Ein Milchbrötchen, bitte!

Im Wettbewerb der Berlinale: Kelly Reichardt demontiert in ihrem Anti-Western „First Cow“ mit subtilem Humor tradierte Bilder von Männlichkeit.

Von Tobias Obermeier

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Die Grundlagen des Kapitalismus sind einfach: Wo eine Nachfrage, da ein Angebot. Und wo das Angebot knapp ist, ist der Preis hoch. Ein Prinzip, das auch in den entlegensten Gegenden funktioniert. So auch in einem Handelsposten im kaum erschlossenen US-Bundesstaat Oregon zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Es heißt, vor kurzem hätte jemand eine abgebrochene Gabel für ganze 10 Silbermünzen gekauft, weil es sonst keine mehr gibt. Und der Verkauf von Biberfellen gehe zurück, weil Biberfellmützen in Frankreich nicht mehr in Mode sind. Aber lange würde es sowieso nicht mehr dauern, dann hätten die Trapper den letzten Biber erschossen. Und der Vorsteher des Handelspostens hat erstmals drei Kühe nach Oregon verschiffen lassen. Stier und Kalb hätten den Transport aber nicht überlebt.

Die Regisseurin Kelly Reichardt liefert mit ihrem Film „First Cow“ einen wunderbar bedächtigen, dabei nicht minder faszinierenden Anti-Western, der vom widrigen Leben der ersten Siedlerpioniere im pazifischen Nordwesten erzählt. Dabei wirft sie sämtliche Konventionen männlicher Filmhelden über Bord. Reichardt hat das Drehbuch zusammen mit ihrem Stammdrehbuchautor Jonathan Richard geschrieben, von dem auch die Buchvorlage „The Hard Life“ stammt. Angenehm einfach, schlicht und ruhig erzählen sie von der unzertrennlichen Freundschaft zweier Männer, die mit genügend Erfindergeist und etwas unlauteren Methoden zu Kleinunternehmern werden.

Der Film beginnt zunächst mit einem Prolog in der Gegenwart. Eine Frau entdeckt beim Spazierengehen mit ihrem Hund zwei nebeneinander liegende Skelette am Waldrand nahe einem Fluss. Rückblende in die 1820er: Der Einzelgänger „Cookie“ Figowitz reist als lausiger Koch mit einer Gruppe Trapper durch die Wälder Oregons. Seine Kochkünste sind so schlecht, dass seine hungrigen und aggressiven Gefährten mehrmals in Streit darüber geraten. Als er genug davon hat, trennt er sich von der Gruppe und freundet sich mit dem chinesischen Auswanderer King Lu an. Beide träumen in den Tag hinein und denken darüber nach, wie sie erfolgreiche Unternehmer werden können.

Für den Weg zum Reichtum brauche es nur etwas neues, das es davor noch nicht gab. Man muss schneller sein als alle anderen. Als Lu von der ersten Kuh Oregons erzählt, die dem Handelsvorsteher gehört, kommt ihnen die zündende Idee. Sie schleichen sich nachts an die Kuh heran, melken sie und backen mit der kostbaren Milch Brötchen, die sie auf dem örtlichen Markt verkaufen. Das Geschäft ist so erfolgreich, dass bald der dümmliche Handelsvorsteher selbst die Milchbrötchen probiert und beide daraufhin bittet, für eine Teeparty mit einem Armeeoffizier einen speziellen Früchtekuchen nach englischer Art zu backen.

Cookie und Lu, gespielt von John Magaro und Orion Lee, gehen dabei mit absoluter unternehmerischer Raffinesse vor. Sie brauchen das Geld, um ihren Traum vom eigenen Hotel in San Francisco zu erfüllen. Nacht für Nacht schleichen sie sich an die Kuh heran. Cookie melkt, während er die Kuh streichelt und ihr immer liebevoll zuredet. Lu sitzt auf einem Baum und hält Wache. Die Freundschaft der beiden wird dabei jenseits von althergebrachten Männlichkeitsbildern und Western-Stereotypen erzählt. Sie sind keine aggressiven Trunkenbolde, die sich im Dreck prügeln, sondern sie kochen in Lus windigem Holzverschlag, putzen ihn und hören einander zu.

Man kann Kelly Reichardt gar nicht genug dafür danken, wie sie mit feinem und subtilem Humor ihre Figuren all das machen lässt, was Westernhelden eigentlich nicht tun. Es ist dabei absolut berührend zuzusehen, wie beide ohne viele Worte zueinander finden. Das fängt schon zu Beginn des Films an, als Cookie Lu aus der Patsche hilft, der nackt auf der Flucht vor russischen Halsabschneidern ist. Cookie gibt ihm eine Decke und versteckt ihn in seinem Zelt. Von dem Moment an ist ihre Verbundenheit zueinander besiegelt.

Reichardt verweigert sich wie schon in ihren vorangegangen Filmen den Erzählkonventionen des Kinos. Sie hat sich nach ihren großen Erfolgen wie „Old Joy“, „Night Moves“ oder zuletzt „Certain Women“ einen eigenen minimalistischen Stil zugelegt. Die Bilder, wieder von Kameramann Christopher Blauvelt eingefangen, sind im Format 4:3 statisch und ruhig gehalten. Die Geschichte bleibt teilweise auf der Stelle stehen, um danach wieder an Zug zu gewinnen. Große Gewaltausbrüche werden angedeutet, verharren dann aber nur in der Andeutung oder verlaufen ins Leere. Reichardt geht es vielmehr um die freundschaftliche Zuneigung zweier Männer in einer archaischen und gewalttätigen Welt. Auch wenn die Schönheit nicht siegt, der Glaube daran geht nicht verloren.

Bei all dem ist „First Cow“ aber auch eine Geschichte über die Zwänge des Marktes und den Kampf zwischen Reich und Arm, Ausbeuter und Ausgebeutete. Die immigrierten Arbeiter wie Cookie und Lu werden genauso klein gehalten wie die Natives, die für den Handelsvorsteher nichts als Haussklaven sind, die man bei zu wenig Leistung ordentlich verprügeln muss.

Cookie und Lu wollen ihrem kümmerlichen Dasein entfliehen. Die Verhältnisse lassen das nur zu, indem sie kriminell werden. Sie kalkulieren ihre Preise genau, wissen wie viel Milch sie der Kuh klauen können. Sie diskutieren mehrmals darüber, wann sie genügend Geld haben, um das Weite zu suchen. Doch am Ende war es das eine Mal zu viel. Das eine Mal, das sie auffliegen lässt, als das Geld schon gereicht hätte, als sie ihren Träumen schon so nahe waren. Sie müssen sich dem Gang der Geschichte fügen, der im Prolog abzusehen war.

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