Eigener Körper, eigene Entscheidung

„Never Rarely Sometimes Always“: Ein starker Film im Wettbewerb der Berlinale von Eilza Hittman über Selbstbestimmung. Weibliche Selbstbestimmung.

Von Kevin Scheerschmidt

Von Kevin Scheerschmidt

Von Kevin Scheerschmidt

Kevin Scheerschmidt

Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft B.A. (2013-2018) in Frankfurt am Main und seit 2018 Theater-, Film- und Fernsehkritik in München. Berufung: Film! Motto: Filme müssen wenn möglich auf der großen Leinwand konsumiert werden. Egal ob kleinster Independent oder größter Blockbuster, jeder Film hat das Potential großartig sein zu können. Jeder Film verdient eine Chance.

Never, Rarely, Sometimes, Always: Das sind die Antwortmöglichkeiten, die der 17-jährige Autumn (Sidney Flanigan) zur Verfügung stehen. Bei den Fragen wie „Hat Sie ihr Partner jemals zum Geschlechtsverkehr gezwungen?“ oder „Hat ihr Geschlechtspartner jemals Gewalt angewendet?“ fällt es Autumn schwer zu antworten. Die Fragen werden immer intensiver, zu manchen möchte sie sich gar nicht äußern. Ihre Körperhaltung, ihr Stocken und ihre Tränen verraten dabei viel mehr als die simplen Ein-Wort-Antworten.

Das Ganze ist Teil einer Befragung, die in New York durchgeführt wird, entschließt sich jemand für eine Abtreibung. Die Teenagerin kommt eigentlich aus Pennsylvania, einem Bundesstaat, in dem es Minderjährigen nicht erlaubt ist, ohne Einverständnis der Eltern eine Abtreibung durchführen zu lassen. Autumns Mutter ist zwar engagiert, aber mit drei Kindern und dem Vater, dem scheinbar alles egal ist, komplett überfordert. Unterstützung von der Familie kann Autumn nicht erwarten. So beschließt sie, ohne es ihrer Familie zu erzählen, für die Abtreibung nach New York zu fahren. Als Begleiterin hat sie ihre Cousine Skylar (Talia Ryder) dabei, die sie ohne Fragen und Zögern unterstützt. Kein: „Wie konnte dir das passieren?“ Kein: „Oh Gott, was machen wir jetzt?“ Kein: „Wer ist der Vater?“

Eine Frage, die ohnehin keine Rolle spielt und nicht beantwortet wird in „Never Rarely Sometimes Always“ der Regisseurin Eliza Hittman. Der Fokus liegt nicht auf dem Davor, nicht auf dem Danach, sondern voll und ganz auf dem Jetzt. Der Film ist mit einer unglaublichen Genauigkeit und Sachlichkeit erzählt, nah dran an den Menschen, aber nie überdramatisiert. Natürlich gibt es Hindernisse auf dem Weg, die irgendwie überwunden werden müssen: Irgendwann wird das Geld knapp, die Reise dauert länger als geplant und ohne Unterkunft müssen sich die zwei Cousinen irgendwie die Nächte in New York um die Ohren schlagen.

Aber „Never Rarely Sometimes Always“ ist kein Film, der filmische, unrealistische Hürden einbaut. Kein Film, der ausschließlich zeigt, wie furchtbar schwer die amerikanische Gesellschaft Minderjährigen eine Abtreibung macht. Sondern ein Film, der eine Teenagern zeigt, die eine Entscheidung über ihren eigenen Körper trifft, die einen Plan schmiedet und diesen umsetzt.

„Never Rarely Sometimes Always“ zeigt, dass selbstbestimmtes Handeln möglich und notwendig ist. Ein Film, den es dringend gebraucht hat.

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