„Ich glaube, ich bin hier falsch“

Im Wettbewerb der Berlinale läuft Philippe Garrels „Le sel des larmes“. Damit hat das Festival unter seiner neuen Leitung einen weiteren Skandal nach den Protesten gegen den Konkurrenten „DAU“: Denn wie kann es sein, dass ein derart frauenfeindlicher Film als potenzieller Gewinner eines Goldenen Bären in Betracht gezogen wird?

Von Kevin Scheerschmidt

Von Kevin Scheerschmidt

Von Kevin Scheerschmidt

Kevin Scheerschmidt

Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft B.A. (2013-2018) in Frankfurt am Main und seit 2018 Theater-, Film- und Fernsehkritik in München. Berufung: Film! Motto: Filme müssen wenn möglich auf der großen Leinwand konsumiert werden. Egal ob kleinster Independent oder größter Blockbuster, jeder Film hat das Potential großartig sein zu können. Jeder Film verdient eine Chance.

Filme mit frauenfeindlichen Hauptfiguren sind grundsätzlich zunächst einmal nichts Verachtenswertes. Ein Film kann durch ein solches Fallbeispiel anschaulich machen, welche Konsequenzen derartiges Verhalten haben kann. Oder aber frustriert aufzeigen, dass solche Menschen manchmal mit ihrem Verhalten trotzdem durchkommen.

Nie aber sollte ein Film das Verhalten einer frauenfeindlichen Hauptfigur legitimieren.

Vergangenes Jahr hatte Fatih Akins „Der goldene Handschuh“ auf der Berlinale seine Premiere. Über den Film gab es große Diskussionen, vor allem über das Explizite in der Gewaltdarstellung gegen Frauen. Unabhängig von dieser Debatte werden aber die Taten des Frauenmörders Fritz Honka nicht glorifiziert oder als legitim dargestellt in Akins Film. Es wird deutlich, dass solch ein Verhalten nicht nachahmungswürdig ist, Honka wird am Ende festgenommen, erhält seine Strafe. Der Film „Der goldene Handschuh“ basiert auf Heinz Strunks Roman, der die wahren Ereignisse im Hamburg der 1970er-Jahre zum Thema hat.

Dieses Jahr läuft nun mit „Le sel des larmes“ ein Film ohne Buchvorlage von Philippe Garrel im Wettbewerb der Berlinale. Zwar gibt es keinen Frauenmörder als Hauptfigur, dafür aber eine frauenfeindliche und männerzentrierte Grundstimmung. Und zusätzlich hat der unsympathische Luc, der Frauen ganz objekthaft austauscht, wenn er das Interesse an einer von ihnen verliert, genügend Möglichkeiten, als Held des Films zu glänzen.

Luc verguckt sich zu Beginn des Films in die Pariserin Djemila. Die beiden lernen sich besser kennen und kommen sich auch körperlich näher. Allerdings ist Djemila noch nicht bereit, mit Luc zu schlafen. Da lässt er sie einfach fallen, schmeißt sie forsch und unfreundlich raus. Sie scheint trotzdem nicht das Interesse an ihm verloren zu haben, möchte ihn weiterhin sehen. Luc trifft währenddessen seine Jugendliebe Geneviève zuhause auf dem Land außerhalb von Paris wieder. Die fährt direkt wieder auf ihn ab, schläft mit ihm, kommt wieder mit ihm zusammen. Ganz frisch mit der alten Freundin neuerlich zusammen, hält Luc dennoch den Kontakt zu Djemila, will sich mit ihr treffen, um doch noch mit ihr zu schlafen. Dem scheint auch Djemila nicht mehr abgeneigt, fast hat man das Gefühl, sie habe ein schlechtes Gewissen, ihn beim ersten Mal zurückgewiesen zu haben. So zieht sie sich extra sexy für ihn an, schminkt sich und wartet auf ihn in einem Hotel. Er kreuzt nicht auf, aber nur, weil seine Freundin Geneviève es ihm unmöglich macht. Sein Verhalten hat keine Konsequenzen. Auch sonst läuft es für ihn: Er wird an einer besonderen Kunst-Tischler-Schule in Paris angenommen, schwimmt auf der Erfolgswelle.

Als er das Interesse an Geneviève verliert, will er sie in den Wind schießen. Doch sie eröffnet ihm, dass sie schwanger ist und das Kind bekommen möchte. Seine Reaktion darauf ist: „Wie kannst du mir das antun?“ Aber statt in die Verantwortung gezwungen zu werden, erzählt Lucs Vater ihm später ganz am Rande, Geneviève habe das Kind verloren. Erneut keine Konsequenzen für sein Verhalten.

Luc lernt schließlich Betsy kennen. Die Voice-Over-Stimme des Films sagt es so: „Und endlich traf er eine Frau, die ihm ebenbürtig war.“ Weil eine Frau, die nicht direkt beim ersten Treffen mit ihm schlafen möchte, ihm nicht ebenbürtig ist? Weil eine Frau, die Verantwortung für das eigene Handeln übernehmen möchte und frei entscheidet, das gemeinsame Kind auf die Welt zu bringen (auch wenn es nicht so weit kommt), ihm nicht ebenbürtig ist?

Betsy ist natürlich eine Sexbombe, wird genau wie Geneviève ausgiebig beim Duschen gezeigt. Ein Arbeitskollege von ihr, mit dem sie ebenfalls schläft, zieht vorübergehend bei Luc und ihr ein, bekommt eine Matratze auf dem Boden als Bett. Von der Wohnsituation ist Lucs Vater ziemlich irritiert. Auf dessen Frage, wie der anwesende Arbeitskollege damit umgeht, dass die beiden im selben Zimmer Sex haben, antwortet Luc: „Wenn er sauer ist, geht Betsy kurz rüber zu ihm, schläft mit ihm und kommt dann wieder zurück.“ Betsy ist das Objekt, das von Mann zu Mann weitergereicht wird beziehungsweise sich selbst weiterreicht. Je nach Bedürfnis und Stimmungslage der Männer.

Es mag die Argumente geben, Philippe Garrel sei ein Regisseur der alten französischen Schule, da habe man das halt so gemacht. Aber wir befinden uns im Jahr 2020. Nicht jeder Film muss so komplexe Frauenrollen wie „Lady Bird“ oder „Portrait of a Lady on Fire“ haben. Aber kein Film sollte mehr ein solches Frauenbild vermitteln, wie es „Le sel des larmes“ tut. Luc wird sogar zum Helden, als er seine schwarzen Freunde vor zwei weißen Rassisten rettet. Das Prinzip des „White-Saviors“ ist grundsätzlich nicht unproblematisch, Philippe Garrel zeigt auch hier kein Fingerspitzengefühl.

Gegen Ende des Films kehrt Luc noch einmal zu Djemila zurück, um sie „wiederzusehen und vermutlich mit ihr zu schlafen“, so das Voice-Over. Seine erste Angebetete des Films ist inzwischen hochschwanger (nicht von ihm), er stellt perplex fest: „Ich glaube, ich bin hier falsch“ und stolpert aus der Wohnung.

Schließlich stirbt Lucs Vater (was in keinem Zusammenhang als „Strafe“ für seine Handlungen gelesen werden kann), Luc verbannt den ungewollten Mitbewohner aus seiner Wohnung und seine Freundin Betsy hält ihn weinend im Arm. Ein tragisches Ende für Luc, aber ein Gefühl von Mitleid stellt sich nicht ein.

Dass es solche frauenfeindlichen Filme immer noch gibt, lässt sich wohl nicht so schnell ändern. Es ist aber nicht nachzuvollziehen, dass Philippe Garrels Film in den Wettbewerb der 70. Berlinale aufgenommen wurde. Auf der Website der Berlinale heißt es zum Wettbewerb, er sei die „Visitenkarte des Festivals“ und biete „einen detaillierten Einblick in die Gegenwart und die Zukunft des Kinos“.

„Le sel des larmes“ bietet höchstens einen Einblick in die Vergangenheit, in eine Zeit, über die das moderne Kino schon längst hinaus sein sollte.

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