Ein Hoffnungsschimmer tief unter der Erde

DOK.fest München; „The Cave“ zeigt über die Dauer von fünf Jahren den schrecklichen Alltag in einem Untergrund-Krankenhaus im syrischen Ost-Ghuta.

Von Kevin Scheerschmidt

Von Kevin Scheerschmidt

Von Kevin Scheerschmidt

Kevin Scheerschmidt

Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft B.A. (2013-2018) in Frankfurt am Main und seit 2018 Theater-, Film- und Fernsehkritik in München. Berufung: Film! Motto: Filme müssen wenn möglich auf der großen Leinwand konsumiert werden. Egal ob kleinster Independent oder größter Blockbuster, jeder Film hat das Potential großartig sein zu können. Jeder Film verdient eine Chance.

„Schaut Gott wirklich zu?“, fragt die Kinderärztin Amani Ballour. Sieht man die Bilder, wie sie einen Raketensplitter aus dem Nacken eines Kindes zieht oder wie sie mit dem Finger tief in den Rachen eines Kleinkindes greift und Schlamm und Dreck herausschaufelt, damit dieses wieder atmen kann, hat man keinen Grund, diese Frage mit „Ja“ zu beantworten.

Die oscarnominierte Dokumentation „The Cave“ von Regisseur Feras Fayyad zeigt einmal mehr die Gräueltaten aus dem syrischen Bürgerkrieg und die Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung. Am Beispiel des Untergrund-Krankenhauses „The Cave“ in der Stadt Ost-Ghuta, die von 2012 bis 2018 von den Regierungstruppen Assads belagert wurde, wirft Fayyad einen erschreckenden Blick auf die Situation in seinem Heimatland.

In den letzten Jahren gab es bereits viele Dokumentationen über den syrischen Bürgerkrieg. Zum Beispiel Feras Fayyads Vorgängerfilm „Die letzten Männer von Aleppo“ von 2017, „Für Sama“ war dieses Jahr ebenfalls oscarnominiert, letztes Jahr gab es die deutsche Co-Produktion „Kinder des Kalifats“.

Wieso also noch eine Bürgerkriegsdokumentation schauen? Hat man nicht langsam alle Gräueltaten gesehen? Der Krieg dauert immer noch an, es werden immer noch Kriegsverbrechen begangen, es sterben immer noch unzählige Zivilist*innen und Unbeteiligte. Die Schwächsten, häufig die Kinder, sind am stärksten gefährdet. Das macht Fayyads Dokumentation schmerzhaft deutlich. Die zentrale Figur darin ist die Kinderärztin Amani Ballour, weshalb in dem Krankenhaus überwiegend die Jüngsten behandelt werden. Die Leere und Verzweiflung in deren Augen sind erdrückend. Manche Kinder kennen nichts anderes als den Krieg, wurden geboren und sterben im Hagel der Bomben. Außerdem ist die psychische Belastung der Ärzt*innen zutiefst beklemmend. Amani Ballour erzählt, dass sie genau weiß, wie sie manchen Kindern das Leben retten könnte, aber weil die benötigte Medizin fehlt, muss sie mit ansehen, wie diese vor ihren Augen sterben.

Außerdem zeigt „The Cave“ durch den Aufbau des Krankenhauses in einem komplexen unterirdischen Tunnelsystem beeindruckend den Überlebenswillen der Verbliebenen in Ost-Ghuta. Das tief verzweigte Krankenhaus wird nicht nur zum schützenden Bunker, sondern zur Zuflucht und zum Ort der Hoffnung für die Menschen.

Was Feras Fayyad mit seiner Dokumentation eindringlich gelingt, ist ein ungeschönter Blick auf die Schwierigkeiten, die Frauen im Bürgerkrieg haben. Sexismus und klassische Rollenbilder hören nicht einfach auf, wenn eine Stadt belagert wird. Als ein Mann die Medizin für seine Frau nicht bekommen kann, macht er Amani Ballour verantwortlich, schiebt es auf ihr Geschlecht: „Frauen sollten Zuhause bleiben.“ Würde ein Mann das Krankenhaus leiten, würde alles besser laufen, ist sich der verzweifelte Ehemann sicher.

In einer anderen Szene besucht die Kinderärztin eine kranke Familie, die mit Hunger und Kälte zu kämpfen hat. Als sie den Frauen einen Job im Krankenhaus anbietet, um so an Essen und Hilfe zu kommen, antworten diese mit: „Unsere Männer würden das nie erlauben.“

Das Krankenhaus ist stets in ein klinisch-grünliches Blau getaucht. Manche Patient*innen sehen das Licht der Sonne nie wieder, nachdem sie eingeliefert wurden. Trotzdem geht tief unter der Erde die Zuversicht nicht verloren. In einem hoffnungsvollen Moment wird Amani Ballour an ihrem 30. Geburtstag mit Popcorn überrascht. Das Krankenhauspersonal sitzt zusammen, lacht und genießt einen Moment abseits des Bombenhagels.

Die erschreckendsten Bilder liefert „The Cave“ aus dem März 2018. Anfangs verstehen die Krankenpfleger*innen und Ärzt*innen nicht, was passiert: „Es ist verrückt. Menschen sterben ohne Verletzungen.“ Doch relativ schnell wird ihnen klar, dass die Ursache dafür ein Chlorgasangriff ist. Leblose Kinder werden hereingetragen, Menschen schnappen verzweifelt nach Luft, sie ersticken. Folge des Giftgases. Das Krankenhausteam steht daneben, versucht irgendwie zu helfen und kann doch nichts tun.

 

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.