Ein Rechteck kann ein Spiegel sein

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Mit seiner Kunstwelt- und Gesellschaftssatire „The Square“ gewann Ruben Östlund die diesjährige Goldene Palme in Cannes. Zu Recht. Denn Östlund schafft ein Unwohlsein und Wiedererkennen, dem sich der Zuschauer nicht entziehen kann.

Von Tatjana Michel

Von Tatjana Michel

Tatjana Michel

Tatjana Michel studierte Psychologie in Salzburg, Hong Kong und München und legte während dieser Zeit ihren Schwerpunkt vor allem auf das wissenschaftliche Arbeiten und Schreiben. Danach wandte sie sich der Kulturkritik zu. Besonders die Bereiche Film und Tanz bespricht sie seitdem in Online-, Print-, Radio- und Videoformaten. Darüber hinaus arbeitet sie bei der Süddeutschen Zeitung.

Christian ist einer dieser Menschen, die sich ein bisschen zu gut finden. Man sieht seinem Gang, seiner Haltung, seinen Anzügen, dem umgeworfenen Schal und dem roten Brillengestell an, dass er weiß, dass und wie er bei anderen ankommt. In der schwedischen Kunstwelt, in der er sich als Museumsdirektor bewegt, hat jeder Attitüde, Ego und Aussehen, der etwas auf sich hält. Der kinderliebende Vater, der umweltbewusste Teslafahrer, der Werte und Nächstenliebe propagierende Kunstversteher. Damit kommt man bei Besuchern und beim Umfeld gleichermaßen an. Doch Ruben Östlunds „The Square“ wäre nicht so differenziert und subtil, wie er ist, wenn es der Regisseur dabei belassen würde.

Das große Kunststück, was wohl auch einer der Gründe gewesen sein dürfte, dass der Film die diesjährige Goldene Palme in Cannes holte, ist, dass der Zuschauer in seinem Kinosessel sitzt und weiß, dass er dieser Figur ebenso auf den Leim gehen würde. Dass Christian ein Spiel mitspielt, was wir alle täglich in irgendeiner Form spielen und wir ebenso Rollen einnehmen, um uns zu verkaufen. Und dass Claes Bang Christian so spielt, dass es schwerfällt, sich seinem Charisma und Aussehen zu entziehen, obwohl sein Auftritt ein durchschaubarer ist.

Dieses ständige Gefühl von Wiedererkennen, im schlimmsten Fall von Ertapptsein, schafft Östlund über die gesamten zweieinhalb Stunden aufrecht zu erhalten. Wir folgen Christian während dieser Zeit bei der Vorbereitung zu der Ausstellung „The Square“ und auf der Suche nach seinem gestohlenen Handy. „The Square“ ist das neuerworbene Kunstwerk des Museums. Der Name bezieht sich auf ein in den Boden eingelassenes Rechteck, „in dem Altruismus, Fürsorge und Gleichheit herrschen sollen“. Um dieses Kunstwerk herum soll sich eine Ausstellung mit Fragen der Gerechtigkeit und des Vertrauens auseinandersetzen.

An sich Konzepte, die Christian natürlich hoch hält. Nach außen trägt. Gerne lebt. Natürlich auch mal eine Mahlzeit für eine Bettlerin kauft, wenn auch mit Zwiebeln auf dem Sandwich, anstatt sie wie gewünscht wegzulassen. Denn wie der Zuschauer scheitert Christian oft im Kleinen. Als Trickbetrüger sein Handy stehlen, verfolgt er sein Telefon per GPS in das Haus der Diebe. In dem Sozialbau macht er sich per Zettel in jedem Briefschlitz auf die Suche nach seinen Wertsachen. Zu seiner Freude wird ihm das Handy sogar zurückgebracht. Doch darum entwickeln sich kleine und große zwischenmenschliche Katastrophen.

Diese zwischenmenschlichen Aufeinandertreffen sind es, die den Zuschauer unangenehm berühren. Weil wir sie selbst spüren und die Konflikte in uns tragen. Das ist der Fall, wenn Christian mit der Journalistin Anne, die unangenehm anhänglich von Elisabeth Moss gespielt wird, nach Hause geht. Dort begleiten wir sie erst beim verschwitzten Sex in ungeschönten Nahaufnahmen, um danach zuzusehen, wie sich die beiden minutenlang um das benutzte Kondom streiten, weil der Gedanke doch im Raum steht, ob sie nicht mehr damit vorhat, als es nur zu entsorgen. Das Unwohlsein spüren wir auch, als Christian mit einem kleinen Jungen diskutiert, weil er nicht eingestehen kann, dass er einen Fehler gemacht hat und sich von ihm so provozieren lässt, dass er den Jungen vor den Augen seiner gleichaltrigen Kinder die Treppe runterstößt.

Die Stärke von „The Square“ liegt darin, die Themen Gerechtigkeit, Gleichheit, Nächstenliebe so vielschichtig darzustellen, wie sie sind. Die Stärke von Östlund und seinen Schauspielern liegt darin, mit so genauer Beobachtungsgabe ihre Figuren darzustellen, dass sie uns gleichzeitig unsympathisch wie auch menschlich erscheinen. Und wir feststellen müssen, dass wir uns auch manchmal ein bisschen zu gut finden.