Falsche Abzweigung

Im Wettbewerb der Berlinale: Sally Potter schickt ihren Helden in dem Film „The Roads Not Taken“ durch ein Leben, das er hätte haben können.

Von Kevin Scheerschmidt

Von Kevin Scheerschmidt

Von Kevin Scheerschmidt

Kevin Scheerschmidt

Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft B.A. (2013-2018) in Frankfurt am Main und seit 2018 Theater-, Film- und Fernsehkritik in München. Berufung: Film! Motto: Filme müssen wenn möglich auf der großen Leinwand konsumiert werden. Egal ob kleinster Independent oder größter Blockbuster, jeder Film hat das Potential großartig sein zu können. Jeder Film verdient eine Chance.

Molly hat Panik. Ihr Vater Leo meldet sich nicht.

Sie versucht ihn anzurufen, schreibt ihm, die Pflegekraft klingelt, aber er öffnet die Tür nicht. Als Molly, gespielt von Elle Fanning, endlich bei seiner Wohnung ankommt und aufschließt, findet sie ihren Vater im Bett. Offensichtlich geistlich verwirrt, war er in seine eigene Traumwelt abgetaucht, hatte die reale Welt nicht mehr wahrgenommen.

Leo, gespielt von Javier Bardem, scheint generell nie wirklich anwesend zu sein. Er wird heimgesucht von Rückblenden oder Visionen von einem Leben, das er gehabt haben könnte. So richtig klar wird das nicht. Denn die Regisseurin und Autorin Sally Potter spart bei „The Roads Not Taken“ vor allem mit Informationen. Sie erzählt ihren Film minimalistisch, lässt die meisten Fragen offen. Wer ist Leo? Wer ist seine Tochter? Was genau arbeitet sie? Welche Krankheit hat er? Könnte es Alzheimer sein? Wie lange ist sein aktueller Status schon so? Die unklare Lage macht es schwer, sich als Zuschauer emotional hineinziehen zu lassen in diese Geschichte. Zu wenig weiß man über die Menschen und ihre Verhältnisse zueinander. Es ist nicht mal klar, wie gut sich Vater und Tochter eigentlich kennen.

Molly hat für ihren Vater an diesem Tag Termine beim Zahn- und Augenarzt vereinbart. Obwohl Leo traumwandlerisch abwesend und komplett unselbständig wirkt, ist seine Tochter fest entschlossen, ihn dort hinzuzerren. Dass dabei einiges schief geht, ist absehbar. Beim Zahnarzt möchte er den Mund nicht öffnen, wehrt sich gegen das Zahnarztbesteck und pinkelt sich schließlich ein.

Einzelne Momente zwischen Vater und Tochter sind durchaus bewegend. Als sie ihm beispielsweise versucht, die nasse Hose auszuziehen und er sich dagegen wehrt, bringt sie ihm wie einem Kind auf ganz liebevolle Art spielerisch bei, was er tun soll. Sie macht es ihm vor, tanzt herum und bringt ihn dadurch zum Lachen.

Getragen wird der Film von einem starken Javier Bardem. Es ist realistisch, traurig und schockierend, wie er einen Menschen spielt, der sich an immer weniger erinnern und der die einfachsten Alltagshandlungen nicht mehr ausüben kann. Elle Fanning ist das Bemühen nicht abzusprechen, jede Menge Tränen kullern im Laufe des Films von ihren Wangen, aber die nachvollziehbare Trauer ist dennoch nicht glaubwürdig. Zu erzwungen, zu aufgesetzt fühlt sich ihre Darstellung an.

Immer wieder holen Leo die Visionen oder Rückblenden ein. Er streitet mit seiner damaligen Frau Dolores (Salma Hayek); der gemeinsame Sohn ist verstorben und die beiden diskutieren hitzig über die Bedeutung des Tags der Toten in Mexiko. Ein Leben, das er einst hatte? Oder hätte haben können?

Wie die Hauptfigur scheint sich auch Sally Potters Film nicht immer für die richtigen Abzweigungen entschieden zu haben. So kommen beide zwar irgendwo hin, aber zufriedenstellend zurückblicken können weder Leo noch „The Roads Not Taken“.

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