Sollen wir zusammen leiden?

Die Berlinale am Tiefpunkt: Die Filme „Bamui Haebyun-Eoseo Honja“ und „Ana, Mon Amour“ zeigen noch mehr leidende Frauen im Wettbewerb. 

Von Maike Müller

Von Maike Müller

Maike Müller

Maike Müller hat schon früh eine Leidenschaft für absurde Satzstrukturen und verzwickte Metaebenen entwickelt. Nach dem Abitur studierte sie darum Germanistik in Mannheim und Kanada. Nach einigen Ausflügen hinter den Theatervorhang wandte sie sich dann dem Schreiben und dem Studiengang "Theater-, Film- und Fernsehkritik" zu. Seitdem haut sie für die Cult, die Süddeutsche Zeitung und deren Digitale Ausgabe immer wieder in die Tasten.



„Ich wollte dir dieses Buch schenken“ – „Ist das Buch für mich?“ – „Ja, das Buch ist für dich.“ – „Dann gibst du mir dieses Buch?“ – „Ja, das Buch darfst du behalten.“ – „Das Buch…“. Es sind wenig geistreiche Dialoge wie dieser, die den Film „Bamui Haebyun-Eoseo Honja“, auf Englisch „On the Beach at Night alone“, definieren. Mit Wackelzoom geht es für den Regisseur Hong Sangsoo qualitativ zurück in Zeiten vor dem Erstlingsfilm und mit gestelzten Dialogen zum Thema Selbstständigkeit der Frau in die Unverständlichkeit.

Die Hauptdarstellerin Kim Minhee kämpft sich mit dem Motto „Attackiere Bücher, als würdest du kämpfen“ mühevoll durch das Drehbuch: hölzerne Dialoge, plötzliche Wutausbrücke, denen freudiges Gelächter folgt und die beständige Frage „Soll ich? Soll ich?“. Younghee leidet. Ihr Problem: Sie weiß nicht, wohin mit sich. Nach der Affäre mit einem verheirateten Regisseur besucht die Schauspielerin eine Freundin in Hamburg. Alles wirklich schön da, soll sie bleiben? Soll sie, soll sie? Sie tut es nicht und kehrt nach Hause zurück.

Eigentlich will sie unabhängig sein, aber die Unentschlossene braucht eben doch jemanden, der ihr den Weg weist. Den findet sie aber auch zu Hause nicht, stattdessen knutscht sie mit einer Freundin und betrinkt sich regelmäßig in Szenen, die an die von Regisseur Yasujirō Ozus inszenierten Familienessen erinnern, die Spannung dieser Inszenierungen aber nicht im Ansatz zu erreichen vermögen. Younghee überlegt, ob sie zu den Freunden in die Küstenstadt Gangneung ziehen soll. Soll sie, soll sie?

Dabei scheint sie die Leute, bei denen sie unterkommt, nicht mal wirklich zu kennen. Sie sollen jahrelang befreundet sein, sie weiß aber nicht, was sie arbeiten oder warum sie umgezogen sind. Irgendwie muss der Zuschauer ja etwas über diese Leute erfahren. Dieses ungeschickte Erzählen sorgt für einen regungslosen, artifiziellen Film darüber, dass eine Frau es, auch wenn sie unbedingt will, nun mal einfach nicht in die Unabhängigkeit schaffen wird. Nachts schläft Younghee am Strand, träumt von ihrem ehemaligen Geliebten und erklärt, dass sie nicht mehr als Schauspielerin arbeitet, weil alle Drehbücher, die sie bekam, Müll sind. Hätte sich die Schauspielerin Kim Minhee doch nur auch mal gedacht: „Soll ich, soll ich?“

Ein Mann, eine Frau, ein Problem

Mitten im Satz werden wir in den Raum geworfen. Im Nebenzimmer Stöhnen. Eine schüchterne junge Frau im Blumenkleid und ein Mann mit langen, dunklen Locken sprechen über Hitler und Nietzsche. Dann hat sie plötzlich einen Panikanfall und wir sollten auch einen bekommen. Vor uns liegen noch unendliche 127 Minuten. Die wenigen Sekunden, in denen wir uns an einer philosophischen Debatte erfreuen konnten, sind schon wieder vorbei. Denn: Das Leiden geht weiter.

Dieses Mal ist es das von Ana und Toma, die miteinander und nebeneinander ihre Probleme durchexerzieren. Beide werden von den Eltern nicht unterstützt, vom Vater geschlagen und studieren Literaturwissenschaft. Literaturwissenschaft? Das und die Partnerwahl der Kinder ist das Schlimmste für die Eltern. Was macht man schon mit Literaturwissenschaft? Sie will Lehrerin werden, er Journalist. „Gibt das Geld im Journalismus?“ Das Publikum im Berlinale-Palast lacht, die Journalisten in der Pressevorstellung finden sich wieder und sind inzwischen bereit, über jeden schlechten Witz zu lachen, um der quälenden Ernsthaftigkeit und Stille dieser Berlinale zu entfliehen. Zu Beginn zeigt der Film „Ana, mon Amour“ des Regisseurs Calin Peter Netzer Nuancen der familiären Schwierigkeiten und kann auch für zum müden Lächeln verzogene Lippen sorgen. Dann wird es zu viel.

Ana und Toma verlieben sich im Studium. Sie kämpfen mit ihren Familien um die Anerkennung des Partners und werden dafür geschlagen; Ana trägt bereits dramatische Folgeschäden aus ihrer Kindheit davon. Regelmäßig bekommt sie aus dem Nichts Panikattacken, kein Arzt kann ihr helfen. Als sie auch noch ungewollt schwanger wird, obwohl Toma die Nase langsam voll hat, ist das Unglück so präsent, dass man es fast nicht mehr ernst nehmen kann.

Toma erzählt das Ganze auf der Couch seines Therapeuten. Er springt je nach Thema zu einzelnen Szenen mit Ana: Mal ist es eine ausgedehnte Sexszene mit Cumshot, mal eine Panikattacke Anas mitten auf der Straße. An seiner Frisur – mal lang, mal kurz, mal ausgefallen, mal fast nicht mehr vorhanden – erkennen wir die Phase der Beziehung. Das Ergebnis der Therapiesitzung: Der Mann hilft der schwachen Frau. Das zeigt aber nur seine eigene Schwäche. Er ging aus einer ehemaligen Beziehung, in der er betrogen wurde, ebenso geschädigt hervor wie Ana aus der mit ihrem Vater. Nun braucht er eine Frau, die auf ihn fixiert ist und nur ihn braucht.

Um anderen zu helfen, muss man also selbst gelitten haben. Mit wackliger Kamera, aber deutlich weniger Gesprächen als bei „On the Beach alone at Night“, findet man sich in diesem Film nicht zu recht. Ana und Toma sind anstrengend, das Leiden einfach von Anfang an zu präsent, als dass man glauben könnte, dass sie in ihrer Beziehung zu irgendeinem Zeitpunkt glücklich gewesen wären. Die Erklärungen für die gegenseitige Abhängigkeit sind aus dem Rezeptbuch der Küchenpsychologie und vereinfachen psychische Probleme: Du wirst geschlagen, darum hast du vor allem Panik; du wirst einmal betrogen also brauchst du Singularität. Die Erzählform ist schön; aber das Leid frisst die Geschichte.