Die Schönheit der Schmerzen

DOK.fest München: „The Self Portrait“ ist ein mutiger Film über die Fotografin Lene Marie Fossen, die ihren eigenen, kranken Körper zum Gegenstand ihrer Kunst macht.

Von Nina Mohs

Von Nina Mohs

Von Nina Mohs

Nina Mohs

aufgewachsen in Aaachen und Wiesbaden. Studium der Theaterwissenschaft, Sprache, Literatur und Kultur an der LMU in München (2015-2018) und Theater-, Film- und Fernsehkritik (seit 2018). Einige Jahre auf und hinter der Bühne des Theaters verbracht. In die Bereiche Filmverleih und Postproduktion eingetaucht, aber immer beim Schreiben geblieben. 3 Jahre als Redakteurin bei M94.5 Beiträge getextet, produziert und gesprochen. 2018 dann die Entscheidung für den Kulturjournalismus mit Schwerpunkt Film und Theater. 2019 das erste Mal das Theaterfestival UWE, mitorganisiert.

Read more

Für immer ein Kind sein und sich niemals mit den Problemen des Erwachsenwerdens beschäftigen – das ist Lenes Wunschvorstellung. Und sie ist auch der Grund, warum sie mit zehn Jahren aufhört zu essen. So erklärt sie sich ihre Krankheit, die Anorexie, an der sie jahrelang leidet. Die junge Fotografin Lene Marie Fossen wird bald dreißig Jahre alt sein, doch ihr Körper hat die Pubertät nie erreicht. Lange Krankenhausaufenthalte werden zur Normalität, ohne die Unterstützung ihrer Eltern kann sie sich nicht fortbewegen.

Doch Lene hat einen Traum, von dem ihr Körper, ihre Krankheit, für sie ihr persönliches Gefängnis, sie nicht abhalten soll: die Fotografie. Von ihrer Kunst möchte sie gerne leben können und auch von anderen Menschen als Künstlerin wahrgenommen werden. Dafür thematisiert sie in ihren Fotografien das Offensichtliche, sich selbst.

Begleitet bei der Arbeit für ihr Selbstporträt wird die Norwegerin von den Regisseur*innen Margreth Olin, Katja Hogset und Espen Wallin. Daraus entstanden ist der Dokumentarfilm „The Self Portrait“. Die drei Filmemacher*innen beobachten aber nicht nur den Prozess von Fossens Arbeit, sondern sie beobachten vor allem die Künstlerin selbst. So entwickelt sich aus dem Film über ein Selbstporträt ein Porträt im Porträt, um das faszinierend schmerzhafte Werk von Lene verstehen zu können.

Die Regisseur*innen begleiten Lene in eine Krankenhausruine auf der griechischen Insel Chios, die sie als Setting für ihre intimen Fotografien gewählt hat. Sie fühle sich selbst wie das kaputte Gebäude, erzählt sie in einem Interview. In den zerfallenen, eingestaubten Räumen der Ruine fotografiert sie sich selbst und ihren fragilen Körper, mal in romantischen Kleidern, mal mit Blumenkränzen oder fast unbekleidet. Ihre Mutter steht daneben, betrachtet ihre Tochter und versucht zu verstehen, was da gerade passiert. Später, während einer Ausstellung der Bilder, wird sie Lene sagen, dass sie stolz sei, und jetzt wisse, worum es gehe, was sie davor nicht realisiert habe.

Denn obwohl die Bilder erschreckend sind, verbirgt sich in ihnen eine Schönheit! Weil die wahre Lene zum Vorschein kommt. Nicht durch die Darstellung ihres von der Krankheit gezeichneten Körpers, sondern durch ihr Selbstbewusstsein in der Fotografie. Sie ist überzeugt von ihrer Kunst, zeigt das Schöne in den Schmerzen und bekommt die verdiente Anerkennung. Fotografen wie Morten Krogvold, die international erfolgreich sind, unterstützen sie und sind von ihrer Kunst überzeugt.

Die Dokumentation zeichnet diese Glücksmomente auf, wenn Lene nicht die kranke Lene ist, sondern die Künstlerin Lene. Doch oft versprechen diese nur ein kurzes Glück, denn ihr Zustand verschlimmert sich mehr und mehr, ihre Sicht verschlechtert sich. Sie hat Angst, nicht mehr fotografieren zu können. Die Angst vor dem eigentlichen Leben kehrt zurück, sie gibt nur noch wenige Interviews, die jetzt im Krankenhaus stattfinden. Den Kampf gegen die Krankheit verliert Lene, aber das, was von ihr bleiben wird, ihre Kunst: Das helfen Olin, Hogset und Wallin zu bewahren in ihrem emotionalen Porträt.

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.