifestyle-Themen. Und das lässt sich vielleicht auf den Webvideo-Bereich übertragen, und gerade was Filme angeht, haben Frauen eher weniger Interesse, würde ich behaupten, an diesen actiongeladenen Blockbuster, sondern bevorzugen andere Filmgenres. Um die aber gleichwertig zu betrachten und das täglich zu machen, würde das nicht ausreichen. Dazu kommt das technische Know-how, der Videoschnitt, da kommt eine ganze Menge zusammen. Vielleicht sind die Interessen da einfach anders gelagert. Auf Instagram sind ja zum Beispiel viel mehr Frauen aktiv. Aber ja, ich weiß, das ist jetzt eine sehr klischeebeladene Antwort. Ich weiß es einfach nicht. Es braucht ja auch vieles einfach Zeit, sich zu entwickeln, auch im Internet. Aber mein eigener Vater hat mir auch nachgeeifert und einen eigenen YouTube-Kanal, einen recht großen sogar, aufgebaut. Und meine Mutter weiß bis heute nicht, was das ist.

Was ist für Dich denn eine gute Filmkritik?

Ich glaube, ob eine Filmkritik gut ist oder nicht, muss man aus der Perspektive desjenigen betrachten, der sie konsumiert. Ich finde, eine gute Filmkritik sollte sagen, ob der Film für ihn oder sie das Richtige ist, ob es sich lohnt, die Zeit und das Geld zu investieren, ins Kino zu gehen oder doch lieber die Blue-Ray oder DVD zu kaufen. Das heißt, meine Aufgabe ist es, zuzuordnen, welche Zielgruppe der Film anspricht, wie ich mich fühle, wenn ich ihn ansehe, und das ins Verhältnis zu setzen.

Wer ist deine Zielgruppe, wen möchtest Du ansprechen?

Nach Google-Analytics kann man ja sogar ganz genau sehen, wie sich die Zielgruppe zusammensetzt, ob die männlich, weiblich ist und wie alt. Witzigerweise hab ich mehr Zuschauer über 45 als unter 18, das ist schon mal eine sehr ungewöhnliche Erkenntnis für YouTube. Das erwarten die meisten Leute auch nicht. Aber eigentlich gibt es keine spezielle Zielgruppe für mich. Alle, die Internetzugang haben, natürlich. Ich mach das in keinem bestimmten Stil, der für eine gezielte Gruppe gedacht wäre. Was wiederum die Erwartungen angeht: Ich hab ja keinen Arbeitgeber, das ist das Schöne bei mir. Niemand erwartet von mir, in einer bestimmten Art und Weise Filmkritiken zu machen. Ich gehe da relativ unbedarft heran. Aber wahrscheinlich auch nur, weil’s im Moment einfach ganz gut läuft und es keinen Grund gäbe, irgendwas zu ändern.

Hast Du Dir schon mal Gedanken gemacht, was für eine Zukunft Dein Gewerbe hat?

Was ich jetzt gerade mache, sind auch außerhalb der Filmwelt Dinge, die einem erst mal gar nicht in den Kopf kommen könnten. Als nächstes mache ich zum Beispiel ein Kinoporträt über dieses Cinecitta’ in Nürnberg mit der Frage: „Das beste Kino Deutschlands?“, und ich würde gerne nach und nach durch Deutschland gehen und mir die größten, kleinsten, tollsten, besondersten Kinos ansehen und diese porträtieren. Ich werde im Dezember für Emirates zum Dubai-Filmfestival fliegen, mit der Frage „Wie kommen Filme eigentlich ins Flugzeug?“. Das finde ich spannend. Ich werde mich nächstes Jahr auch mit filmbezogenen Musicals beschäftigen. Das sind also alles auch Themen, bei denen ich merke, dass die Zuschauer das auch spannend finden. Ich möchte mein Kerngeschäft mit den Filmkritiken gern regelmäßig ergänzen mit tiefergehenden Einblicken, die sonst keine Plattform finden. Ich merke nämlich auch, dass sowohl Studios als auch die einzelnen Akteure – seien es Synchronsprecher, Setbauer – sich total darüber freuen, sich mitzuteilen.

Die großen alten Dinosaurier, für die wir ja hier auch ausgebildet werden, sind immer noch überfordert mit den Online-Medien – Youtube und so weiter. Klopfen die da bei Dir an? Hat – als Beispiel - schon einmal die ARD bei dir angefragt?

Es gab schon Dokumentationen oder ZDF Info kommt, um einzelne Beiträge oder Interviews anzufragen. Aber die ganz klassischen Formate haben ihre Leute, die Filmkritiken bestücken, und ich glaube, die sehen da kein Verjüngungspotenzial. Das Sat1 Frühstücksfernsehen zum Beispiel hat ja verjüngt, aber auf mich persönlich kommt tatsächlich kaum einer zu. Das sind dann eher alte Partner, aber nicht aus dem medialen Bereich. Warum das so ist, weiß ich nicht. Ich habe sogar meine eigene Serienidee, ein wöchentliches Kinofilm-Format, gepitcht und das ist auch erst auf großes Interesse bei der ProSieben/Sat1 Medeingruppe gestoßen, aber vielleicht war‘s dann zu teuer. Ich glaube einfach, für viele hat sich gezeigt, dass Langspielformate oft keine Quote bringen.

Es gibt Kritiker, die wie Scharfrichter auftreten. Wie ist Deine Grundhaltung einem Film gegenüber?

Für mich ist es immer eine Prämisse, weil ich eben vom Film komme, da eine Zeit lang gearbeitet und davon gelebt habe. Was man immer merkt, egal ob ein Film gut oder nicht gut geworden ist – die Beleuchter, die da arbeiten, die geben sich immer Mühe, die Setdirektoren überlegen sich lange vorher, wie sie etwas aussehen lassen. Es steckt so viel Blut und Schweiß in Filmen, auch in denen, die nicht funktionieren. Ich möchte all diese Arbeit nicht herunterwürdigen, weil das Drehbuch oder die Idee nicht funktioniert, wir müssen einen gewissen Grundresepekt vor der Arbeit anderer behalten. Bei mir hat das mit der Liebe für Filme zu tun. Bei manchen schlägt Leidenschaft auch mehr in Liebe und Hass, in die Extreme um. Das wäre nicht mein Stil.

Gibt es dann einen gewissen Punkt, an dem man das fertige Werk losgelöst vom Schaffensprozess sehen kann?

Man kann ja fachlich leidenschaftlich herangehen und sagen, dies und das hat mich gestört. Dinge klein zu reden und dann nicht genau zu sagen, was einen stört, ist nicht problematisch wenn man der einfache Kinogänger ist – „Planet der Affen 3“ fand ich langweilig, Punkt. Dann fand das halt derjenige, weil er nur im Kino war. Aber wenn ich ein Fachpublikum vor mir habe, erwarte ich, dass die beschreiben können, was sie gut fanden und was nicht. Wo ist die Kompetenz und Relevanz des Vermittelnden zwischen Film und Publikum, wenn es nur noch Aussagen gibt wie „Daumen hoch“ oder „Daumen runter“? Ich beobachte, die Leute spulen oft in meinen Videos vor auf die Punktewertung, die erst am Ende kommt. Nur wird ja erst in der eigentlichen Kritik klar, wie du auf diese Bewertung kommst. Deshalb ja, ich finde, man kann mit Filmen leidenschaftlich hart ins Gericht gehen, trotzdem muss man den Respekt nicht verlieren und sich nicht hinter einzelnen Hassworten verstecken.

Wie wichtig ist für Dein Format dieses Rating am Ende deiner Videos? Könntest du darauf verzichten oder würden Dir dann Deine Abonnenten aufs Dach steigen?

Veränderungen stören erstmal generell viele, egal worum es dabei geht. Wir diskutieren das aktuell tatsächlich, ob man die rausnimmt. Ich selbst finde die als Orientierung eigentlich ganz nützlich, auch in der Aufteilung in die Kategorien Genre und Gesamt. Einen Animationsfilm mit „Der Pate“ zu vergleichen ist einfach super schwierig, und da werden die Kategorien dann sehr nützlich. Insofern finde ich das Rating schon essentiell und wichtig und ich glaube, die Leute erwarten das auch. Und alles, seien es Filmkritiken oder auch die Seite von Stiftung Warentest findet sich am Ende in einer Bewertung wieder. Das brauchen die Leute und das kann ich auch verstehen. Manchmal möchte man einfach nur eine Zahl sehen, damit ich vorher weiß: Soll ich da reingehen oder nicht.

Glaubst Du denn, dass die Leute Kritiken anschauen, um eine Empfehlung zu bekommen ins Kino zu gehen? Oder um danach die eigene Meinung mit Deiner abzugleichen?

Also gerade der Film „ES“ war so ein Beispiel. Wenn die Kritik schon vor Kinostart 250.000 Klicks hat, was wollten die Leute vor Kinostart damit? Das ist ja schon ein klares Indiz dafür, dass die Leute wissen wollen, ob sie für diesen Film ins Kino gehen sollen. Es gibt auch jährlich von der FFA Studien, die zeigen, welcher der größte Anhaltspunkt für Leute ist, ins Kino zu gehen. Das sind vor allem die Trailer, die auch im Kino laufen, aber gleich danach kommen die Kritiken. Bei YouTubern ist es so, dass die Empfehlung eines YouTubers wie die Empfehlung eines deiner besten Freunde gilt. Das wurde ersichtlich aus einer Studienerhebung. Die Zuschauer wollen dann wissen: Lohnt sich das Anschauen im Kino oder nicht, weil eben zusehends Netflix und Co. immer voller werden mit so sehenswerten Sachen, dass man eben auch Zuhause bleiben kann und dann kein Extra-Geld bezahlt. Ja, die wollen definitiv wissen, ob es sich lohnt, einen Film anzuschauen. 

Du hast ja vorhin von Deiner Cutterin erzählt, was sind denn das noch für Positionen, die Deine Angestellten einnehmen?

Ganz wichtig ist meine Assistentin, die eben den technischen Support wie zum Beispiel den Schnitt macht. Nach dem Dreh geht dann das Video direkt in den Schnitt. Außerdem schreibt sie mir auch zwischendurch, wenn ich unterwegs bin, in welche Richtung die Kommentare gehen, was funktioniert. Sie denkt an den vielen kleinen Stellen mit, postet zum Beispiel mal etwas auf Facebook und erledigt über den Tag Dinge, wenn ich unterwegs bin. Dann gibt es punktuell feste Mitarbeiter für die verschiedenen Eigenproduktionen. Das ist eine feste Kameracrew, die ich für solche Produktionen beschäftige. Manchmal ist auch ein Studio, eine feste PR-Agentur oder Security dabei. Punktuell können es also schon mal riesige Projekte mit bis zu 150 Mitarbeitern werden und der Kern betreibt den Kanal.

Lieber Robert, wir danken Dir für dieses Gespräch. Es hat sehr viel Spaß gemacht und man sieht sich vielleicht auf der nächsten Pressevorführung.

Ich sage vielen Dank, dass ich dabei sein durfte