Auch ein Lichtschwert ist nur ein Schwert

Hört das Mittelalter denn nie auf: Retro-Futur oder wann ist Science-Fiction im Kino modern? Überlegungen anhand von „Star Wars“, „Her“ und „Children of Men“.

Von Jakob Wihgrab


Eine bildschöne Prinzessin wird von einem schwarzen Ritter entführt. In einer fabelhaften Welt muss ein Jüngling vielerlei Prüfungen meistern, um das Böse aufzuhalten und seine wahre Liebe zu retten. Die, wie sich herausstellen wird, eigentlich seine Schwester ist. Was klingt wie aus den mittelalterlichen Federn eines Gottfried von Straßburg, ist nichts anderes als George Lucas’, Entschuldigung, Disneys Krieg der Sterne. Ein „modernes“ Märchen eben, eine Sage. Allerdings alles andere als modern erzählt.

Klar ist das Setting von „Star Wars“ eines, das in der, oder besser gesagt in einer Zukunft angesiedelt ist, die Geschichte allerdings könnte auch im 12. Jahrhundert spielen. Von den Laserpistolen mal abgesehen. Doch genau dort liegt das Problem: Die Zukunft, die in „Star Wars“ abgebildet wird, ist viel zu weit von unserer eigenen entfernt. Lichtschwerter, diverse Raumschiffmodelle, die übersinnliche Macht, all die verschiedenen Wesen und Sprachen – „Star Wars“ ist technologisch und kulturell weit weg von unserer eigenen Realität und der Zukunft, die wir mit ihr zusammendenken. Dazu kommen auch noch unzählige Planeten. Der Zuschauer ist nicht im Besitz des passenden Codes, um dieses Universum zu entschlüsseln. Was bleibt, ist eine schwarzweiße Welt. Streng unterteilt in Gut und Böse. Imperium und Rebellen. Römer und Gallier. Das dunkle Imperium hat ohnehin viel gemein mit dem römischen. Während die Rebellen immer die Underdog-Rolle wie die eines Spartacus einnehmen, inklusive strahlender Heldenfigur. „Star Wars“ ist im höchsten Maße altmodisch.

Und noch etwas fällt auf in diesem Universum: Es gibt gar keine Erde. Auch „Star Trek“ spielt eigentlich in einer schwer greifbaren Realität. Klingonen, Romulaner oder Vulkanier, auch nicht gerade von nebenan. Allerdings ist der Ansatz ein anderer: Die Föderation, mit Sitz auf der Erde, schickt Raumschiffe mit einer wild durcheinander gewürfelten Besatzung ins Weltall, um dieses zu erkunden. Neue Planeten und Spezies zu entdecken. Handel zu treiben und Informationen auszutauschen. Ein Ansatz, der weitaus näher an unserer eigenen Realität liegt. Die Bösen sind hier die sich in der Unterzahl befindenden Rebellen oder einzelne Terroristen wie zum Beispiel Khan. Auch die Technik erinnert immer noch stark an das Jetzt, so fährt Tiberius Kirk leidenschaftlich gern Motorrad.

Je näher eine Science-Fiction am Jetzt liegt, je ähnlicher sie der eigenen Realität ist, desto moderner sind ihre Erzählungen. Desto komplizierter können sie auch sein. Aus Schwarz und Weiß kann Grau werden. Die BBC-Serie „Black Mirror“ verhandelt in jeder Folge Zukunftsvisionen, die oft auf technischen Neuerungen basieren, die aber ihren Ursprung im Jetzt haben und nur konsequent oder auch gelegentlich dystopisch weitergedacht werden: Eine Gesellschaft, in der Ansehen und Stand von der Anzahl der Likes auf dem Social-Media-Auftritt abhängen.

Ein Chip im Hals, der jede Erinnerung, die man hat, filmisch vor den Augen wieder aufleben lässt. Oder eine Puppe, die einen geliebten Verstorbenen wieder zum Leben erweckt, mit der Analyse seines Verhaltens im Netz. All das ist modern, weil es greifbar ist. Auch Spike Jonzes „Her“ ist moderne Science-Fiction. Im Film verliebt sich Joaquin Phoenix in Scarlett Johannson, doch die ist ein menschenähnliches Betriebssystem ohne Körper oder Form. Schwer vorstellbar, dass sich Prinzessin Leia statt in Han Solo in R2D2 verlieben würde.

In Alfonso Cuaróns Endzeit-Vision „Children Of Men“ können die Menschen keine Kinder mehr kriegen. Weltweit bricht Chaos aus. Nur ein strenges Militärregime sorgt in England dafür, dass Ruhe und Ordnung bestehen, zum Opfer vieler Freiheiten, inklusive Gewalt und Unterdrückung. Vieles in „Children Of Men“ lechzt nach der Vergangenheit: die Musik von King Crimson oder den Rolling Stones ist aus den 1970ern, die Kunst aus der Antike, die Autos aus den 1990ern. Nur die gelegentlich riesigen LED-Anzeigen im Herzen Londons lassen eine Zukunft auch danach aussehen. „Children Of Men“ symbolisiert einen gebrochenen Fortschrittsgedanken, der den technologischen Fortschritt kritisiert. Der düstere Stil geht einher mit der dystopischen und kompromisslosen Geschichte, wirkt aber eben durch den Retro-Futurismus so modern.
Auf die Spitze treibt diesen der Steampunk. Dort werden viktorianisches London und Laserpistole gerne mal zusammengedacht. Entstanden aus Science-Fiction der 1950er- und 1960er-Jahre, als technischer Fortschritt noch positiv und utopisch gedacht wurde. Das ist heute nicht mehr modern, war es aber mal: Denn die Zukunftsvision speist sich logischerweise immer aus der jeweiligen Gegenwart. Die Halbwertszeit von moderner Science-Fiction ist dadurch sehr kurz, während Fantasy-Sci-Fi wie „Star Wars“ zeitlos bleibt. Der gesellschaftliche Mehrwert ist aber deutlich geringer, da die Selbstreflexion unmöglich ist. Das popkulturelle Phänomen und die ikonischen Charaktere eines George Lucas sollen dadurch keineswegs denunziert werden, doch die flüchtigen Zukunftsvisionen von „Black Mirror“, „Her“ oder „Children Of Men“, sie zwingen uns dazu, die Zukunft immer wieder neu denken zu müssen. Sie sind Zeitgeist.