Tanz in die Freiheit

„The Euphoria of Being“: Mit dem überwältigenden Porträt der Auschwitz-Überlebenden Éva Fahidi beginnt das Münchner DOK.fest. Die Regisseurin und Choreografin Réka Szabó hat dafür einen sehr besonderen Zugang gewählt.

Von Nina Mohs

Von Nina Mohs

Von Nina Mohs

Nina Mohs

aufgewachsen in Aaachen und Wiesbaden. Studium der Theaterwissenschaft, Sprache, Literatur und Kultur an der LMU in München (2015-2018) und Theater-, Film- und Fernsehkritik (seit 2018). Einige Jahre auf und hinter der Bühne des Theaters verbracht. In die Bereiche Filmverleih und Postproduktion eingetaucht, aber immer beim Schreiben geblieben. 3 Jahre als Redakteurin bei M94.5 Beiträge getextet, produziert und gesprochen. 2018 dann die Entscheidung für den Kulturjournalismus mit Schwerpunkt Film und Theater. 2019 das erste Mal das Theaterfestival UWE, mitorganisiert.

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Nur eine Plexiglasscheibe trennt die zwei tanzenden Gestalten auf der abgedunkelten Bühne. Obwohl das Wort „trennen“ eigentlich der falsche Begriff ist. Die Gestalten – eine  junge nackte Tänzerin und eine ältere in buntem, langem Kleid – bilden eine Symbiose, sind sich ihr gegenseitiges Spiegelbild, schaffen mit ihren Körpern eine projizierte Harmonie aus den sich bewegenden und streckenden Armen, den in Wellen tanzenden Hüften.

Die Szene ist Teil einer Performance und damit auch Teil des Dokumentationsfilms „The Euphoria of Being“ von Réka Szabó. Die ungarische Regisseurin hat sich für dieses Projekt gleich drei Rollen zugeschrieben: Sie ist Film- und Theaterregisseurin sowie Choreografin. Denn ihre Tanzperformance „Sea Lavender (or, The Euphoria of Being)“, genauer gesagt die Entstehung dieser Performance, bildet die Grundlage ihres Dokumentarfilms. Warum diese Performance so besonders ist und zusätzlich mit der Kamera dokumentiert werden muss, lässt sich mit nur einem Namen begründen: Éva

Erzählt wird die Geschichte der Éva Fahidi, die Geschichte der Holocaust-Überlebenden. Mit 18 Jahren wird sie aus Ungarn mit ihrer Familie nach Auschwitz-Birkenau deportiert, sie überlebt als einzige. Danach ist sie zwei Jahre lang krank, veröffentlicht später ein Buch über ihre Geschichte, mit der Überzeugung, dass sie am Leben geblieben ist, um eben diese unverfälscht erzählen zu können. Die Erinnerungen und das Trauma bleiben für immer. Und genau an dieses Trauma knüpft die Regisseurin Réka Szabó mit ihrer Performance und mit ihrem Film an. Durch Bewegung und Tanz sollen die Tänzerin Emese Cuhorka und Éva Fahidi auf der Bühne ihren Traumata Ausdruck verleihen. Der Film begleitet den Probenprozess, die Vorarbeit und betrachtet dabei vor allem Éva, die an ihre körperlichen und seelischen Grenzen stößt. Denn auch wenn Emese eigene Erinnerungen verarbeitet, geht es doch eigentlich um Évas Leben und ihren Kampf mit der Vergangenheit.

Szabó begleitet Éva Fahidi in ihr Zuhause, auf ihr Sofa, fragt sie nach ihren Träumen, während sie sich mit Emese auf dem Boden dehnt. In diesen intimen Situationen gelingt es der Regisseurin, Éva Fahidi ganz nahe zu kommen. Sie beschreibt ihren immer wiederkehrenden Traum, in dem ein Monster ihr den Zutritt zu ihrem alten Zuhause verweigert. Erzählt, dass sie nur ein einziges Mal nach Auschwitz das Haus ihrer Eltern betreten hat, dass sie ihrem Vater Vorwürfe macht, weil sie nicht wie andere 1935 gegangen sind, da er um sein wachsendes Vermögen fürchtete.

Dann ein Szenenwechsel. Die Kamera ist bei den Proben für die Performance in einem kleinen, hellen Studio. Éva Fahidi soll an jemanden denken, der ihr sehr wichtig war. Emese Cuhorka tanzt für sie diese Person. Der innere Kampf ist der 90-Jährigen anzusehen, die Kamera ist direkt auf sie gerichtet, der Schmerz offensichtlich, denn Emese tanzt Gilike – Évas kleine Schwester.

Obwohl das Leid, die Trauer und die Wut von Éva Fahidi in „The Euphoria of Being“ zum Ausdruck kommen, ist es doch vor allem auch die unfassbare Stärke dieser Frau und ihr Lebenswille, die die Dokumentation bestimmen. Wenn sie trotz ihres fortgeschrittenen Alters durch den Probenraum tanzt; wenn sie eigentlich gar keine Lust mehr hat, weil sie ihre schmerzlichen Erinnerungen auf die Bühne bringen soll, aber niemals daran denkt aufzuhören; wenn sie die weinende Emese tröstet oder über ihre alternden Knochen lacht; wenn sie auf einem Bürostuhl quer durch den Raum gedreht wird, weil sie sich wie eine fliegende Biene fühlen will, realisiert man vor allem eines: Éva ist frei! Und das soll jeder sehen.

 

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