Brutal originell

Berlinale: In „A Cop Movie“ zeigt der Regisseur Alonso Ruizpalacios auf kreative Weise die absurde Realität der Polizeiarbeit in Mexiko. Im Wettbewerb wurde der Film für den großartigen Schnitt ausgezeichnet.

Von Kevin Scheerschmidt

Von Kevin Scheerschmidt

Von Kevin Scheerschmidt

Kevin Scheerschmidt

Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft B.A. (2013-2018) in Frankfurt am Main und seit 2018 Theater-, Film- und Fernsehkritik in München. Berufung: Film! Motto: Filme müssen wenn möglich auf der großen Leinwand konsumiert werden. Egal ob kleinster Independent oder größter Blockbuster, jeder Film hat das Potential großartig sein zu können. Jeder Film verdient eine Chance.

Rot und Blau blitzen die Lichter durch die Nacht von Mexico City. Die Polizeisirene heult, sie dröhnt, sie kreischt. Durch den Funk hört man: „möglicher 37er“, „Auseinandersetzung zwischen zwei 52ern“ und „ein bestätigter 809er“.

Die Kamera ist in der Mitte zwischen den vorderen Sitzen. Der Blick geradeaus durch die Frontscheibe des Polizeiwagens. Als Officer María Teresa Hernández Cañas, genannt Teresa, eintrifft, sind die Menschen vor Ort verärgert. Sie bedrängen und beschimpfen sie. Sie wollen nicht die Polizei. Sie haben einen Krankenwagen angefordert, weil es Komplikationen bei der Geburt eines Babys gibt. Doch es kommt einfach niemand. Als Teresa über den Polizeifunk medizinische Unterstützung anfordert, kommt keine Antwort. „Kommt schon Leute, tut mir das nicht an“, sagt sie verzweifelt ins Funkgerät.

Aber es antwortet niemand. Und so hilft die Polizistin selbst aus, auf eigene Gefahr. Denn eigentlich dürfte sie nicht eingreifen. Wenn etwas schief geht, zahlt keine Versicherung. Mit dem medizinischen Material, das sie sich selbst angeschafft hat – zwei Gummihandschuhe, denn die Polizei stellt nichts zur Verfügung – tut sie, was sie kann.

Im Voice Over erzählt Teresa, dass es in der Polizeiakademie keinerlei medizinisches Training gibt. Erst als das Baby mit viel Glück längst gesund zur Welt gekommen, die Nabelschnur mit einer Bastelschere durchtrennt ist, trifft der Notarzt ein und beschwert sich wütend, dass er komplett unnötig gerufen worden sei.

„A Cop Movie“ des Regisseurs Alonso Ruizpalacios ist ein Film in fünf Teilen, der Genregrenzen und Metaebenen sprengt. Im ersten, „Teresa“ betitelten Teil folgt man Officerin Teresa bei ihrer Arbeit, stets begleitet vom allgegenwärtigen, niemals aussetzenden Voice-Over. Sie erzählt, dass sie durch ihren Vater, der selbst ein Cop war, zur Polizeiarbeit kam. Die Bilder werden langsam überblendet. In einer Szene aus der Vergangenheit sitzt Teresa selbst auf dem Rücksitz des Polizeiwagens, spricht direkt in die Kamera und erzählt davon, wie ihr Vater bei der Arbeit erschossen wurde, während genau diese Szene nachgestellt wird.

Die Kamera ist manchmal beobachtend dokumentarisch und Teil der Szene und dann wieder spielfilmartig inszeniert, als wäre sie unsichtbar. Sie fährt ganz sanft in perfekt abgepasstem Tempo auf Gegenstände und Figuren zu, nur um in anderen Szenen zu wackeln, sich hinter etwas zu ducken. Als wäre die Polizeikontrolle echt und die Person hinter der Kamera müsste sich verstecken.

Es ist beeindruckend, wie der Regisseur Alonso Ruizpalacios und der Kameramann Emiliano Villanueva hier sämtliche Grenzen austesten. Die Bilder, die sie erzeugen, sind experimentell, verrückt und großartig. Und dazu noch so perfekt vom Cutter Yibrán Asuad zusammengeschnitten, mal schnell, mal langsam, dass der zurecht den Silbernen Bären dafür verliehen bekommen hat. Selten war ein Filmschnitt so auffällig und wichtig, damit ein Film funktionieren kann.

In Teil zwei lernen die Zuschauer*innen José de Jesús Rodríguez Hernández kennen, „besser bekannt als Montoya im öffentlichen Raum“, wie er selbst sagt. Wie im ersten Teil Teresa erzählt jetzt Montoya per Voice-Over, wie sein Polizeialltag aussieht, wovor er Angst hat, wieso er noch am Leben ist und wie er zu seinem Job gekommen ist. Dabei sieht man ihn Kontrollen durchführen und Bestechungsgelder annehmen. Er wirkt deeskalierend und muss sich dann anhören, wieso er nicht härter durchgreift. Montoya erzählt von einer Begegnung mit einem Kindheitsfreund. Als er ihm erzählte, dass er jetzt Polizist sei, antwortete dieser mit: „Oh, also bist du jetzt ein Schwein.“

Der dritte Teil verbindet schließlich die vorigen beiden. Denn Teresa und Montoya erzählen nun gemeinsam, wie sie sich kennengelernt und ineinander verliebt haben. Von Kollegen werden sie spöttisch „the love patrol“ genannten.

Zeitlich springt der Film immer wieder hin und her, ist gewollt zum Teil asynchron in Bild und Sprache. Er bedient sich im dritten Teil Reality-TV-artig an Paar-Interviews, parodiert diese fast schon. Die Cop-Love-Story hat aber so viel mehr als Reality-TV zu bieten, mischt Genres auf erfrischende Weise neu zusammen und gibt ihnen einen neuen Anstrich.

Teil vier reißt dann alle Meta-Wände, die vorher noch standen, endgültig ein. Er heißt: „An actor prepares“. Und genau das ist zunächst auch zu sehen. In Videotagebüchern erzählen die beiden Schauspieler Mónica Del Carmen und Raúl Briones, die vorher Teresa und Montoya gespielt haben, wie sie sich auf ihre Rollen vorbereiten. Das Videoformat ist jetzt häufig hochkant, die Grenzen zwischen Fiktion und Realität verschwimmen vollends. Was kann man hier überhaupt noch glauben?

Die beiden teilen ihre eigenen Gefühle zur Polizei mit. Ihre Skepsis, ihren Ärger, ihre Angst. „Und das Videotagebuch? Vielleicht kommt das nicht mal in den Film“, sagt Briones resigniert in seine Smartphonekamera. In der nächsten Szene hört man jemanden „Action“ schreien, jetzt ist Raúl Briones wieder in der Rolle des Montoya.

In Gesprächen mit anderen Polizist*innen bekommen Raúl Briones und Mónica Del Carmen erzählt, wie der harte Arbeitsalltag in den Straßen von Mexiko-Stadt ist. „Keinen interessiert es, ob ein Cop stirbt. Aber versuchst du einen Kriminellen zu verhaften, sei es auch der schlimmste, taucht der ganze Block auf, um dich zu stoppen oder sogar zu töten.“

Das Leben als Polizist*in ist hart in Mexiko, die nur sechsmonatige Ausbildung lächerlich mangelhaft, und die meisten machen den Job alleine wegen des Geldes. Konstante Bestechungen sind allgegenwärtig. Der stets ambivalente Film hinterfragt auch das. Er lässt im letzten Teil „End of the love patrol“ die echten Montoya und Teresa erzählen, wie das Polizeisystem funktioniert. Auch hier muss bestochen werden. Um ein Auto, eine schusssichere Weste oder eine funktionierende Waffe zu bekommen, muss man als Polizist andere Polizisten bestechen. Wer dann selbst keine Gelder annimmt, kann seinen Job gar nicht finanzieren.

Es ist eine harte, bittere Wahrheit, die der Film offenbart. Er zeigt ein korruptes, grundlegend vergiftetes System, in dem nicht die Cops profitieren, die einen ehrlichen, guten Job machen.

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