Alles oder nichts

DOK.fest München: Iva Švarová und Malte Ludin porträtieren in „Tonsüchtig“ die Wiener Symphoniker. Warum das manchmal zu weit geht und wie sich der Film da doch noch einmal herauswindet.

Von Maresa Sedlmeir

Von Maresa Sedlmeir

Von Maresa Sedlmeir

Maresa Sedlmeir

aufgewachsen im Fünfseenland, Studium der Amerikanistik und Theaterwissenschaft an der LMU. Seit dem 9. Lebensjahr im Synchronstudio gefangen, spricht u.a. bei Game of Thrones, Good Girls, Miracle Workers sowie div. Hörspiele und Werbung. Weitergequatscht bei M94.5 als Moderatorin und Redakteurin für Kulturthemen. Seit 2018 Studentin der Theater-Film und Fernsehkritik an der HFF München/August Everding Theaterakademie, wo sie im Juni 2019 das Theaterfestival UWE mitkuratiert und ausrichtet.

Jeder Dirigent tickt anders – so viel weiß man vielleicht schon vor „Tonsüchtig – Die Wiener Symphoniker von innen“, dennoch faszinieren die ersten Minuten des Films. Vier Dirigent*innen – ja es ist auch eine Frau dabei! – bei der Arbeit. Wie unterbrechen sie die Musiker*innen? Sanft oder energisch? Kaum oder oft? Diese ersten paar Takte geben einem einen Einblick in diesen klitzekleinen und zugleich massiven Musikkosmos.

Für die Protagonist*innen von Iva Švarová und Malte Ludin bedeutet ihr Instrument alles – vielleicht befragen die beiden Filmemacher*innen deswegen fast niemanden im gewohnten, professionellen Umfeld, sondern beim Reiten, auf dem Berg, in einem Ruderboot oder sogar in der eigenen Küche. „Ich würde dir manchmal wünschen, dass du abschalten kannst“, sagt die Ehefrau des Cellisten, der nervös Kreise auf den Küchentisch malt. So nah will man dann doch nicht dran sein, was auch daran liegen könnte, dass diese „Privatszenen“ in manchen Fällen peinlich gestellt wirken; den Fluss des Films, seine ganz eigene Musikalität, unterbrechen und aufhalten.

Viel echter ist es, wenn die Protagonist*innen direkt mit Švarová und Ludin sprechen, die selbst nicht zu sehen sind. Oder jene Szenen, in denen die Musiker ihre Instrumente spielen. Zum Ende hin wird der Film richtig stark: Die Symphoniker suchen einen neuen Konzertmeister, respektive eine Konzertmeisterin. „Ich hasse Probespiele“, flüstert eine rothaarige Frau, bevor sie in den Saal stapft.

Hier spielt sie hinter einer Trennwand vor, das Orchester samt Chefdirigenten sitzt im Publikumssaal, lauscht, macht sich Notizen. Die Anspannung wird spürbar; der Druck, der auf diesem Ensemble lastet, noch mehr natürlich auf denjenigen, die vorspielen müssen. Von denen eine(r) mit einem Job in der Tasche nachhause gehen und die anderen mit überhaupt nichts.

Der/die Konzertmeister*in hat eine Sonderstellung im Ensemble, soll die Vermittlerrolle zwischen Dirigent*in und Orchester einnehmen. Der Dokumentarfilm fokussiert sich stark auf Florian Zwiauer, der bis 2019 erster Konzertmeister der Symphoniker war – mehr als dreißig Jahre lang. Wie er mit dem Dirigenten im Wiener Schmäh über ein Glissando fachsimpelt, hat höchsten Unterhaltungswert. Ebenso, wenn er auf seiner Geige den „Wiener Klang“ zeigt, der sanfter ist als der „internationale“.  Ich höre kaum einen Unterschied. Aber zuhören will man trotzdem.

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