Vielleicht war es gut

Berlinale: In der Reihe Berlinale Special porträtieren Dan Lindsay und T. J. Martin die Sängerin Tina Turner. Die spricht in „Tina“ über das Trauma, das ihr Leben dominiert.

Von Stefan Fischer

Von Stefan FischerVon Stefan Fischer

Stefan Fischer

Hat meistens Kopfhörer im Ohr, weil er ständig Hörspiele hört. Es sei denn, er sitzt im Kino oder Theater. Oder unterrichtet im Studiengang Theater-, Film- und Fernsehkritk. Ist dort auch für die meisten Publikationen verantwortlich. Außerdem Autor und Mitarbeiter der Süddeutschen Zeitung. Verhinderter Weinhändler.

„Ask me how I feel“, singt Tina Turner. Und, ein paar Songzeilen später: „I am the great pretender“. Tina Turner eine Heuchlerin, eine Angeberin? Nun, das vielleicht nicht. Aber dass sie sich verstellt hat für ihr Publikum, für die Öffentlichkeit – das mag man ihr sehr wohl glauben.

Der Dokumentarfilm „Tina“ von Dan Lindsay und T. J. Martin beginnt auf der Bühne, mit diesem Hit von 1989: „Ask me how I feel“. Als Zuschauer*in hört man, ohne zu sehen, dann sieht man, ohne zu hören – Bild und Ton sind nicht in Deckung in dieser Anfangssequenz. Ein programmatischer Prolog: Das Naheliegende ist nicht immer das Richtige, nicht immer das Spannende, besagen diese ersten Minuten.

Dann, die Kamera ist jetzt im Salon von Turners Haus am Zürichsee, sagt die Sängerin mit den zwei Karrieren einen Satz über sich, der trotzdem so überraschend und so unverblümt kommt, dass er einen beinahe niederstreckt wie ein Boxhieb: „It wasn’t a good life.“ Sie habe kein gutes Leben gehabt, das ist ihre Bilanz im Alter von 81 Jahren.

Die erste Karriere macht sie an der Seite von Ike Turner, der bald auch ihr Mann ist und ihr Peiniger. Turner sitzt in dem karg möblierten Salon in einem Stuhl inmitten des Raums und erzählt vom Missbrauch durch ihren Ex-Mann, wie er sie mit einem Kleiderbügel penetriert hat. Gleich darauf sieht man sie auf der Bühne, in Ekstase, aber es ist keine Musik zu hören, ihre Stimme ist stumm. Es gibt etwas hinter der Musik im Leben von Tina Turner, das viel tiefere Spuren hinterlassen hat.

Ihre Tragik ist, dass sie von Ike Turner nie losgekommen ist. Als sie sich von ihm getrennt hatte, 1976, und versuchte, sich eine Solokarriere aufzubauen, da wurde sie stets nach ihm gefragt in Interviews. Sie wollte nicht über die Vergangenheit reden, sondern über die Gegenwart. Aber sie hat wohl selbst gespürt, dass es das eine nicht geben konnte ohne das andere. Dass ihre Power, ihre Hartnäckigkeit, die Härte sich selbst gegenüber die Konsequenzen dieser traumatischen Erfahrungen sind. Nie wieder sollte ein Mann sie ausnutzen und demütigen, nie wieder über sie bestimmen und verfügen.

In einem Interview, das Ike Turner im Jahr 2000 gegeben hat, sagte er über Tina Turner: „Ich kann nicht sagen, wie sie sich gefühlt hat, weil ich es nie wusste.“ Und: „Sie wollte mir gefallen und war nicht sie selbst.“ Es muss ein schmerzhafter Prozess gewesen sein für Tina Turner, das anzuerkennen und sich davon zu emanzipieren.

Auch dieser Film, den unter anderem Tina Turners Mann Erwin Bach produziert hat, kommt natürlich nicht an dieser fürchterlichen ersten Ehe vorbei. Und man ahnt, welche Mühe es die Sängerin gekostet haben muss, bis sie so souverän über intimste Kränkungen und Demütigungen sprechen konnte. Die Zeit mit Ike, musikalisch wie privat, hat ihre Solokarriere geprägt, durch die der Film chronologisch führt. Wobei er sich nicht ausruht auf der Musik, auf den Konzertmitschnitten. Die werden eher zögerlich eingesetzt, das Publikum von „Tina“ soll sich nicht mitreißen lassen von Rhythmen, von der Bühnenpräsenz dieser Frau. Die Musik trägt ihren Teil dazu bei zu verstehen, warum Tina Turner geworden ist, wer sie ist: Eine Frau, die spät ihr Glück gefunden hat, die sich ihre Selbstachtung bewahren konnte und die sich durchgesetzt hat. Die im Alter im Reinen ist mit sich. Aber das alles tilgt die Verletzungen nicht, den Missbrauch durch Ike, den Suizid eines Sohnes und manches mehr.

Am Ende sagt sie einen Satz, der so bitter ist wie der erste. Der einen aber nicht so vehement überrascht, weil man nach allem, was man nach diesen zwei Stunden weiß, bereits ahnt, dass sie ihn womöglich sagen könnte: Vielleicht war es gut, Ike zu treffen. Sicher ist sie sich nicht.

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.