Gespräch mit einem verspeisten Fisch

Im Wettbewerb der Berlinale: Abel Ferrara inszeniert in „Siberia“ mit Willem Dafoe in der Hauptrolle eine irrlichternde Reise durch Raum und Zeit.

Von Kevin Scheerschmidt

Von Kevin Scheerschmidt

Von Kevin Scheerschmidt

Kevin Scheerschmidt

Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft B.A. (2013-2018) in Frankfurt am Main und seit 2018 Theater-, Film- und Fernsehkritik in München. Berufung: Film! Motto: Filme müssen wenn möglich auf der großen Leinwand konsumiert werden. Egal ob kleinster Independent oder größter Blockbuster, jeder Film hat das Potential großartig sein zu können. Jeder Film verdient eine Chance.

Willem Dafoe ist Clint, der Besitzer einer Bar im eisigen Sibirien. Erst befindet er sich dort, bewirtet Einheimische, schläft mit einer deutlich jüngeren, hochschwangeren Frau. Dann ist er mit seinem Schlitten und seinen Huskys unterwegs. Plötzlich ist er mitten in der Wüste, die Hunde sind immer noch da. Zurück in seinem Haus findet er im Keller eine alte Frau, blutüberströmt und verstümmelt. Aus dem Nichts öffnet sich dort eine riesige Schlucht; und dann auf einmal tanzt Clint in einer frühlingshaften Umgebung mit vielen Kindern um einen Maibaum herum. Die ständigen Ortswechsel verwirren. Eine Handlung bietet der Regisseur Abel Ferrara in „Siberia“ nur ganz abstrakt an.

In einzelnen Szenen kann Willem Dafoe zeigen, was er im Repertoire hat. Aber meistens starrt er nur regungslos ins Leere. In einer verwirrenden Szene spricht er gollumartig mit dem sich auf dem Wasser abzeichnenden eigenen Spiegelbild, das scheinbar sein Vater sein soll. Das Licht ist dabei stark gesetzt, Dafoes Gesicht in bedrohliches Orange-Rot getaucht. Irgendwas scheint da gewesen zu sein in der Vergangenheit. Mit seinem Sohn oder seinem Vater. Oder mit beiden? Bereut er irgendwas? Plötzlich sitzt er an einem Küchentisch, ganz offensichtlich nicht in seiner Hütte in Sibirien, und hat Spielzeugfiguren in der Hand.

„Siberia“ ist mehr spiritueller Trip in eine unergründliche Psyche als ein narrativer Film. Eine Traumreise, die ab und an alptraumhaft wird, wenn ein Bär überraschend Clint angreift oder er die Schlucht im Keller hinabstürzt. Und am Ende spricht ein Fisch zu ihm, den er eigentlich schon gegessen hatte.

Wer einen spannenden Film mit Willem Dafoe und Schlittenhunden haben möchte, der könnte mit dem Disney+-Film „Togo“ ab Ende März mehr Glück haben. Aber wer im ganzen Berlinale-Wahnsinn mal eine Pause braucht, der könnte mit dem unaufgeregten „Siberia“ vielleicht richtig liegen. Ein Film, den man entweder nutzen kann, um sich darüber den Kopf zu zerbrechen, oder um mal ein Nickerchen einzulegen.

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.