Angenehm absurd und offen tiefgründig

Berlinale: Maria Schrader ist mit ihrem philosophischen K.I.-Film „Ich bin dein Mensch“ über eine Mensch-Maschinen-Liebesbeziehung im Wettbewerb. Maren Eggert wird mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet für die beste schauspielerische Leistung in einer Hauptrolle.

Von Kevin Scheerschmidt

Von Kevin Scheerschmidt

Von Kevin Scheerschmidt

Kevin Scheerschmidt

Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft B.A. (2013-2018) in Frankfurt am Main und seit 2018 Theater-, Film- und Fernsehkritik in München. Berufung: Film! Motto: Filme müssen wenn möglich auf der großen Leinwand konsumiert werden. Egal ob kleinster Independent oder größter Blockbuster, jeder Film hat das Potential großartig sein zu können. Jeder Film verdient eine Chance.

„Deine Augen sind wie zwei Bergseen, in denen ich versinken möchte“, sagt Tom. Dieser Satz wie aus einem Rosamund-Pilcher-Roman löst bei Alma einen Würgreflex aus. Sie findet das so gar nicht romantisch. Dabei soll Tom eigentlich der Mann ihrer Träume sein, perfekt auf sie zugeschnitten. Sie war selbst romantisch, lag als Mädchen auf einer Tischtennisplatte, schloss die Augen und hoffte darauf, der süße Junge im Urlaub würde sie einfach küssen.

Doch das liegt lange zurück. Jetzt wirkt Alma nach außen wie der Typ Klischee-Karrierefrau: kühl, wenig herzlich, desinteressiert, skeptisch. Sie erforscht an einem Berliner Museum altertümliche Sprache, auf der Suche nach der Entstehung der Poesie. Eine harte Schale hat sie sich zugelegt. Und vor allem ist sie allein. Ohne Partner an ihrer Seite.

Da trifft sie Tom. Nicht zufällig, sondern geplant, sozusagen programmiert. Tom ist ein humanoider Roboter. Almas Chef soll vor der Ethikkommission aussagen, ob „die Dinger” von Menschen geheiratet werden dürfen. Ob sie arbeiten und Menschenrechte genießen sollten.

Und Dr. Alma Felser ist das perfekte Testsubjekt. In einer Art dreiwöchigem Turing-Test soll sie herausfinden und beurteilen, ob humanoide Roboter in der Gesellschaft zugelassen werden und welche Rolle sie einnehmen sollen.

Vom Menschen erschaffene Künstliche Intelligenz ist eines der populärsten Themen in Sci-Fi-Blockbustern. „Terminator“, „Robocop“, HAL9000 aus „2001“, Ultron und Jarvis aus den Marvel Filmen oder „Westworld“. Während in den actiongeladenen K.I.-Filmen die Überlegenheit der vom Menschen geschaffenen Maschinen und der damit verbundene Untergang der Menschheit zumeist das Hauptthema ist, gibt es auch die philosophischen K.I.-Filme. „Ex Machina“ und „Her“ sind da zwei populäre Vertreter, „Blade Runner“ sicherlich ein Grenzgänger.

„Ich bin dein Mensch“ ist definitiv ein Vertreter der philosophischen K.I.-Filme.

Mit clever geschriebenen Dialogen hinterfragt die Regisseurin Maria Schrader, die mit Jan Schomburg das Drehbuch geschrieben hat, was es heißt, menschlich zu sein. Und vor allem, was sein darf, damit der Mensch glücklich wird.

Aus anfänglicher Ablehnung gegenüber Tom entwickelt sich bei Alma nach und nach eine Faszination für den gutaussehenden Roboter mit englischem Akzent. Dan Stevens, der für genau solche Rollen geboren scheint, verkörpert Tom und kann sich dabei auf einer Spielwiese der Seltsamkeit austoben. Der Roboter ist charmant, höflich und naiv. Ein programmierter Gentleman, kühl und warmherzig zugleich und eklig romantisch. Er erklärt: „Mein Algorithmus ist darauf ausgerichtet, dich glücklich zu machen.“ Er sagt nichts durch die Blume, ist schonungslos direkt. Takt- und Feingefühl stehen nicht in seinem Ursprungscode. Aber ihm ist die Fähigkeit einprogrammiert, dazuzulernen: „Bald werde ich mit einer höheren Trefferquote Dinge sagen, die dir gefallen.“ Dabei lächelt er mechanisch, irgendwie läuft einem ein Schauer den Rücken herunter.

Aber „Ich bin dein Mensch“, der auf einer preisgekrönten Kurzgeschichte von Emma Braslavsky basiert, ist kein Robot-turns-bad-Film, sondern eine unkonventionelle, angenehm-absurde Liebesgeschichte. Oder vielleicht auch eine Anti-Liebesgeschichte, das ist Ansichtssache.

Tom passt sich immer mehr Almas Bedürfnissen an. Per schräg-komischem Try-and-Error lernt er, was sie mag und was nicht. Er entwickelt Ironie oder simuliert sie zumindest. Durch Tom ist Alma gezwungen, sich mit ihrem Schmerz, ihren Sorgen und Träumen auseinanderzusetzen.

Er sagt ihr genau, was sie hören will. Und als Alma ihm sagt, er solle nicht immer sagen, was sie hören will, macht er genau das. „Ich spiele hier Theater, aber es gibt kein Publikum“, sagt Alma. „Der Saal ist leer.“ Ein Satz, der plötzlich eine Doppeldeutigkeit bekommt, wenn man statt im Kinosaal so alleine zuhause vor dem Bildschirm sitzt und diese (anti-)romantische Sci-Fi-Komödie schaut.

Alma stellt fest, dass Tom sie wirklich glücklich machen könnte, wenn sie sich nur drauf einließe. Und genau das macht ihr Angst.

Ihre anfängliche Skepsis und Ablehnung sind nachvollziehbar, genauso wie ihr Entwicklungsprozess und die Annäherung an Tom. Maren Eggert spielt die hin- und hergerissene Alma mit großer Detailverliebtheit. Kleine Bewegungen, Seufzer, kurze Blicke und Betonungen sind enorm wirksam.

Tom bildet für Alma einen Gegenpol zu ihrem senilen Vater. Der ist ein grummeliger Griesgram, sagt Dinge, die er nicht meint, weiß zuweilen nicht, wo er ist, und handelt und redet gänzlich unprogrammiert. Deshalb wird Tom mit seiner absoluten Zuverlässigkeit plötzlich zu einem Anker in Almas Leben. Er ist berechenbar und komplett unegoistisch. „Wären sie jemals draufgekommen, dass ich gar nichts möchten kann?“, sagt er zu einer Barista, die eigentlich nur wissen will, wie er seinen Mochaccino gerne hätte.

„Nur wer eine Vergangenheit hat, kann auch eine Zukunft haben“, erklärt die Mitarbeiterin der Android-Herstellungsfirma, gespielt von Sandra Hüller.

Eine gemeinsame Vergangenheit haben Alma und Tom nicht. Und so spinnen sie herum, erfinden eine Kennenlerngeschichte. Ist das echt? Nein. Macht es Alma glücklich? Irgendwie schon. Aber ist das richtig? Kann Alma mit Tom eine gemeinsame Zukunft haben? Und hätte man diesen Film über die Bedürfnisse des Einzelnen nicht viel lieber ihm Kollektiv im großen Kinosaal gesehen, um anschließend all dies mit den anderen Festivalbesuchern diskutieren zu können? Nur eine dieser Fragen lässt sich entschieden mit „Ja“ beantworten.

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