Filmen, um zu leben

DOK.fest München: Barbara Paz hat mit „Babenco: Tell Me When I Die“ eine beeindruckende Liebesklärung geschaffen an ihren an Krebs verstorbenen Ehemann, den Regisseur Hector Babenco.

Von Tobias Obermeier

Von Tobias Obermeier

Von Tobias Obermeier

Es ist eine emblematische Szene, als Hector Babenco alleine im Kino sitzt. In einem Sessel in der letzten Reihe sitzt er und raucht eine Zigarre, während auf der Leinwand sein großer internationaler Durchbruch „Kiss of the Spider Woman“ läuft. Seinen kahlen Kopf hat er mit einem einfachen Cap bedeckt, das tief in das Gesicht ragt. Langsame Flamenco-Musik begleitet das Geschehen auf der Leinwand. Dort unterhält sich der homosexuelle Luis Molina, gespielt von William Hurt, mit seinem Zellengenossen Valentin Arregui, der wegen revolutionärer Aktivitäten von der brasilianischen Militärregierung inhaftiert wurde, über Valentins Geliebte Marta. William Hurt spricht einen Satz, der nicht besser die Resignation des krebserkrankten Babenco beschreiben könnte: „Ich bin es so müde. Ich bin es so müde zu leiden.“ Als der Satz fällt, beobachtet die Kamera Babencos von der Chemotherapie angeschlagenes und eingefallenes Gesicht, das halb in Schatten getaucht und vom Zigarrendunst umhüllt ist.

Mit „Kiss of the Spider Woman“ wurde der argentinisch-brasilianische Regisseur Hector Babenco 1985 als erster lateinamerikanischer Regisseur bei den Academy Awards für die Kategorie „Best Director“ nominiert. William Hurt gewann als bester Schauspieler einen Oscar. Mit 38 Jahren, kurz nach Fertigstellung des Films, erkrankt Hector Babenco das erste Mal an Krebs. 2016 verlor er den lebenslangen Kampf. Er habe den Tod schon erlebt, sagt er. Jetzt bleibe ihm nur noch, den Film über diesen Tod zu machen. „Babenco: Tell Me When I Die“, gedreht von seiner Frau Barbara Paz, ist dieser Film. Es ist eine Collage von Schwarz-Weiß-Aufnahmen, gedreht im bildgewaltigen Cinemascope-Format. Szenen am Krankenbett, Momente am Strand und Ausschnitte aus Babencos Filmen, die immer den Dialog zu seinem nahen Tod suchen.

Ein verängstigtes Kind läuft nachts eine Straße entlang. Es wird von einem Auto verfolgt, von dem nur die Scheinwerferkegel zu sehen sind. In der nächsten Szene flüchtet ein Mann durch enge Gassen. Ihn verfolgen zwei andere mit Pistolen in der Hand. Im Off sind Fußgetrampel und Schreie zu hören. Immer wieder tauchen Szenen vom Meer und dem Strand auf. In einer läuft Babenco schreiend und nackt am Strand entlang. Neben seiner Regietätigkeit war er auch Schauspieler.

Babencos filmisches Schaffen galt den Außenseitern. Sein erster größerer Erfolg „Pixote“  von 1980 widmet sich den Kindern und Jugendlichen aus den Favelas, die von korrupten Polizisten und der organisierten Kriminalität für deren Machenschaften missbraucht werden. Sein Hauptdarsteller Fernando Ramos da Silva stammt aus einer zwölfköpfigen Familie aus den Favelas Sao Paolos. Babenco sah sich selbst als Außenseiter in einer brasilianischen Gesellschaft, in die er sich als gebürtiger Argentinier nie völlig integrieren konnte.

Bis zu seinem Tod steckte in ihm diese unbändige Liebe zum Film. Er weiß nicht, was zuerst kam, das Filmen oder das Lebendig-Sein, sagt er einmal. Seine Frau Barbara Paz, die eigentlich als Schauspielerin arbeitet, begleitet ihn in seinen letzten Stationen mit der Kamera. Die Kamera wackelt und sucht langsam sein Ziel, der Fokus stimmt nicht. An einer Stelle erklärt Babenco ihr gelassen aber fast schon lehrmeisterhaft das Verhältnis von Brennweite und Tiefenschärfe. Oberkörperfrei sitzt er halb liegend in einem Sessel und schaut zu seiner Frau hinter der Kamera. Am Ende kann sie nur erwidern: „Du bist schön. Du bist sehr schön.“

In seinem letzten Film „My Hindu Friend“ spielt Willem Dafoe einen krebskranken Regisseur, der sich im Krankenhaus mit einem achtjährigen Hindu anfreundet. Babenco diskutiert mit dem kahl rasierten Dafoe über eine Szene. Die Situation wirkt angespannt, sie sind sich uneinig. Es folgen Szenen des Films. Dafoe erhebt sich in seiner Rolle vom Krankenbett, das von unzähligen medizinischen Geräten umgeben ist, zieht den Beatmungsschlauch aus dem Mund und beginnt mit diesem als Mikrofon zu singen: „Ich bin im Himmel.“

Babencos Stimme verändert sich im Laufe des Films. Sie wird gedrückter und ist kaum noch auszumachen. Ein letztes, schwaches Grollen aus den Tiefen des Kehlkopfs. Der Körper ist vollgepumpt mit starken Schmerzmitteln. Er ist nur noch wenige Schritte dem Tod entfernt. Ob er in letzter Zeit vergesslicher geworden ist, fragt der Arzt. Babencos resignierte Antwort: „Ja.“

Am Ende schaut Babenco seiner Frau beim Dreh zu, wie sie im Regen in einem durchsichtigen Schleier zu Gene Kellys „Singing in the Rain“ tanzt. Dafoes Gesicht wechselt sich mit dem Babencos ab. Reales und Fiktion verschwimmen. Das Leben wird zum Film. „Es ist, als ob man durch das Filmen einen extra Tag bekommen würde“, sagt Babenco. „Babenco: Tell Me When I Die“ ist nicht nur ein Film über seinen Tod. Es ist eine Liebeserklärung an ihn und seine Filme.

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.