Leiden am Leben

Macht Erfolg glücklich? Beim Zürich Film Festival gibt es darauf verstörende Antworten.


Von Maike Müller

Von Maike Müller

Maike Müller

Maike Müller hat schon früh eine Leidenschaft für absurde Satzstrukturen und verzwickte Metaebenen entwickelt. Nach dem Abitur studierte sie darum Germanistik in Mannheim und Kanada. Nach einigen Ausflügen hinter den Theatervorhang wandte sie sich dann dem Schreiben und dem Studiengang "Theater-, Film- und Fernsehkritik" zu. Seitdem haut sie für die Cult, die Süddeutsche Zeitung und deren Digitale Ausgabe immer wieder in die Tasten.



Erfolg – wo kommt er her, wo geht er hin? Und: Wie misst man Erfolg? Am Kontostand, am Glück, an Beziehungen? In der Reihe „Gala Premieren“ beim Zürich Film Festival gehen drei Filme diesen Fragen nach. In „Molly’s Game“ wird eine reiche Poker-Prinzessin festgenommen. „Brad’s Status“ zeigt einen Mann, der laut über die Misserfolge seines Lebens nachdenkt. Und „The Hero“ einen erfolglosen Schauspieler, der kurz vor seinem Tod wieder Lebensmut findet. So unterschiedlich diese Menschen sind, sie haben eines gemeinsam: Der berufliche Erfolg bestimmt ihr Leben. Zumindest solange, bis sie begreifen, dass es Wichtigeres gibt.

 

„Molly’s Game“: Daddy’s Princess

Ascot Elite EntertainmentGute alte Zeiten: Eine erfolgreiche Frau zeigt den Männern wo es lang geht.Ascot Elite Entertainment

Molly Bloom, die sogenannte Poker-Prinzessin Hollywoods, hat die exklusivsten Poker-Partys in New York und Los Angeles geschmissen. An Tobey Maguire, Leonardo DiCaprio und den reichsten Geschäftsmännern des Landes verdiente sie ein Vermögen mit den üppigen Trinkgeldern der Herren. In seinem Film „Molly’s Game“ porträtiert der Regisseur Aaron Sorkin diese Frau und macht, was Männer zu oft tun: Er sucht den Ursprung des Erfolgs einer Frau bei einem Mann.

Nach einem dramatischen Unfall bei einem Skirennen ist Molly Blooms athletische Karriere bereits in jungen Jahren beendet. Aber sie wurde dazu erzogen, nie aufzugeben: Sie zieht nach LA und beginnt für ihren neuen Boss und seine prominenten Freunde Pokerspiele auszurichten. Das heißt: Sie ist die Bank, die Kellnerin – und vor allem diejenige, die dafür sorgt, dass die Spieler wiederkommen. In Rückblenden mit treibender Musik und schnellen Erzählungen bereitet Molly Bloom ihre Geschichte für einen Anwalt auf. Den hat sie bitter nötig: Ihre Millionen wurden gepfändet, sie steht vor Gericht und sieht einer Haftstrafe wegen der Ausrichtung illegaler Glückspiele entgegen.

Ein Film, der viele Möglichkeiten hätte, die Machspiele am Pokertisch zu analysieren, gibt sich mit einer vereinfachten Lösung zufrieden: Macht macht Spaß und Molly ist süchtig danach, sie über einige der mächtigsten Männer zu haben. Zumindest scheint das der einzig wahre Mann in ihrem Leben zu wissen: ihr Vater, gespielt von Kevin Costner. In einer Szene, die den sonst so intensiven Film mächtig stört, erklärt er ihr in ein paar kurzen Sätzen, was in ihrem Leben schief läuft. Er ist Therapeut, er muss es ja wissen. Und natürlich sei ihre Gier nach Macht und ihr Streben nach Erfolg lediglich in einem Vaterkomplex begründet.

Das zerstörte Bild der souveränen Frau kann nicht einmal mehr Jessica Chastain retten, die eigentlich wie gemacht ist für die berechnende, aber nicht kalte Molly Bloom. Ihre Verzweiflung über den Prozess und ihre Verfehlungen ist vorbei, als der Vater ihr endlich sagt, dass er sie liebe. Ach wie schön, ach wie einfach sind Frauen glücklich zu machen.

 

„Brad’s Status“: Gedankensäge

Ascot Elite EntertainmentGedankenverloren: Wegen der eigenen Überlegungen, vergisst Brad die Chancen seines Sohnes.Ascot Elite Entertainment

Anders als Molly Bloom hatte Brad Sloan noch nie Millionen auf dem Konto. Stattdessen führt er ein ruhiges Leben mit seiner Frau Melanie und ihrem Sohn Troy. Aber er ist nicht zufrieden mit dem Job bei seiner NGO: Seine College-Freunde haben es nämlich alle geschafft. Schöne Frauen, Privatjets und Fernsehauftritte. Er ist neidisch und sinniert. Und sinniert. Und bemitleidet sich selbst.

Der Film „Brad’s Status“ folgt seiner Stimme im Kopf. Versagensängste, die wohl viele ab und zu haben, bahnen sich in der mit träumerischer Musik unterlegten Stimme Ben Stillers ihren Weg in den Gehörgang des Kinobesuchers. Die leiden ein bisschen mit Brad und dann wegen ihm. Er nervt. Brad sucht ständig Schuldige für seinen vermeintlichen Misserfolg: Vielleicht ist es die Schuld seiner Frau, die sich immer mit allem zufrieden gibt, statt ihn zu kritisieren und so zum Erfolg anzutreiben. Zum Glück ermahnt sich Brad selbst nach solchen Gedanken. Sonst wäre er einfach nur ekelhaft.

Als Brad mit seinem Sohn auf College-Suche geht, bricht seine Versagensangst erst recht durch. Was, wenn sogar der Sohn erfolgreicher wird als er? Immerhin hat er Chancen auf einen Studienplatz in Harvard. Aber dann ist er wieder beruhigt: Troy ist Musiker, mit Sicherheit wird er nicht erfolgreicher als dieser Gitarrenspieler da auf der Straße. Plötzlich verwandelt sich der Gitarrenspieler in seinen Sohn. Es ist lustig, dem teilweise bitterbösen Brad zuzuhören und zuzusehen.

So folgt man den gesamten Film über dem Gedankenstrom, den Brad erst auf die Zuschauer im Kino loslässt, dann auf eine Schulfreundin Troys, die nun in Harvard studiert. Ernüchterung: Sie versteht ihn nicht. „Brad“, sagt sie, „das sind die absoluten Luxusprobleme eines weißen, westlichen Mannes.“ Danach geht es trotzdem weiter mit Brads Kopfkino, und ja – es nervt. Aber das ist, was den Film von Regisseur Mike White auszeichnet: In den teils sarkastischen Passagen werden die eigenen Gedanken vorgeführt. Denn so wirklich erfolgreich würden sich wohl viele erst mit einer Villa fühlen.

 

„The Hero“: Traumreiter

Zurich Film FestivalTräume von guten alten Zeiten in der Wildnis.Zurich Film Festival

Langsam schreitet er durch die Wüste. Mit sicheren Schritten geht er in die Richtung eines Baums. Sein Hut hängt im Gesicht, seine Lippen verschwinden hinter dem immensen Schnauzer. Seine Haare sind schon längst ergraut. Im Baum hängt ein Toter. Dann ein Knistern. Der Hero zieht seine Waffe und dreht sich um. Und zack, ist der Traum vorbei. Stattdessen liegt der erfolglose Schauspieler Lee Hayden in seinem Bett und hat einen weiteren Tag voller dämlicher Aufnahmen für eine Radiowerbung vor sich. So sieht sein Alltag nun aus: Erst diese unterfordernde Arbeite, danach Kiffen mit seinem Freund und Dealer, schließlich daheim noch allein mit Alkohol die Birne wegschießen.

Aber der Tag läuft nicht so wie immer. Lee bekommt eine Krebsdiagnose, und Charlotte, eine deutlich jüngere Frau, stolpert in sein Leben. Mit ihr an seiner Seite versucht er die Beziehung zu seiner Tochter wieder hinzubiegen, die unter seiner Karriere gelitten hat. Der Film „The Hero“ des Regisseurs Brett Haley könnte vor allem wegen der Schauspieler punkten. Sam Elliott mit seiner tiefen Stimme und Laura Prepon mit ihrem sagenhaften Charme geben ein schräges Paar ab. Aber es knistert nicht, und der Tragikomödie fehlt es an pointiertem Witz.

Lee war nie wie Molly. Er spielte in seinem Leben in genau einem erfolgreichen Western, den heute nur noch abseitige Fanclubs kennen. Mit Brad hat er dagegen deutlich mehr gemeinsam, auch wenn wir Lees Gedanken nicht mal in seinem Gesicht ablesen können. Selbstmitleid ist auch das große Thema von „The Hero“. Eben jenes ertränkt Lee in Alkohol und Drogen. Erstaunlicherweise sind es tatsächlich die Drogen, die ihn aus seinem Erfolgstief holen sollen. 

Charlotte lernt er bei seinem Dealer-Freund kennen. Eine Liebesbeziehung mit diesem Altersunterschied ist in den Kreisen der Schönen (Frauen) und Reichen (alten Männern) etwas ganz Alltägliches. Das Klischee dieser Art der Beziehung wird in „The Hero“ nicht erfüllt – Lee schwimmt nicht im Geld und Charlotte profitiert eigentlich kaum von seinem (ehemaligen) Erfolg. Stattdessen verhilft sie ihm – auch mit Drogen – zu unverhofftem Erfolg.

Weil sie ihm vor einer Award-Verleihung  eines lokalen Western-Fanclubs Aufputschmittel gibt, hält Lee eine Rede, die im Internet die Runden macht. Er übergibt seinen Preis einer Frau aus dem Publikum. Immerhin hätten ja alle hier etwas erreicht. Weise Worte – er selbst sieht das für sein Leben natürlich nicht so. Prompt hat er wieder Rollenangebote und könnte sich den Traum vom neuen Film endlich erfüllen. Den Drogen sei Dank! Aber kaum ist sein Traum erfüllt, bemerkt Lee, dass er sich lieber um seine Beziehungen kümmern sollte. Und die Moral? Im Angesicht des Todes ist Erfolg egal.