Familienangelegenheiten

Berlinale: Fred Baillif erzählt in seinem Spielfilm „La Mif“ von den kleinen Glücksmomenten und herben Enttäuschungen eine Reihe Teenagerinnen in einem Kinderheim. Im Wettbewerb „Generation 14plus“ wird er mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet.

Von Kevin Scheerschmidt

Von Kevin Scheerschmidt

Von Kevin Scheerschmidt

Kevin Scheerschmidt

Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft B.A. (2013-2018) in Frankfurt am Main und seit 2018 Theater-, Film- und Fernsehkritik in München. Berufung: Film! Motto: Filme müssen wenn möglich auf der großen Leinwand konsumiert werden. Egal ob kleinster Independent oder größter Blockbuster, jeder Film hat das Potential großartig sein zu können. Jeder Film verdient eine Chance.

Nach einem Gespräch in der Gruppe über Sex schläft die siebzehnjährige Audrey mit einem vierzehnjährigen Jungen. Beide wohnen im selben Kinderheim in der französischen Schweiz. Als sie von einer Mitarbeiterin erwischt werden, gerät die scheinbare Stabilität in Gefahr. Wie es vorgeschrieben ist bei einem Altersunterschied von drei Jahren in diesem Alter, muss die Polizei informiert werden. Audrey wird unter dem Geschrei der anderen Mädchen abgeführt, der Verdacht auf Vergewaltigung muss geprüft werden.

Die ältere Leiterin des Heimes, Lora, muss sich vor einem Ausschuss rechtfertigen. „Es ist abscheulich. Unsere Glaubwürdigkeit steht auf dem Spiel“, erklärt ihr ein Mann in der Kommission. Ihre Worte, wie wichtig sexuelle Aufklärung sei, dass Sex kein Verbrechen und sie ein Kinderheim und kein Gefängnis seien, verhallen ungehört. Der Richter entscheidet: Das Heim muss wieder ein reines Mädchenheim werden, wie es das früher einmal war.

„La Mif“, so erklärt es ein Mädchen, ist ein Slang-Ausdruck für die Familie, die die Mädchen im Heim gefunden haben. Und diese Familie ergründet der Film nach und nach. In neun Kapiteln lernt man die Bewohnerinnen und die Mitarbeiter*innen kennen.

Die Kamera, immer ohne Stativ und deshalb stets leicht in Bewegung, ist ganz nah dran an den heranwachsenden Mädchen. Das schafft intime Momente, in denen die ruhige Justine von ihrem Trauma erzählt, als ihre Schwester ertrank. Oder Tamra, die ihren 18. Geburtstag feiert. Illegal mit ihren Eltern als kleines Mädchen eingereist, haben die den Kontakt zu ihr abgebrochen. Als Erwachsene droht ihr nun die Abschiebung in ein Land, in dem sie kaum gelebt hat und dessen Sprache sie nicht spricht. „Ich würde hier lieber sterben, als wieder dahin zurückzugehen“, sagt sie.

Die Mädchen berichten von Vernachlässigung und Missbrauch, fehlender Zuneigung und der Sehnsucht nach Liebe.

Dabei springt der Film in den Episoden immer wieder zwischen den Figuren hin und her. Und auch die zeitliche Erzählweise ist nicht linear. Einige Szenen kehren immer wieder und können, nachdem man die Mädchen besser kennengelernt hat, ganz anders verstanden und kontextualisiert werden.

„La Mif“ des Regisseurs Fred Baillif ist klug und intim erzählt. Viele ruhige Momente wechseln sich dabei mit aggressiven, lauten Szenen ab. Der Umgangston im Kinderheim ist von einem großen Zusammenhalt, aber auch von viel Streit und Geschrei geprägt.

Die Mädchen kickern, kochen, rauchen, schreien und fluchen. Sie lästern über das Personal, schreien die Mitarbeiter*innen an und zeigen keinen Respekt. Nur, um in anderen Momenten zu betonen, dass sie alle eine große Familie seien. In lauten Szenen wird häufig der Ton vor Ort langsam ausgeblendet und ruhige klassische Klavier- und Geigenmusik daruntergelegt. Das Geschrei verblasst, zurück bleiben die Bilder rebellischer Jugendlicher, die eine ungemeine Wut auf die Welt haben, in der sie aufgewachsen sind.

Schrittweise lernt man auch die Mitarbeiter*innen kennen. Im Zentrum steht die Leiterin Lora, die gerade erst selbst ein großes Trauma erlitten hat. In der schnellen Rückkehr ins Mädchenheim sieht sie einen Weg, ihre Trauer zu verdrängen.

„La Mif“ erzählt von einer turbulenten Zeit mit turbulenten Ereignissen. Ein Auf und Ab im Leben der Jugendlichen. Während manche kleine Glücksmomente erfahren, sind andere am Rande des Selbstmords. Alle sehnen sich nach Zuneigung, einer Familie, die sie in La Mif gefunden zu haben scheinen. Aber die Mädchen kommen und gehen im Heim, die Familie ist im dauerhaften Umbruch. Die Mitarbeiter*innen sind dabei im stetigen Konflikt zwischen menschlicher Nähe und professioneller Distanz. Das Einfühlvermögen eines Mitarbeiters wird bei den Mädchen, die ihre Sexualität erforschen wollen, schnell als romantisches Zeichen missverstanden.

Fred Baillif zeigt in seinem Film viele verschiedene Schicksale, kleine Geschichten deuten viel größere Geschichten dahinter an. „La Mif“ startet plötzlich, ohne Vorwarnung wird man in die Konflikte des Kinderheims hineingeworfen. Und genauso plötzlich endet er auch. Eine Sozialarbeiterin bringt ein neues, bitterlich weinendes Mädchen ins Heim. Auch dahinter wird wieder eine Geschichte stecken. Voll Trauma und Ängsten, voll Träumen und Sehnsüchten.

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.