Im Mikrokosmos der Ausbeutung

In der Sektion Panorama bei der Berlinale: Kitty Green erzählt in ihrem ruhigen, aber eindringlichen Spielfilmdebüt „The Assistant“ vom System des Schweigens in einer Filmproduktionsfirma.

Von Tobias Obermeier

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Der Arbeitstag beginnt für Jane, wenn die Stadt langsam aus ihrem Schlaf erwacht. Es ist noch stockdunkel, als ein Fahrer sie vor ihrer Haustür abholt und durch das Lichtermeer der New Yorker Hochhausschluchten in die Arbeit bringt. Sie ist die Erste im Büro. In der Stille des frühen Morgens druckt sie sorgsam Terminpläne aus, sortiert diese und heftet sie zusammen. Im Besprechungszimmer räumt sie benutzte Gläser weg und beseitigt Krümel vom Vortag auf dem Tisch und der Couch. Nebenbei läuft Filterkaffee durch die Kaffeemaschine in der Teeküche. Als die ersten Mitarbeiter an ihr vorbeihuschen, isst sie noch hastig ein paar Löffel bunter Cornflakes mit Milch aus einer Schüssel. Den Rest stellt sie in die Spüle. Danach schnappt sie sich die ausgedruckten Pläne und verteilt sie an ihre Kollegen.

Jane arbeitet als Assistentin in der New Yorker Niederlassung einer Filmproduktionsfirma. Ihr Büro teilt sie sich mit zwei Kollegen. Das des Chefs befindet sich gleich hinter einer Tür neben ihrem Schreibtisch. Ihre Arbeiten als Assistentin sind generisch, nie genau bestimmbar. Sie führt Telefonate, bucht Reisen, bestellt Mittagessen oder bereitet den Besprechungsraum mit neuen Getränken und Snacks für das nächste Meeting vor. Die Regisseurin Kitty Green zeigt in ihrem beeindruckend ruhigen, aber intensiven Spielfilmdebüt „The Assistant“, das auf der Berlinale in der Sektion Panorama läuft, einen üblichen Büroalltag, der so überall zu finden wäre. Es sind jedoch die kleinen, feinen Spuren, die Green ohne große Sensationslust still und leise legt und die einen tiefverankerten Machtmissbrauch offenbaren. Das System Weinstein zeigt sich hier in den Details.

Die Büroräume sind nüchtern und kühl gehalten. Langsam verliert sich darin die Belegschaft in geschäftigem Treiben. Es wird telefoniert, über Kalkulationslisten gebrütet und in die Tastaturen gehackt. Geschäftspartner kommen und gehen. Die Kamera von Michael Latham beobachtet das Treiben ganz genau. Jane, wunderbar kontrolliert und zurückhaltend gespielt von Julia Garner, möchte in der fünften Woche ihrer Anstellung nichts falsch machen. Ausschließlich in ihren Blicken zeigt sich, wie sie die subtilen Hinweise auf den Machtmissbrauch ihres Chefs bemerkt. Beim Aufräumen in seinem Büro findet sie eine Frauenhalskette auf dem Boden, ihre beiden Kollegen tuscheln unter vorgehaltener Hand, eine neue junge und attraktive Kollegin, die Jane in ein Hotel bringen soll, wird plötzlich eingestellt, die Ehefrau, die wutentbrannt bei ihr anruft und nach ihrem Mann frägt und der Chef selbst, der sie am Telefon zur Sau macht, weil ihre zurückhaltende, vorsichtige Antwort an seine Frau schon zu viel war.

Der Chef, diese übermächtige und allgegenwärtige Instanz, bleibt unsichtbar. Kitty Green will ihn nicht zeigen. Es geht ihr nicht um einen speziellen Fall mit einem speziellen Boss, sondern um ein System des Missbrauchs und des Schweigens, dessen selbstverständliche Alltäglichkeit seit der #Metoo-Debatte nach und nach aufgebrochen wird. Und darum, wie mühevoll es ist, diese Selbstverständlichkeiten männlicher Dominanz aufzubrechen. Jane, die die Zustände im Büro nicht hinnehmen will, wendet sich an den Personalchef und erzählt ihm von ihren Beobachtungen. Der bezweifelt bei aller gespielten Hilfsbereitschaft, dass hier ein Problem vorliegt und gibt ihr beim Hinausgehen nur den Hinweis, dass sie sowieso nicht der Typ des Chefs wäre.

Kitty Green hatte sich zuvor vor allem mit zwei Dokumentarfilmen einen Namen gemacht. In „The Ukraine is not a brothel“ begleitet sie die Femen-Bewegung in der Ukraine und in „Casting JonBenet“ behandelt sie den ungeklärten Mord an einer sechsjährigen Schönheitskönigin. Dass sie sich nun an ihren ersten Spielfilm gewagt hat, liegt daran, dass sich bestimmte Themenkomplexe nur im Schauspiel einer Inszenierung prägnant behandeln lassen, wie sie selbst sagt. Die kaum sichtbaren Machtverhältnisse und die geduldete Ausbeutung innerhalb einer Firma wären in der dokumentarischen Form wohl nie auf diese Weise darstellbar.

Es ist die große Stärke des Films, dass er so wenig zeigt, die Wirkung dadurch aber umso stärker ist. Als Jane am Ende des Tages, wenn es schon wieder dunkel ist, als eine der Letzten das Büro verlässt, weiß sie, dass sie nur ein unbedeutendes, kleines Rad im System ist. Solange alle anderen schweigen, wird sich nichts ändern.

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