Parallelwelten

Film-Kritik: Der Dokumentarfilm „Neben den Gleisen“ zeigt die Vergessenen der Gesellschaft

Von Natalie Broschat

Als Dokumentarfilmer ist Dieter Schumann mit der Zeit gegangen und auf den Zug aufgesprungen. Er hat einen Fernsehfilm über die große Welle ankommender Flüchtlinge gedreht und sich gefragt, wie eine Kleinstadt in Mecklenburg-Vorpommern damit umgeht. Titel: „Notaufnahme – Wenn Fremde näher kommen“. Während des Drehs entdeckte Kameramann Michael Kockot neben den Gleisen des Bahnhofs Boizenburg, von wo aus die Flüchtlinge zum Erstaufnahmelager in Horst weitergeleitet werden, einen Kiosk. Und hat eine Parallelwelt entdeckt.

Während im Sommer und Herbst 2015 täglich 50-100 Flüchtlinge in Boizenburg ankommen und sich die Menschen im Helfen übertreffen, sitzen im Kiosk die Vergessenen der Gesellschaft, die Ungeliebten der Nation. Sie reden, rauchen, lesen Zeitung und schnapseln. In seltenen Fällen kommen auch Flüchtlinge in den Kiosk, dann treffen zwei Universen aufeinander.

Potenzial für einen Kinofilm

Schumann und Kockot sahen in diesem Kioskleben das Potenzial für einen Kinofilm. Zuerst kam dann aber eine Fernsehproduktion für den NRD, die Rechte am Rohmaterial sicherten sie sich. „Weltbahnhof mit Kiosk – Wie sich Stammgäste und Flüchtlinge in Boizenburg begegnen“ heißt der kurze TV-Film, der eine Grimmepreis-Nominierung erhielt und ein Youtube-Phänomen hervorbrachte: „Eine Fünfjährige wurde gegessen, lebendig, vom Flüchtling. Stand auf Facebook.“ Der Clip mit dieser Aussage ging viral durch die Netzwerke. Ursprung war eine Nachricht vom Postillon.